"Hart aber fair" zum Fall Wedel Leute, waren wir nicht schon weiter?

Wedel und die Achtziger hingen wie Bleigewichte an der Debatte: Die "Hart aber fair"-Runde über die Lehren des Falls kam über Altbekanntes kaum hinaus.

Katarina Barley
WDR/Oliver Ziebe

Katarina Barley

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Als dann Katarina Barley von einem kurzen Moment vor Sendungsbeginn erzählte, wirkte das wie ein letzter Versuch, die Talkrunde doch noch ins Jahr 2018 zu schubsen. Die amtierende Arbeits-und-Sozialministerin Barley hatte Maskenbildnerinnen gefragt, ob sie das auch kennten, sexuelle Belästigung. Darauf habe die eine geantwortet: Klar, dem einen Typen wolle sie vor ihrem Ruhestand endlich mal sagen, dass er ein Arsch sei - woraufhin die andere abgewehrt habe: Bloß nicht, sie selbst müsse ja hier noch weiterarbeiten.

Damit hatte SPD-Politikerin Barley mit zwei, drei Federstrichen geschafft, was drumherum auf der Strecke blieb: Sie hatte das Thema der "Hart aber fair"-Sendung "Macht, Mann, Missbrauch: Was lehrt uns der Fall Wedel?" endlich mal von Dieter Wedel weg - und auf das gesamtgesellschaftliche Systemproblem hin dirigiert. Und zugleich illustriert, wie schwer es vielen Frauen fällt, Männern - gerade in beruflichen Hierarchiestrukturen - klar zu sagen: Die Grenze ist hier, nicht überschreiten, bitte, danke.

Die Idee der Sendung war schon verkorkst

Wedel und die Achtziger hingen wie Bleigewichte an der Debatte, die auch wegen der Gästeauswahl so mühselig war: Das Vier-zu-Eins-Prinzip ist nun einmal per se grauenhaft. Noch dazu, wenn Vier ("Frau-TV"-Moderatorin und Journalistin Lisa Ortgies, Ministerin Barley, "Zeit Magazin"-Chefredakteur Christoph Amend und SR-Intendant Thomas Kleist, dazu als Zwischenruferin Emilia Smechowski, die fürs "SZ-Magazin" über ihren Alltagssexismus-Test geschrieben hat) einer Frau wie der emeritierten Strafrechtsprofessorin Monika Frommel gegenübersitzen: Sie ratterte mit ihrem Gesetzes-Fokus permanent an der Linie der Unterhaltung vorbei.

Als lebte sie in einer anderen Welt als der Rest, einer, in der es reicht, dass es Anlaufstellen, Notrufnummern, Prozesskostenbeteiligung gibt; eine, in der es unverständlich ist, dass Frauen den Typen nicht erstmal eine "schallern", um dann ihre Erlebnisse ohne Zögern anzuzeigen. Eine, in der der Fehler bei den Opfern liegt. Und nicht im System. Liest man Interviews mit ihr, in denen sie dafür streitet, dass Deutschland die Frauenschutz-Vereinbarungen der Istanbuler Konvention endlich umsetzt (in Kraft seit 1.2.2018), wirken einige verwirrende Sendungsminuten wie ein Missverständnis. Aber zurück zur Fünferrunde.

Denn das Bleierne steckte in der Idee der Sendung: "Das ist nur Hollywood, haben wir gedacht - nein, das ist auch Saarbrücken", moderierte Plasberg die Sendung an, ein Verweis auf den SR, der jenen einen Mehrteiler im Fokus der "Zeit"-Recherche eingekauft und produziert hatte. Und er schloss ausgerechnet mit dem Nebenschauplatz Gomringer-Gedicht-auf-Schulwand.

Gefangen in Wedels Bademantelwelt

Na prima, alles auf Anfang. Als hätte irgendwer behauptet, sexualisierte Gewalt gäbe es hier nicht. Als hätten wir nicht schon vier Wochen zum Thema hinter uns, seit die "Zeit" die erste Recherche über den TV-Regisseur Dieter Wedel veröffentlichte und Ende Januar noch einmal mit neuen Vorwürfen nachzog. Als wäre es zielführend, 20 Minuten lang die Veröffentlichungschronik wiederzugeben, über die Kriterien von Verdachtsberichterstattung zu debattieren, dann die gleichen Gegenstimmen von Dagmar Berghoff und Sonja Kirchberger zu zitieren wie Maybrit Illner im ZDF am Donnerstag - sinngemäß: Wedel habe es gar nicht nötig zu vergewaltigen. Als sei der Erkenntnisgewinn seit der Weinstein-Welle im Herbst: Null, nix, nada, pöff.

Sekunde, nochmal: Leute, waren wir nicht schon weiter?

Antwort auf diese, zugegeben, durchsichtig rhetorische Frage: Wenn die einzigen Aha-Momente dieser 75 Minuten waren, dass erstens, SR-Intendant Thomas Kleist dauernd Werbung für seine CSR-Arbeitskultur macht; zweitens die Vierer-Teilrunde einig war, die öffentliche Debatte schaffe eine Atmosphäre, in der sich Frauen trauten, ihre Erlebnisse zu teilen; und ansonsten, drittens, bei Monika Frommels Statements ("Das ist ein digitaler Pranger" - und überhaupt, "wie nerven Frauen?") so entgeistert mit den Augen rollte, dass man dachte, das taucht als GIF wieder auf, dann: Sind wir offenbar nicht schon weiter.

Zieht man Barleys Maskenbildnerinnen-Anekdote und ihr beharrliches "Es geht nicht um Sex, es geht um Macht" ab, blieb die Unterhaltung im Kleinklein von Wedels Bademantelwelt stecken. Und selbst die ist nicht so lange her wie Frommels Das-waren-die-Achtziger-Jahre-Tourette suggerierte. Ja, die SR-Produktion "Bretter, die die Welt bedeuten" ist von 1981/1982. Aber der ganze olle Goldene-TV-Zeiten-Quatsch für ZDF oder Sat. 1, der meist als Neujahrsmehrteiler abgefeuert wurde, lief von den Neunzigern bis zur ARD-Doppelfolge "Gier" 2010 (der "schaurigste Aspekt" daran sei "Wedels Frauenbild"). Und nun befand Frommel: "Die alten Geschichten sind mitnichten repräsentativ für heute."

Dann hätte sie mal zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises Ende Januar gehen sollen. Da wippten zum Auftakt Troddeln auf nackten Busen und Bananen um die Hüften, als wären wir in den späten Zwanzigjahren in Berlin. Kann passieren, nee, ist klar. Die Öffentlich-Rechtlichen und Sat. 1, die hinter der Verleihung stecken, sind ja gerade beschäftigt: mit den Akten aus den Wedel-Jahren.

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