"Hart aber fair" zu Sterbehilfe "Ich erwarte doch nicht, dass Ärzte mich lieben"

Frank Plasberg wollte mit seinen Gästen über das Thema Sterbehilfe diskutieren, geladen waren vor allem Gegner - und Ober-Befürworter Roger Kusch. Doch der Höhepunkt bei "Hart aber fair" war das sehr persönliche Streitgespräch eines Ehepaars.

Von

"Hart aber fair"-Talkrunde zum Thema "Sterbehilfe - von den Bürgern gewollt, vom Staat verboten?"
WDR/Dirk Borm

"Hart aber fair"-Talkrunde zum Thema "Sterbehilfe - von den Bürgern gewollt, vom Staat verboten?"


Der Tod, wie Palliativmedizinerin Susanne Riha ihn versteht, ist ein Delta am Ende jeden Lebens. "Wo alle Wege ins Meer führen", dürfe man keinen betonierten Kanal anlegen, der eine finale Schussfahrt zum Exitus garantiert. Über genau diesen Kanal wurde bei "Hart aber fair" gestritten und zwar unter dem Motto: "Sterbehilfe - von den Bürgern gewollt, vom Staat verboten?"

Jürgen Domian, Experte für Abgründiges und damit auch Endgültiges, stellt sich als "einfacher Bürger" vor, der über die Modalitäten seines Todes selbst bestimmen will und in der Debatte Parallelen sieht zur Gleichstellung Homosexueller. Nikolaus Schneider, ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, ist als protestantischer Theologe ein Verfechter des Lebens bis zum Letzten - als Gatte ist er aber bereit, seine krebskranke Frau auf womöglich nicht gottgefälligen Abkürzungen zu begleiten.

Kerstin Griese von der SPD steht hinter einem großkoalitionären Gesetzentwurf, der sich als "Weg der Mitte" präsentiert, indirekte und passive Sterbehilfe rechtlich absichert, palliative Möglichkeiten ausschöpft und lediglich die geschäftsmäßige Sterbehilfe unter Strafe stellt. Weiter geht ihr SPD-Kollege Karl Lauterbach, der Sterbehilfevereinen die Geschäftsgrundlage entziehen möchte, indem er die juristischen Grauzonen aufhellt, in denen viele Ärzten heute schon Sterbehilfe leisten.

Und dann ist da noch Roger Kusch, ehemals CDU-Justizsenator in Hamburg, später Gründer einer rechten Splitterpartei, heute Vorsitzender des Vereins Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e.V.. In dieser Funktion war er 2008 von Plasberg bereits zum gleichen Thema geladen. Aber anders als vor sieben Jahren kommt er diesmal in den ersten 30 Minuten überhaupt nicht zu Wort. Mit demonstrativer Seelenruhe lauscht er einem Gespräch, das um ihn und seinen Verein als das denkbar größte Übel der Debatte kreist.

"Haben Sie ihr nicht die Chance auf einen Neuanfang genommen?"

Denn so sehr sich der Radiomoderator, die beiden SPD-Flügel, die Mediziner und der Kirchenmann unterschieden - in der Verurteilung kommerzieller Sterbehilfe sind sich alle einig. Mit einem Einspieler erläutert Plasberg endlich, warum es dafür gute Gründe gibt.

Die zitierten Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, Kusch und ein Kollege hätten zwei verwirrte ältere Damen in einem Akt gemeinschaftlichen Totschlags buchstäblich in den assistierten Selbstmord gequatscht, möchte Kusch "aus Respekt vor dem Gericht" nicht kommentieren. Und Punkt.

Talkshow-Gäste Lauterbach, Domian, Kusch
WDR/Dirk Borm

Talkshow-Gäste Lauterbach, Domian, Kusch

Plasberg legt mit einem von Kusch selbst dokumentierten Fall nach, bei dem er einer trauernden Witwe über die Schwelle geholfen hatte. Was, wenn die Frau jemanden kennengelernt und neuen Lebensmut geschöpft hätte? "Haben Sie ihr nicht die Chance auf einen Neuanfang genommen?", will Plasberg wissen. Kusch: "Ihre Frage, nur ein wenig anders gestellt", würde überraschenderweise völlig anders lauten, nämlich ob der Verein eine moralische Pflicht habe, die Leute zum Leben zu überreden.

Die Antwort: Nö, habe er nicht. Kusch muss sogar ein wenig lächeln über so viel juristischen Unverstand - ein Verein kann als Körperschaft privaten Rechts doch kein "Mitgefühl" empfinden, also sowas. Von rechts grätscht unvermittelt Domian in die Debatte: "Verdienen Sie was?" Kusch kühl: "Wenn Sie mich ausreden lassen, bekommen Sie eine Antwort." Domian hitzig: "Dann sagen Sie doch mal!" Kusch mit Seitenblick auf Plasberg: "Das überlassen Sie mal anderen…"

Endlich schaltet sich Plasberg wieder ein und erteilt Kusch das Wort. Nicht ohne anschließend zu dokumentieren, dass es für 7000 Euro eine sofortige, für den Grundbeitrag aber erst in drei Jahren die einschlägige Hilfe von Kuschs Verein gibt. Und endlich hat er Kusch so weit, dass er tatsächlich die sicher rechtlich ebenfalls wohlabgewogene, weil wie vorgedruckt klingende Einlassung tätigt, "anders als andere in dieser Runde" habe er noch "nie einen Cent an der Sterbehilfe verdient".

Streitgespräch zweier Liebender

Nach so viel rhetorischer Kälte wird die Sendung erst wieder erträglicher und erkenntnisreicher, als Plasberg Nikolaus Schneiders Gattin Anne ins Einzelgespräch nimmt. Sie hat nach einer "beschissenen Prognose" (Plasberg) das getan, was man "kämpfen" nennt, es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Solange noch auf Licht am Ende des Tunnels gehofft werden könne, sagt sie, solle man auch das Leiden auf sich nehmen.

Wenn Chemotherapie und Bestrahlungen nur noch dazu dienten, das absehbare Ende aufzuschieben, würde sie sich schon zu helfen wissen. Allerdings "über ein Netz" von Medizinern ihres Vertrauens. Sie wünsche, dass Ärzte im Ernstfall keinen Verlust ihrer Approbation oder rechtliche Konsequenzen befürchten müssten. Hier gebe es einen Dissens mit ihrem Mann, der den Schutz des Lebens auch als ärztliche Norm gewahrt wissen will.

Talkshow-Gast Anne Schneider: "Beschissene Prognose"
WDR/Dirk Borm

Talkshow-Gast Anne Schneider: "Beschissene Prognose"

Worauf Nikolaus Schneider sich einschaltet und präzisiert, die Sterbehilfe müsse der Grenzfall bleiben: "Ich möchte mit Ärzten zu tun haben, die dem Leben verpflichtet sind." Und: "Die Liebe steht sowieso über allem." So entspinnt sich ein privates Streitgespräch ethisch-theologischer Natur, in dem Anne Schneider erklärt: "Du liebst mich. Aber ich erwarte doch nicht, dass Ärzte mich lieben." Sie wolle, "dass ein Arzt mir das Medikament besorgt und du dann bei mir bleiben kannst!"

Der kurze Dialog ist so berührend, dass Domian ihn reflexhaft in einen Domian-Moment verwandeln muss, der Frau seinen "Respekt" bekundet und den Mann umarmt. Spätestens hier dämmert, dass es eine Sendung nur mit Anne und Nikolaus Schneider durchaus auch getan hätte.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ponyrage 03.11.2015
1. Scheinheiligkeit
Wer gegen Sterbehilfe ist, möge sich bitte persönlich im Leben derjenigen, die sterben wollen, engagieren - oder die Klappe halten. Anderen entgegenzuhalten, etwas sei eben so und man müsse damit eben fertig werden ohne selbst aktiv zu werden, ist allzu billig. Entweder versuchen etwas zu verbessern - oder sich ehrlicherweise ganz raushalten.
Hesekiel 03.11.2015
2.
Ich habe die Sendung gestern ebenfalls (teilweise) verfolgt, jedoch einen gaenzlich anderen Eindruck bekommen. Ja, der Dialog der Schneiders war bewegend, entbloesste aber auch die Bigotterie des Theologen Nicolaus Schneider. Wenn eine "Norm" oder ein Dogma nur fuer die gesichtslose Masse zu gelten hat, der eigenen Frau dagegen - die im uebrigen bekundete, ueber Kontakt zu Aerzten zu verfuegen, die im Zweifel dem Wunsch nach Freitod entsprochen haetten - dieser Weg, aus Liebe oder was immer, passabel wird muss man doch in meinen Augen zu dem Schluss kommen, dass dieses vertretene Dogma nicht stimmig ist! Was, wenn seiner Frau diese Kontakte zu verstaendnisvollen Aerzten nicht zur Verfuegung stehen wuerden, so wie es vielen anderen Patienten auch geht? Was, wenn der Wunsch nach Freitod eben nicht durch Reise in die Schweiz erfuellt werden kann? Anne Schneider war in der seltenen Situation, sich aufgrund ihrer Kontakte und Finanzen notfalls ueber ein Gesetz hinwegsetzen zu koennen, welches ihr Ehemann politisch vehement vertritt. Wie soll man das noch anders nennen als bigott?! Bester Gast der Runde war demnach fuer mich Karl Lauterbach, der mit einer Engelsgeduld der Flut an Polemik entgegenargumentierte und sehr gut klarstellte, dass Freitodhilfe und Paliativmedizin sich eben nicht gegenseitig widersprechen oder Gelder streitig machen muessen.
Cardio84 03.11.2015
3.
Die Kollegin aus der Palliativmedizin sollte sich mal überlegen mit welchem Recht sie Patienten dazu zwingen möchte die letzten Wochen und Monate über das angeblich so sanfte Flußdelta zu schippern. Es gibt nunmal Leute die die Schussfahrt bevorzugen und für die muss es in einem aufgeklärten Land eine humane Möglichkeit geben ohne sich vor den Zug schmeißen, von Hochhaus zu springen oder sich die Rübe wegschiessen zu müssen. Für die Ärzteschaft muss endlich Rechtssicherheit gelten. Kein Arzt dem seine Approbation etwas wert ist lässt sich auf dieses risikoreiche Spiel in der rechtlichen Grauzone ein. Da sieht man mal wieder wie weltfremd manche Parlamentarier sind. Leider wird sich diese Fraktion wohl am Freitag durchsetzen und es ändert sich in der Praxis nichts. Die Betuchten fahren dann weiterhin zum Sterben in die Schweiz, für die weniger Betuchten bleiben dann nur die oben dargestellten nicht so tollen Möglichkeiten. Armes Deutschland.
brahka 03.11.2015
4. Es gibt kein Schwarz oder Weiß...
... bei diesem Thema. Das Ehepaar Schneider zeigt beispielhaft auf, wie ambivalent dieses Thema sein kann. Auf der einen Seite steht, dass das Leben das höchste Gut ist; man muss es achten und schützen. Dies ist in der Theorie eine eindeutige Sache; tja, bis man selbst in eine Situation kommt, die alles vorher Gewesene unerheblich macht. Eine einem nahe stehende Person, die man liebt, leidet auf unerträgliche Weise. Da ändert man schnell seine Meinung.
karlsiegfried 03.11.2015
5. Wirklich grausam
Ich lasse mir von keinem Menschen dieser Welt vorschreiben, dass ich bis zum bitteren Ende zu leiden habe. Und schon gar nicht von Politikern, der Kirche, Ärzten oder irgenwelchen Privatpersonen, die mit diesem Thema nicht umgehen können oder wollen. Möge jeder Mensch nach seiner Facon sterben. Das ist ein Menschenrecht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.