"Hart aber fair" zu Terrorismus "Ich will Angst haben und zu Hause bleiben dürfen"

Gibt es angesichts der Terroranschläge schon eine Bürgerpflicht zum Mut? Das wollte Frank Plasberg wissen, seine Gäste gaben eine eindeutige Antwort. Immer wieder kam die Rede auf ein anderes Gefühl - Angst.

WDR/ Oliver Ziebe

Es war der Bundesinnenminister, der unlängst den Appell ausgab, der wachsenden islamistisch-terroristischen Verunsicherung mit "trotziger Gelassenheit" zu begegnen. Frank Plasberg spann den Gedanken weiter und fragte forsch: "Wenn Terror Alltag wird - Ist Mutigsein jetzt Bürgerpflicht?" So viel gleich vorweg: Nein, ist es nicht. Jedenfalls war das die mehr oder minder deutliche Meinung der Gäste bei dieser ziemlich vernünftigen "Hart aber fair"-Sendung am Abend eines Tages, an dem die Chronik der schlimmen Ereignisse abermals fortgeschrieben werden musste, jetzt auch um einen Gegenschlag, motiviert durch Islam-Hass.

Der scheint genau ins Kalkül der Terroristen zu passen, die auf Eskalation aus sind, wie Investigativ-Journalist Georg Mascolo (NDR, WDR, "Süddeutsche Zeitung") darlegte. "Frequenz und Perfidie" drohten sich noch zu steigern, gerade weil der sogenannte Islamische Staat (IS) militärisch zusehends verliere. Ausgemacht sei das indes nicht, dämpfte er zugleich, auch wenn es bekanntlich mittlerweile Szenarien gibt, in denen Frauen und selbst Kinder als Täter missbraucht werden. "Eine furchtbare Debatte" ist das für Thomas Strobl, den baden-württembergischen Innenminister. "Aber Wegschauen geht nicht."

Im weiteren Verlauf zeigte sich der CDU-Politiker und Kretschmann-Vize immer wieder um Sedierung bemüht: Bloß keine Panik, aber wachsam sein! Allerdings keinen falschen Heldenmut beweisen wollen wie jüngst einige Briten! Und bitte die Sicherheitskräfte ihre Arbeit tun lassen, auch wenn der Anblick schwer bewaffneter Polizisten bei Großveranstaltungen bei vielen Menschen eher Unbehagen erzeugt.

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"Hart aber fair" zu Terrorismus: Arena der Angst

Mehr noch aber war es ein anderes, stärkeres Gefühl, auf das immer wieder die Rede kam - Angst. Ja, selbstverständlich kann und darf man die haben und daraus auch die Konsequenzen ziehen, so wie die Journalistin Susanne Lenz von der "Berliner Zeitung", die ihrer Tochter ein Weihnachtsmarktverbot erteilte und bei Plasberg wissen ließ: "Ich will Angst haben und zu Hause bleiben dürfen." Mascolo brachte es so auf den Punkt: "Es gibt keine Bürgerpflicht zum Stoizismus."

Alles sei als Reaktion berechtigt, auch die, so Lenz, "total menschliche" Angst, attestierte der besorgten Mutter der Bremer Rechtspsychologe Prof. Dietmar Heubrock. Ihrem Bekunden, sie habe ihr Grundvertrauen verloren, setzte er jedoch auch Zweifel daran entgegen, dass dieses zuvor tatsächlich jemals existiert habe. Es gebe im öffentlichen Raum, auch ohne Terrorismus, "immer gemischte Gefühle".

Wie man damit leben kann, sogar wenn man dem blanken Horror knapp entkommen ist, davon legte noch einmal die Kölnerin Julia Schmitz Zeugnis ab, die zusammen mit ihrem Mann im Pariser Klub Bataclan war, als dort im November 2015 das Massaker stattfand. Nein, sie habe nicht dauernd die Bilder von damals im Kopf, sagte sie. Und sie denke gar nicht daran, von ihrer Leidenschaft für Konzertbesuche abzulassen. Das gefiel insbesondere Strobl, der festgehalten wissen wollte, "wir lassen uns das Feiern nicht verbieten", Schweineschnitzel und Bier inklusive, und der auf die Frage, wie er über seine eigene Gefährdung als Politiker denke, lapidar antwortete: "Gar nicht."

"Ein bisschen" Gewöhnung an Terror

Die Islamwissenschaftlerin und Lehrerin Lamya Kaddor, als aufgeklärte, liberale Vertreterin ihrer Religion gern gebuchter Talkshow-Gast, musste lange warten, bis sie etwas zu dem von ihr initiierten Friedensmarsch der Muslime am Wochenende in Köln sagen konnte, bei dem die Teilnehmerzahl leider nicht so groß war wie erhofft.

Erkennbar frustriert berichtete sie davon, wie sie etwa den türkischen Verband Ditib vergebens dafür zu gewinnen versucht habe. Sie tröstete sich damit, dass das Ganze immerhin ein "Anstoß für die muslimische Zivilgesellschaft" geworden sei. Und CDU-Mann Strobl gab zu bedenken: "Zur Freiheit gehört auch das Recht, nicht zu demonstrieren."

Das Schlusswort blieb dem Psychologen vorbehalten, der bereits zu Beginn konstatiert hatte, es gebe inzwischen "ein bisschen" Gewöhnung an den Terror. "Wir müssen akzeptieren, dass wir mit Unsicherheit leben müssen", lautete sein Fazit. Das sei gerade für die sonst äußerst sicherheitsbewussten und -bedürftigen Deutschen, die sich gegen alles und jedes zu versichern pflegten, nicht eben leicht. Und mit milder Ironie sinnierte der Professor: Hätte er nach dem ersten Anschlag eine Terror-Versicherung angeboten, wäre er jetzt ein reicher Mann.

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Ursprung 20.06.2017
1. Storyboard Terror
Statistiknachweise belegen, dass die Gefahr, in der Badewanne zu ertrinken groesser ist, als per "Terroranschlag" zu sterben. Rechnet man Helmut Schmidts Staatsterror (ZEIT-Interview) noch raus, ist die Risikoberechnung: unendlich langes Leben. Es kann auch der Beweis gefuehrt werden, dass per Ehegattenmord zu sterben die Chance hundertfach groesser ist, als per Terroranschlag zu krepieren. Wird deshalb die Ehe videoueberwacht? Und werden vorsorglich die Metadaten aller Verheirateten gespeichert? Mindestens 30 Jahre lang, Mord verjaehrt ja nicht? Zudem muss man wahrscheinlich die woemoeglich rund dreitausend von 9/11 noch rausrechnen, denn es gibt handfeste Vermutungen, dass jener Terror amerikanischer Staatsterrror gewesen ist, womit der Mord der Hubschrauberbesatzungen an einem Saudi in Pakistan (plus ein paar tausend Drohnenmorde sonstwo plus Kriege in Afghanistan, Irak, Syrien) plus Buback plus 10 NSU-Morde eher nahelegen, die Geheimdienste abzuschaffen, um den globalen Staats-Terrorspuk zu beenden. Denn der ist wirklich hoechst gefaehrlich. Uebrig blieben dann die gewoehnlichen Verbrecher, Moerder, Kleinkriminelle wie Amri, die man besser polizeilich frueh festsetzen sollte, statt sie zu Volksberuhigung nach getaner Arbeit laufend standrechtlich erschiessen zu muessen. Eine Riesenfarce, diese Terrorstory und natuerlich springt die Riesenfarce Plasberg-TV drauf. Man ist da sehr gehorsam gegenueber dem furchtbaren jeweils oertlichen Tiefenstaat gegenueber.
sven2016 20.06.2017
2.
Scheinheilige Propheten unter sich. Jemand, der unsicher ist, ob ihre Tochter geschützt werden kann, zu unterstellen, sie sei schon immer ohne Vertrauen zum Staat gewesen, ist typisch Fernsehprediger, ob Psychologe oder sonstiger Rampen-Wissenschaftler. Erkenntnisse oder Einsichten hat diese Boulevardshow nicht erbracht. Schade. Wieder einmal.
stefan.p1 20.06.2017
3. Wenn der Staat
nicht mehr für die Sicherheit seiner Bürger sorgt , spricht man von Staatsversagen. Und das hat uns Merkel mit Ihrer Politik der offenen Grenzen und den damit unkontrollierten Zuzug von moslemischen Flüchtlingen eingebrockt. Den nächsten Schritt der Eskalalation wurde uns gerade in London vorgemacht.
ronald1952 20.06.2017
4. Diese ganzen Talkshows
taugen keinen schuß Pulver wie man so sagt. Für mich sind diese Leute die größten Dummköpfe die bei uns herunmlaufen. Sie schüren bewust Angst mit Ihrem Gerede über Terrorismus und deren Folgen. Dieser Tenor "ach ich hab ja solche Angst" taugt nur für die Mülltonnen denn der mensch ist eines Spezies die bei Gefahr zwar erst einmal die Flucht ergreift, dann aber bei Gelegenheit um so heftiger zurückschlägt. Angst ist einer der Triebe die es uns erlaubt erst einmal zu Überleben und andererseits sind wir so hoch Aggressiv das wir zu Taten fähig sind wie kein anderes Wesen, dabei ist dann von Angst nichts mehr zu sehen.Das ist genau die Taktik von Terroristen die man als Feiglinge bezeichnen sollte denn das sind sochle Menschen, sie gehen sehr gezielt gegen Gruppen vor die weder Bewaffnet noch ausgebildet sind. Der Bürger sollte einfach nur Wachsamer sein das würde schon helfen.Und die diversen TV-Sender sollten diesen Unfug lassen die Bevölkerung zu Verunsichern mit Ihrem dummen Gewäsch. schönen Tag noch,
crewmitglied27 20.06.2017
5. Der beste Schutz ist
Goßveranstaltungen und Städte zu meiden. Das wird den Staat zu einem Umdenken in Sachen innerer Sicherheit zwingen. Erst durch wirtschaftlichen Schaden und Zusammenbrechen eines Wirtschaftszweigs, der von "Events" lebt, wird der Staat zum Handeln gezwungen. Vielleicht kann er aber auch erst durch einen Streik der Sicherheitskräfte dazu gebracht werden, seine Polizisten besser vor Gewalttätern zu schützen und dann, im Nachgang auch seine Bürger.
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