Hauptstadt-Soap auf RTL II: Runter mit dem Raubtierhöschen, Ole!

Von Daniela Zinser

Viel nackte Haut und reichlich Gestammel: Mit der halb-realen WG-Doku-Soap "Berlin  - Tag & Nacht" will RTL II die Pause bis zur nächsten "Big Brother"-Staffel füllen. Na dann, viel Glück - die Containershow mit dem großen Bruder wirkt gegen diesen debilen Hauptstadtreigen wie ein Uni-Seminar.

RTL-II-Doku-Soap: Laiendarsteller in der Fotolovestory Fotos
RTL II

Kreischende Frauen in Eifersuchtsraserei, taumelnde Männer in Raubtierunterhose und debile Debatten über Mehrheitsentscheidungen am WG-Tisch. So sieht also die Halbwelt aus. Halb real, halb ausgedacht - hoffentlich. Diese Mischung aus Daily-Soap, Scripted-Reality und Doku-Show-Mischung kommt mit noch mehr zweifelhafter Echtheitsgarantie daher als andere Werke des produzierenden Senders RTL II. "Realtainment" nennen es die Macher. Trotz des Titels "Berlin - Tag & Nacht" ist Berlin hier eigentlich nur eins: finster.

Erzählt wird das Leben von sieben jungen Leuten in einer WG in Berlin. Sie arbeiten in Jobs, die man in Berlin halt so hat: Barkeeperin, Motorradmechaniker, Promotion-Lady. Sie haben Probleme, die man in Berlin halt so hat: Mein Typ macht mit einer anderen rum, ich hab nichts anzuziehen, hoffentlich klappt das mit dem Praktikum beim Tätowierer. Es gibt die gute Rundliche, die kleine Zicke, die naive Schöne, die coole Neue, den WG-Papa, den Durchgeknallten und den Frauentyp.

Jede der bislang geplanten 120 Folgen erzählt einen Tag im Leben eines der sieben WG-Bewohner, knapp 60 Minuten lang. Ein bisschen realer ist das Ganze laut RTL II deshalb, weil echte Charaktereigenschaften und Interessen der Laiendarsteller miteinfließen. Das hätte man lieber nicht gewusst. Ist Alina, 23, die bisexuelle "exzessive Flirtqueen" (RTL II) also tatsächlich aus Bottrop? Hat Ole, 24, "der verrückte Partyhengst", wirklich ein Frettchen? Und meint Feuerschlucker Joe, 38, was er sagt?

Aber erstmal zum Inhalt: Ceylan, 22, die "romantische Kratzbürste", ist verliebt in Marcel, 24, Frauenvernascher und talent- wie mittelloser Künstler. Der hat aber gerade seine Ex Meike, 24, lebensfroh - und "blond" (RTL II) - in die WG geholt, weil sie in Berlin neu anfangen und alles vergessen will, außer eben Marcel, ihre erste Liebe. Denn die vergisst man nicht. Sagt Meike. Da sind die anderen in der WG sauer, weil Marcel das doch nicht allein entscheiden kann. Es herrscht nämlich Demokratie.

Sprechblasen voll von verbalem Nichts

Andere Bewerber werden also begutachtet, Ceylan meistert einen um den anderen Eifersuchtsanfall, Nägel werden lackiert, es wird schaumgebadet und sehr freudlos in einer halbleeren Bar gefeiert. Am Ende taucht Joes 16-jährige Tochter auf. Dann geht es um Verantwortung. So zieht sich die erste Folge dahin. Für den Sprüche-Abreißkalender bleibt noch Alinas Merksatz übrig: "Du kannst nicht von einem Blinden erwarten, dass er den Bordstein sieht, wenn du ihm keine Hilfe gibst."

Alle haben eigentlich nichts zu sagen, reden aber viel. Das wird dann gerne authentisch genannt. Es gibt intime Monologe mit der Kamera, abgeguckt etwa von "Big Brother", der anderen sympathischen WG des Trash-TV-Lieferanten RTL II, die "Berlin - Tag & Nacht" nun werktags um 19 Uhr ersetzen soll, bis zur nächsten Staffel. Einige der Darsteller waren schon beim RTL-II-Format "X-Diaries" tätig, auch so eine reale Halbwelt.

Als "die geilste WG Deutschlands, in der coolsten Stadt der Welt" verkauft RTL II sein Realtainment. Und die armen Darsteller müssen Teile des Werbeslogans offenbar in jeden Satz einbauen. Alles ist hier "geil, geil, geil, cool, cool - ey und ohne Scheiß". Es ist wie eine "Bravo"-Fotolovestory, in der die Sprechblasen voll von verbalem Nichts sind.

Von Berlin sieht man nicht viel mehr als das WG-Loft in der Schlesischen Straße in Kreuzberg und die üblichen, aus Soaps bekannten, schnell zusammengeschnittenen Berlin-Sammelbilder von Fernsehturm, Brandenburger Tor und Siegessäule. Ganz Klischee ist auch das Männer- und Frauenbild, Macho trifft Zicke. Einen kleinen Pluspunkt in Sachen Gleichberechtigung gibt es aber dafür, dass Männer wie Frauen halbnackt durch die Wohnung laufen.

Bestimmt gibt es eine Zielgruppe für all das - warum auch nicht. Schlimm ist aber, wie einfalls- und geschmacklos das alles gemacht ist. Das Drehbuch ist grob zusammengekritzelt, der Rest improvisiert, die Dialoge sind Stammeleien. Das soll zumindest halb-real sein? Beim Gedanken daran will man kreischend der Menschheit abschwören und zum Tier werden.


"Berlin - Tag & Nacht", werktags um 19 Uhr auf RTL II

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insgesamt 21 Beiträge
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    Seite 1    
1. .
pannenbaker 12.09.2011
Ja, isses wahr - da steht "Realtainment" drauf, und dann ist gar kein "real" drin. Da darf man als Rezensentin natürlich erbost sein. Oder zur Kenntnis nehmen, dass man es de facto mit einer guten, alten Soap zu tun hat. Ist so ähnlich wie mit Kinderschokolade und Baumkuchen...
2. .
Peet89 12.09.2011
Zitat von sysopViel nackte Haut und reichlich Gestammel: Mit der halb-realen WG-Doku-Soap "Berlin* - Tag & Nacht" will RTL*II die Pause bis zur nächsten "Big Brother"-Staffel füllen. Na dann, viel Glück - die Containershow mit dem großen Bruder wirkt gegen*diesen*debilen Hauptstadtreigen*wie ein Uni-Seminar. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,785673,00.html
Warum wird diesem Mist überhaupt eine Stimme gegeben?
3. what's next ?
eastbayray 12.09.2011
Man meint jedesmal RTL hätte den Tiefpunkt erreicht ... aber wenn man sich bei RTL auf irgendetwas verlassen kann dann schlimmer geht immer ... aber gut ... sie generieren ihre eigene Kohle und mit der können sie eben anfangen was sie wollen ... widerlich ist es trotzdem.
4. .
pannenbaker 12.09.2011
Ach, nebenbei - zu schlimm für eine klickfördernde Fotogalerie war's ja offenbar nicht... :D
5. Schwachsinn in Potenz
kellitom 12.09.2011
Der Schwachsinn bei RTL wird immer größer. DA hilf nur eins: Nich anschauen. Ist die Quote ganz niedrig, endet dieser Schwachsinn ganz schnell!
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