Körper-Talk bei "Hart aber fair" Es kam dicke

Irgendwer in der "Hart aber fair"-Redaktion hatte da ein leicht gestörtes Bauchgefühl: Zum Start ins neue Jahr diskutierte man ernsthaft und bestürzend flach über Schwabbelbäuche.

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen
WDR/ Dirk Borm

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

Von


Diese Sendung ist ein Eisenbahnabteil. Eins dieser Sechser-Kabuffs, statistisch sorgfältig mit durchschnittsinformierten Menschen befüllt, die, wenn man Pech hat, dann auch noch eine Art Gesprächssimulation aufführen. Zum Jahresanfang geht es, wenn man noch mehr Pech hat, um Abnehmpläne und gesunde Ernährung, schließlich hat man sich - uiuiui, wie ungezogen - über die Feiertage ordentlich die Backentaschen mit Schmalzwaren und Speckspeisen vollgemampft.

Im Bahnabteil muss man dann gezwungenermaßen zuhören, wenn sich die Mitreisenden die plattestdenkbaren Allgemeinplätze um die Ohren hauen. Bei "Hart aber fair" könnte man theoretisch wegschalten, ist aber zu gebannt von der dargebotenen Banalität des Blöden, dass man erst staunend, dann zornig, schließlich resigniert mitfährt bis zur Endstation.

Es geht ernsthaft um das Thema "Wampe oder Waschbrettbauch - gibt es gutes Leben ohne schlechtes Gewissen?", und kurz träumt man sich versonnen in ein Land und eine Zeit, in der das Ausmaß des bundesdeutschen Hüftschwabbels tatsächlich das dringlichste aktuelle Thema ist. Bis man jäh aus seiner Butzenscheibenromantik gerissen wird, weil Margareta Büning-Fesel, die Leiterin des Bundeszentrums für Ernährung, gleich zu Beginn des Feist-Talks eine mindestens matterhornsteile These raushaut: Sie glaubt, viele Menschen hätten eine verzerrte Wahrnehmung vom idealen Körper, weil viele Vorbilder, zum Beispiel Stars, eben sehr dünn seien.

Davon hat man freilich noch nie gehört. Später wird sie noch erklären, was ein Jojo-Effekt ist. Sehr viel neuer Input, den man da auf einmal verarbeiten muss.

Zum Glück kann das Hirn zwischendurch verschnaufen, weil der ehemalige Päm-Päm-Päm-Agitator und heutige Fitnesscoach Detlef Soost ausgiebig Werbung für sein käufliches Verdünnisierungsprogramm machen und ernsthaft behaupten darf, der Name seines Programms "I make you sexy" rege "zum Nachdenken an". Darüber sieht man freilich gern hinweg, denn der vor einiger Zeit um 30 Kilo Erleichterte ist ja auch ein sehr interessanter Gesprächspartner.

"Woher kam das Gefühl: Ich bin zu dick?", fragt Frank Plasberg.

"Ich habe mich zu dick gefühlt", sagt Detlef Soost.

"Wie kam es denn dazu?", fragt Frank Plasberg.

"Ich glaube, ich habe ganz, ganz viel gegessen", sagt Detlef Soost.

Da ist es dann fast eine schöne Abwechslung, sich Vorher-Bauchbilder des Lindenstraßen-Klausis Moritz A. Sachs anzuschauen, der von seiner erfolgreichen Paleo-Diät berichtet, dann aber doch aus ethischen und finanziellen Gründen davon absieht, diese Ernährungsform weiter durchzuziehen: zu viel Fisch, zu viel Fleisch. Ein bisschen mopsig sein sei schließlich auch nicht weiter schlimm, gut und gerne Essen sollte man nicht als Vergehen betrachten, wohlfühlen muss man sich in seinem Körper, nur die Gesundheit müsse man dabei im Auge behalten.

Eigentlich könnte man hier die Sendung wunderbar beenden, erkenntnisreicher wird es nämlich nicht mehr. Leider kann man weder bei einer Bahnfahrt noch bei einer komplett irrelevanten Sendung die Notbremse ziehen, also berichtet das aufgeräumte und patente Übergrößen-Model Angelina Kirsch von ihren schlimmsten Schmähungen in den sozialen Medien, woraufhin Soost die Theorie entwickelt, dass die Anonymität im Internet Menschen zu fieseren Kommentaren enthemmt, als wenn sie die Gemeinheit dem Angesprochenen direkt ins Gesicht sagen müssten.

Jens Baas, Vorstandsvorsitzender einer recht häufig genannten Krankenkasse hat auch noch eine verrückte Idee und spekuliert, gesunde Ernährung und Bewegung seien wichtige Sachen. Und aufgepasst: "Fruchtzucker ist auch Zucker!" Moritz Sachs berichtet, Hashtag Lindileaks, dass in der Lindenstraßen-Kantine der Salat manchmal schon frühzeitig weggefressen ist und manchmal weggeschmissen wird, weil so viel übrig ist.

Wie Mehltau liegen Ergebnislosigkeit und Irrelevanz schon klebrig über dem Geschehen, man wartet sekündlich darauf, dass jemand noch sein geheimes Kohlsuppen-Entschlackungsrezept raustut, als völlig sinnlos noch ein Self-Tracking-Freak seine Armbändchen herzeigen und von einem effizienten Leben schwadronieren darf. Von der Kritik des Dickbauchwesens kippt das ohnehin ja schon schwer schlagseitige Gesprächsthema nun in milde Datenschutzhysterie: Was macht die Krankenkasse mit meinen trackermäßig erhobenen Gesundheitsdaten? Ausgerechnet der Krankenkassenmann gibt zu bedenken, dass man als leidlich begabter Daten-Verramscher anhand von Kreditkartendetails und außerplanmäßig erhöhten Pulsfrequenzen ja heute schon mühelos eine geheime Affäre aufdecken könnte.

Fast, leider nur fast, kriegt Plasberg noch die Kurve zur abschließenden, alles in eine Ringstruktur der Nichtigkeit überführenden Schlussfrage, ob man mit einem verwampten Körper überhaupt imstande sei, eine solche Affäre an Land zu ziehen. Stattdessen fragt er Angelina Kirsch, ob sie denn wüsste, wie sie theoretisch abnehmen könnte, wenn sie doch einmal das Bedürfnis danach hätte. "Nö", sagt Kirsch.

Und nö, einfach nö, denkt man auch.

Mehr zum Thema


insgesamt 56 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thomas.mank 09.01.2018
1. Ringstruktur der Nichtigkeit durchbrochen
Evolution! Ohne diese Sendung hätte es den wunderbaren Bericht von Anja Rützel nicht gegeben. Also selbst aus der „Banalität des Blöden“ kann ein Wert geschöpft werden :-D
dasfred 09.01.2018
2. Wunderbar
Ich las diese Rezension unmittelbar, nachdem ich mir heute Nacht die Aufzeichnung angeschaut habe. Es ist wirklich alles drin, inklusive der Erkenntnis, dass es absolut nichts neues gibt. Eine ausgelutschte Erkenntnis nach der nächsten. Keine kontroverse Diskussion. Aber auch niemand, der mal sagt, dass man mit zunehmendem Bauch Probleme bekommt beim Schuhe zubinden. Hier war nix mit hart aber fair. Hier war nur das, was man immer und überall hört und liest. Frau Rützel, nach dieser Rezension haben sie mir bedeutend mehr Appetit aufs Dschungel Camp gemacht. Da ist Ernährung noch lustig.
stiller_denker 09.01.2018
3. Tolle Sendung ...
... warum muß man die so verreisen? Endlich mal eine Talkshow mit effektiven Erfahrungsaustausch, bei der man einander auch aussprechen läßt. Allemal besser als der Weight-Watcher Kurs in der örtlichen VHS. Und wer Moritz A. Sachs und Angelina Kirsch (oder Maite Kelly und Lars Riedel) in "Let's Dance" gesehen hat, weiß wieviel Kraft, Energie und Ausdauer es etwas molligere kostet, an normalen Freizeitaktivitäten teilzunehmen und was für eine tolle Motivation es ist, wenn man dabei dann sogar Erfolg hat. Und zudem waren die Diskussionsbeiträge um ein Vielfaches informativer und seriöser als die der sonst teilnehmenden Politiker.
observerlbg 09.01.2018
4. Und mal wieder: Anja Rützel, you make my day
Gestern konnten wir hier lesen, dass der Etat der ÖR aufgestockt werden soll. Oder alternativ das Programm reduziert werden MUSS. Und eine große Mehrheit der Foristen hier entschied: JA, bitte reduzieren. Fangen wir bei den Talkshows an. Man, man, wie vermisse ich das tägliche Testbild. Bitte Frau Rützel, machen Sie so weiter. Dann ist wenigstens der Morgen gerettet.
spon-facebook-10000228292 09.01.2018
5. Genau das richtige Thema für Frank Plasberg
denn bei anderen Themen glänzt er doch sehr mit Dumpfheit und Platitüden. Ich finde, Hart, aber fair sollte sich nur noch mit so nichtigen Themen beschäftigen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.