"Hart aber fair" zum GroKo-Jahrestag Zwölf Monate Apokalypse

Ein Jahr nach der Bundestagswahl will Frank Plasberg wissen, ob "die Bürger" die Große Koalition noch verstehen. Sahra Wagenknecht und Jörg Meuthen sind skeptisch. Und sonst?

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen
WDR/Oliver Ziebe

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

Von Klaus Raab


Am Ende ist die Diskussion bei "Hart aber fair" dort, wo sie vor genau einem Jahr gewesen ist. Direkt nach der Bundestagswahl 2017 hatte es eine Debatte darüber gegeben, ob Medien, vor allem Talkshows, im Wahlkampf die AfD erst groß gemacht hätten. Nun, im Jubiläums-Talk mit dem Titel "Ein Jahr nach der Wahl: Verstehen die Bürger diese Regierung noch?", sagt der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte: Die AfD profitiere von Abstiegsängsten - auch deshalb, weil Deutschland "Angstweltmeister" sei. Ständig gebe es Krimis und "apokalyptische Talkshows" im Fernsehen. Ob er gerade an einer teilnehme, fragt Moderator Frank Plasberg. Und Korte: Das mögen die Zuschauer entscheiden.

Die ersten 28 Minuten des Abends: Nahezu eine halbe Stunde lang suhlt sich die Runde im Schlamm der Affäre Maaßen. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, SPD, der die erkrankte Justizministerin Katarina Barley vertritt, hat die Ehre, einerseits seine Parteichefin Andrea Nahles für den Umgang mit der Angelegenheit zu loben, andererseits CDU-Chefin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer zu tadeln. CSU-Politiker Stephan Mayer, parlamentarischer Staatssekretär in Seehofers Innenministerium, erwidert, das entstandene Chaos "hat ausschließlich die SPD zu verantworten". Um schließlich die Leute zu verunsichern mit dem Satz: "Wenn wir uns gegenseitig in der Öffentlichkeit schlecht machen, dann verunsichert das die Leute."

Erkenntnis: gegen null. Jörg Meuthen immerhin, der Bundessprecher der AfD, der am anderen Ende des Tisches sitzt, will sich darüber nicht beschweren. Pflichtgemäß sagt er zwar, es gehe ihm ums Land. Aber: "Je länger die regieren, desto mehr werden wir wachsen."

Die Stichwortgeber des Abends: Sie kommen, wie oft bei "Hart aber fair", aus einer Fußgängerzone. Diesmal aus der in Dortmund. Dort hat die Redaktion einige Menschen befragt, die anschließend als "die Bürger" in den Sendungstitel einziehen. Zusammengefasst: "Das ganze Theater jetzt mit dem, wie heißt er jetzt noch mal...? Das ist Mist." (Er heißt Hans-Georg Maaßen.) Kellnerinnen bekommen eine schlechte Rente. Und drei ältere Männer sorgen sich, dass sich Geflüchtete in Deutschland ins "gemachte Nest" setzen, während ein jüngerer Mann es nicht mehr hören kann. Frank Plasberg übersetzt die Statements brav in Folgefragen: "Was sagen Sie Menschen wie Frau Piech?"

Die Bewegung des Abends: Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Linkspartei und Kopf der "Aufstehen"-Bewegung, sitzt neben Meuthen. Sie muss in der Runde am meisten rotieren. Kopf nach rechts, Kopf nach links, der Konkurrent sitzt für sie überall. Michael Müller von der SPD, der ihr vorwirft, mit "Aufstehen" parlamentarische Kräfte zu schwächen, hält sie entgegen, Bewegungen könnten auf Parteien Druck ausüben. Es müsse endlich um soziale Themen gehen. Die Große Koalition sorge in dem Bereich nur für "minimale Verbesserungen".

Meuthen von der AfD wirft sie unter anderem vor, seine Partei habe nicht einmal ein Rentenkonzept. Und der vorliegende AfD-Vorschlag aus Thüringen etwa lasse sich auf den Nenner "Gute Renten für Deutsche" bringen, nicht aber für Nichtdeutsche, auch wenn sie eingezahlt hätten. Wagenknecht selbst findet, das österreichische Rentenmodell sei ein "sehr interessantes". Aber da grätscht nun Frank Plasberg dazwischen: "Man kann unsere Systeme nicht vergleichen." Genaueres stehe dann im Faktencheck im Internet, man habe keine Zeit für ein Hauptseminar.

Der Zukunftsgedanke des Abends: Es obliegt dem Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte, ihn zu unterbreiten. Plasberg unterbricht ihn allerdings auch nicht immer wieder mitten im Satz, anders als die Parteivertreter, die eher zum Schaukampf eingeladen worden zu sein scheinen. Korte also empfiehlt: "Riskantes Denken", denn "mit Reparaturarbeiten am Wohlfahrtsstaat gewinnen Sie keine Wahl". Etwas Neues sei angesagt, irgendetwas mit "Projektcharakter". Die Kanzlerin ("Vereinsamung", "Sinkflug", "Realitätsverlust") entziehe sich dem mit ihrer "Empörungsverweigerung" systematisch. Die Große Koalition sei ein "Stillhalteabkommen im Minenfeld".

Die Folgesendung des Abends: Nach "Hart aber fair" kommen die "Tagesthemen", und dort geht es um die Entschuldigung der Bundeskanzlerin für die Art, wie auch sie die Affäre Maaßen gehandhabt hat. Die Redaktion unterlegt den Beitrag mehrmals mit einer Songsequenz von Tracy Chapman: "Sorry!", singt sie. Von wegen also, es gibt im Fernsehen nur Krimis und apokalyptische Talkshows. Infotainment gibt es auch.

insgesamt 74 Beiträge
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nite_fly 25.09.2018
1. Naja,
Würde unsere sensationsgeile Presse, und die Rundfunk-Anstalten, der AFD nicht so viel Raum geben, hätte die auch definitiv nicht so viel Erfolg! Die Medien haben da sehr viel mit der Meinungsbildung zu tun! Die kommen mir manchmal so vor, als wenn die absolut sensationsgeil an ein Thema ein Steichholz hinhalten, um zu erforschen, wie gut das dann wohl brennt... Doch die Aufmerksamkeits-Spanne durchschnittlicher Bürger reicht halt schon nicht mal für 15 Minuten Tagesschau aus, geschweige denn für vertiefende Beiträge, die den Zusammenhang auch für die dümmsten Menschen unserer Republik so erklären, dass auch die das verstehen können... Das ist ein Zusammenspiel aller: der sensationsgeilen Medien, die, vom eigenen Konzern getrieben, Umsätze erwirtschaften müssen, und dabei jedes Maß an Ethik und Moral verloren haben, um ihre Zahlen erfüllen zu können! Aber auch von geldgeilen Lobbyisten, die ohne mit der Wimper zu zucken, über Leichen gehen, um ihre Interessen durchdrücken zu können, zu Lasten der Bevölkerung, denn da gibt es immer noch jede Menge Geld, das es abzuholen gilt!
erik93_de 25.09.2018
2. Paßt schon ins Bild...
...daß der Vorschlag der Linken, das österreichische Rentenmodell von Plasberg nicht diskutiert wird. Könnte der Zuschauer ja drauf kommen, daß das a) gut für ihn ist und das b) die Linke einen Vorschlag zur Lösung des Problems macht, und das Thema nicht nur ventiliert. Und genau davor hat unser allerliebstes Mediensystem die größte Angst. Am Anfang gehen nur Anzeigenkunden verloren (Presse), am Ende kommt man vielleicht noch drauf, daß die Narrative der bürgerlichen Massenmedien der Grund sind, warum 99% sich von 1% nach Strich und Faden knechten lassen.
phiwagner 25.09.2018
3. monarchische Gelder freigeben
Probleme für Deutschland lösen: Ganz einfach, enteignet einfach alle Fürsten, Grafen und sonstige Landräuber des Mittelalters, dann geht es Deutschland wieder gut.
bukeqi 25.09.2018
4. Dieser Oskar, also nee...
Hat der Inklusionswahn jetzt auch die Boulevardtalkshows erreicht? Gut, wenn man sich schon zum beschüzten Talken verstehen will, hat man auch besondere Mühe walten zu lassen bei Gästen mit besonderem Bedarf. In sofern hat der Moderator, Herr Maischberger, seinen Job ganz gut gemacht. Denn dass Müller und Mayer ADHS-mäßig aus dem Ruder gelaufen wären, kann man jetzt nicht behaupten, und auch als verhaltensoriginelle Störenfriede sind sie nicht aus der Rolle gefallen. Und dann waren ja noch die drei anderen Matadore, die offensichtlich von der Redaktion selbst eingeladen waren: Der kleine Professor mit dem großen Intellekt; der große Professor mit dem kleinen Intellekt und dazwischen: La Wagenknecht, der schwarze Diamant. Intellektuell, rhetorisch, optisch - scharf aber sehr! FAZIT: Der Moderator - wie immer halt - rettete sich bei Überforderung in den "Faktencheck" (genial irgendwie); Prof. Korte - Donnerwtter, so weit links hatte ich ihn bis dato nicht gewähnt (sehr sympathisch); Prof. Meuthen - hatte vergessen sich die Kreidereste aus den Mundwinkeln zu wischen; und Sahra? Erst zum Niederknien, dann zum "Aufstehen!". Dieser Oskar - akso wirklich... Ach so, die beiden Jungs noch, Müller und Mayer.
opinio... 25.09.2018
5. Projekte?
Bloß nicht, die Maut reicht mir schon und sie kommt mit, nicht ohne Merkel!
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