"Hart aber fair" zur Wahl "Wir sehen, wie schwer das wird mit den Jungs in der Bundesregierung"

Frank Plasberg wollte Politiker mit Forderungen der Wähler konfrontieren, es ging um Steuern, Rente, Wohnen. Die Sendung wirkte wie ein Treffen verfeindeter Steuerberater, samt männlicher Muskelspiele.

Spahn, Lindner, Tappert, Schwesig, Bartsch, Plasberg
WDR/ Oliver Ziebe

Spahn, Lindner, Tappert, Schwesig, Bartsch, Plasberg


Hinein in seine übliche Politiker-Runde hatte Moderator Frank Plasberg für seinen "Hart aber fair"-Talk diesmal Alexander Tappert gesetzt, Alleinunterhalter, drei Kinder, um dessen "Stimme es zu ringen" sich noch lohne. Der Mann stand tapfer als Beispiel für eine Mittelschicht, die strampeln muss und doch auf keinen grünen Zweig kommt.

Zunächst wirkt die Sendung wie ein Treffen verfeindeter Steuerberater. Auf die Zuschauerfrage, wie denn mit der Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge umzugehen sei, dürfen Dietmar Bartsch (Die Linke), Manuela Schwesig (SPD), Christian Lindner (FDP) und Jens Spahn (CDU) jeweils zwanzig Sekunden lang darüber referieren, wie sie sich eine faire Besteuerung von "leistungslosem Einkommen" vorstellen.

Kaum, meint Bartsch am Beispiel von Susanne Klatten. Spahn erklärt, Kapital läge nicht "in Jachten oder Villen", sondern stecke in Unternehmen, die ja auch Steuer zahlten und den Wohlstand überhaupt erst erwirtschafteten. "Den Sound kenne ich", präzisiert Lindner seine Ängste vor einer Reichensteuer, "das ist der Sound von François Hollande in Frankreich, und am Ende lag Frankreichs Wirtschaft am Boden und Gérard Depardieu war Russe geworden."

"Vor Herrn Bartsch beschütze ich mich schon selber"

Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, erinnert daran, dass sie lange beim Finanzamt gearbeitet hat, "auch in der Steuerfahndung". Daher wisse sie, wie streng bei der Fahrtkostenpauschale auf die gefahrenen Kilometer geschaut würde. Gerechtigkeit!

Auch die FDP, so Lindner, wolle die Geringverdiener besserstellen. Zu Plasberg sagt er: "Bei Ihnen reicht's schon, wenn wir Sie vor Herrn Bartsch beschützen!" Plasberg launig: "Vor Herrn Bartsch beschütze ich mich schon selber durch meine Wahlentscheidung."

Es ist das erste Mal, dass Schwesig die männlichen Muskelspiele ein wenig auf die Nerven gehen: "Herr Lindner", wird sie später sagen, "jeder merkt, dass Sie vor Kraft nicht laufen können", aber er müsse sie doch auch mal ausreden lassen. Und am Ende wird sie konstatieren: "Wir sehen alle, wie schwer das wird mit den Jungs in der Bundesregierung!"

Die erfundene Krankenschwester in München-Mitte

Schwer hat es Schwesig in dieser Runde weniger wegen des männlichen Gesprächsverhaltens ihrer Kontrahenten. Die klassisch sozialdemokratische Position ist der goldene Mittelweg, und der klingt sogar bei der Frage an, wie man bezahlbaren Wohnraum schaffen könne: "Ich glaube, man darf das eine nicht gegen das andere ausspielen", also Baukindergeld gegen Sozialwohnungen.

Klar treten die Profile hier bei allen Parteien zutage. SPD und Linke wollen eine gescheite Mietpreisbremse und sozialen Wohnungsbau (Spahn: "Mängelverwaltung! Das kennen wir ja von den Sozialisten!"), CDU und FDP wollen lieber "Investitionsanreize" schaffen und, speziell die FDP, Hinderungsgründe wie die "immer irrer werdenden" Standards "bei der Dämmung" abschaffen - womit Lindner, weil kein Grüner anwesend ist, ein wenig ins Leere läuft mit seiner Kraft.

Spahn bringt wiederholt die gute alte "Neiddebatte" ins Spiel, die von Plasberg aber als "Folklore" abgetan und erledigt wird. Dafür erfindet Lindner beispielsweise eine "Krankenschwester, die in München-Mitte wohnt", was wiederum von Bartsch beschmunzelt wird, ja, die würde er gerne mal kennenlernen. Plasberg wittert die Lücke und prescht hinein, fragt Linder: "Wissen Sie, wie hoch der Quadratmeterpreis in München ist?" Lindner: "Ja, hoch!"

Auch Spahn bekommt keinen Kredit

Bürger Tappert bringt sich noch einmal ein und wünscht, der Staat würde den Erwerb von Eigentum besser unterstützen. Durch seine Mietzahlungen beweise er doch, dass er "dieses scheiß Haus bezahlen" könne, wenn es nur einen Kredit gäbe - ohne Sicherheiten in Höhe des Bau- oder Kaufpreises.

Hier weiß Spahn aus seinem eigenen Nähkästchen zu plaudern: "Mein Bankberater hat mir auch gesagt: Sie haben nur einen Vierjahresvertrag, Sie bekommen keinen Kredit!" Plasberg hält das für einen schlechten Scherz, aber Spahn ist es ernst. Sein Engagement als Alleinunterhalter ist auch nur befristet, da läuft nichts.

Ins Leere läuft am Ende ein Zusammenschnitt aus dem nonverbalen Zusammenspiel zwischen Lindner und Spahn. Plasberg würde das gerne als Präfiguration einer schwarz-gelben Koalition sehen, Lindner und Spahn eher nicht.

Gefragt, ob er als Wähler nun aus dem Zahlenhagel aus Prozentpunkten, Steuersätzen und Freibeträgen irgendwie schlauer geworden sei, antwortet Tappert schlicht: "Nein." Sichtbar geworden waren tatsächlich nur die ideologischen Gegensätze und Verwandtschaften der einzelnen Parteien.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Manuela Schwesig sei Ministerpräsidentin von Schleswig Holstein. Tatsächlich ist sie Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern. Wir haben den Fehler korrigiert.



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
Seraphan 12.09.2017
1.
Also, alles wie sonst auch. In keiner Weise wird an den Bürger gedacht, Probleme werden nicht gelöst, sondern der schwarze Peter wird den anderen zugeschoben, während man sich und seine Partei beweihräuchert.
kladderadatsch 12.09.2017
2. Private Altersvorsorge
ist derzeit praktisch nicht möglich. Zinsen werden besteuert, obwohl sie unter der Inflationsrate liegen und Kursgewinne von Aktien, obwohl die Gewinne schon im Unternehmen versteuert wurden. Bei der Sendung wurde vergessen zu erwähnen, dass das Risiko von Aktien viel höher als bei Zinsanlagen ist. Gerad die hier zitierte Tesla-Aktie wird das zeigen. Deswegen halten die risikoaversen auch Deutsche so gut wie keine Aktien.
klausbrause 12.09.2017
3.
Für politischen Zynismus muß wohl ein neuer Maßstab eingeführt werden. Die Spahn-Skala. Das ist die Skala, auf der sich minimale Bewegungen in Richtung sozialen Ausgleichs als Neid bezeichnet wird und die mangelnde zusätzliche Geldversorgung von wohlbestallten Staatssekretären (z.B. die mit den pfiffigen Ideen) und Unternehmersöhnen via Kredit trefflich in Übereinstimmungen bringen lassen. Eigentlich muß man sie nur reden lassen.
burlei 12.09.2017
4. @Urban Spaceman, #1
Nun, in meiner Heimatstadt, 40.000 E., seit Jahrzehnten konservativ regiert (CDU/FDP/BG) wird auch wie verrückt investiert und gebaut. Häuschen von 350.000 Euro aufwärts, jedes mit ein paar Quadratmetern Rasen rundum, Doppelgarage usw. Also etwas, was sich junge Familien nicht leisten können. Sozialer Wohnungsbau? Auch.... Für je 100 Wohnungssuchende gut 15 neue Wohnungen. Die Stadt breitet sich wie eine Krake im Umland aus, immer mehr Fläche wird vernichtet, die Infrastruktur von Straßen über Einkaufsmöglichkeiten (z.B. Nahversorger) bis zu Schulen usw kommt nicht mit. Investitionen hier? Fehlanzeige. Bringt auch keine Rendite. Alle sind unzufrieden, nur CDU/FDP/BG, Investoren und Banken nicht. Brachflächen gibt es natürlich nicht. Das riesige ehemalige Gelände der Bahn, einst größter Arbeitgeber, jetzt der Privatisierung zum Opfer gefallen, ist entweder mit Hotels und Bürogebäuden zugepflastert worden oder durch einen Urwald überwuchert. Sicher könnte man den als "Brachfläche" bezeichnen, nur ist der offizielle Sprachgebrauch hier "Naturschutzgebiet", weil sich kein Investor findet. Attraktiv ist unsere Stadt auch. Für ein paar Rentnern, Investoren und der regierenden Parteien. Schuldenfrei? Naja, sie steht unter Finanzaufsicht des Regierungspräsidenten, aber für Steuergeschenke und ÖPP ist immer Geld da. Man kennt sich schließlich als Parteifreunde.
kopi4 12.09.2017
5.
Spahn sitzt seit 2012 im Bundestag, er darf sich obendrein den Bonus als parlamentarischer Staatssekretär gönnen, in seinem münsterländischen Wahlkreis würde auch ein Besenstiel als Direktkandidat der CDU gewinnen. Da ist es blanker Hohn wenn er, angesichts Millionen nur befristet Angestellter Arbeitnehmer, behauptet auch seine Kreditwürdigkeit wäre angezweifelt worden. Und so zweifelhaft das er das dubiose Investment beim Startup abblasen müßte war sie dann auch nicht....
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