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Heiko Maas bei "Anne Will": Einsamer Klatscher

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Talkshow "Anne Will" Zur Großansicht
NDR/ Wolfgang Borrs

Talkshow "Anne Will"

Wirbel um Heiko Maas: Sein Pressesprecher klatscht im Studio von "Anne Will" so überschwänglich Beifall, dass die Moderatorin ihn darauf anspricht. Ist der Applaus in Talkshows nur Farce?

Was ist passiert?

Anne Will und ihre Gäste verhandelten am Sonntagabend die Frage: "Flüchtlingsdrama vor dem Gipfel - Ist Europa noch zu retten?". Im Studio saßen neben Heiko Maas die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, die Linkspartei-Vorsitzende Katja Kipping, der österreichische Außenminister Sebastian Kurz sowie der slowakische Europaabgeordnete Richard Sulík. Der Justizminister verteidigte den Kurs der Bundesregierung, in der Flüchtlingsfrage auf eine europäische Lösung zu setzen.

Nach einem Redebeitrag von Maas schallte lautes Klatschen durch das Studio, das offenbar nur von einer Person stammte. Das wiederholte sich nach einem zweiten Beitrag des Ministers. Diesmal schaute Anne Will ins Publikum - und erkannte den Klatscher. Als dieser auch ein drittes Mal zu überschwänglichem Beifall ansetzte, sorgte sie für Aufklärung: "Begrüßen wir auch noch mal den Sprecher von Herrn Maas, der hier immer am lautesten klatscht." Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Die "Bild"-Zeitung sprach von einem "peinlichen Moment bei Anne Will", die "FAZ" nannte Maas' Pressesprecher einen "Claqueur".

Was sagt Maas' Pressesprecher zu seinem Auftritt?

Ein Mitarbeiter der Pressestelle des Justizministeriums sagte am Montag, dass Maas' Pressesprecher nicht auf Geheiß des Ministers applaudiert habe. Gegenüber SPIEGEL ONLINE sagte Pressesprecher Steffen Rülke, dass man den Vorfall hausintern mit Gelassenheit und Humor nehme und nicht weiter kommentieren wolle.

Wieso sitzt da eigentlich der Pressesprecher eines Politikers im Publikum?

Das Studio von "Anne Will" hat nach Angaben von Will Media, der Produktionsfirma der Sendung, etwa hundert Plätze. Ein Teil der Plätze ist für normale Zuschauer reserviert. Die Agentur TV Tickets verkauft die Karten für die Sendung, ein Ticket kostet zwölf Euro, hinzu kommt eine Buchungsgebühr. Man kann die Sendung im Paket mit Übernachtungen in Berlin buchen, unter den Zuschauern sind oft Rentner und Schulklassen. Außerdem gibt es ein Kartenkontingent für die Begleiter der Talkshowgäste. Jeder Gast von Anne Will darf maximal fünf Begleiter mitbringen. Bei fünf Gästen könnte das theoretisch ein Viertel des Gesamtpublikums ausmachen.

In der Praxis werde das Kontingent aber selten ausgeschöpft, sagt Nina Tesenfitz von Will Media. Die Begleiter der Talkshowgäste säßen allerdings meist in den vorderen Reihen, "da sie üblicherweise etwas später als das restliche Publikum ins Studio kommen". Wen die Gäste mitbringen, ist ihnen überlassen. Politiker bringen oft ihre Pressesprecher mit. Nicht jeder Sprecher sitze während der Show im Studio; der ein oder andere verfolge die Sendung backstage, sagt Tesenfitz.

Ist ein Pressesprecher im Publikum also ein Claqueur?

Ein Pressesprecher vertritt die Positionen seines Ministeriums und hat eine klare Agenda. Es besteht die Gefahr, dass Pressesprecher durch beherztes Losklatschen eine Welle von Applaus auslösen und damit Zustimmung für die Positionen eines Politikers suggerieren. In mehreren Produktionsfirmen heißt es aber, dass ein Verbot von Pressesprechern im Publikum nutzlos sei. Denn auch die Ehefrau eines Politikers könne begeistert applaudieren. Das Publikum merke selbst, wann Applaus echt sei und wann nicht. Im Klartext: Wenn man es übertreibt - wie der Sprecher von Heiko Maas - fliegt es auf.

Wie regeln die anderen großen Polit-Talks das Problem?

Sehr unterschiedlich: "Hart aber fair" mit Frank Plasberg bietet seinen Gästen drei bis vier Plätze im Zuschauerraum an, in dem insgesamt zwischen 82 (Studio Köln) und 88 (Studio Berlin) Zuschauer Platz haben. Jeder Gast werde gleich behandelt, heißt es beim WDR. Unter den Gästen seien auch Pressesprecher, die oft "in Sichtachse" zu ihrem Chef sitzen wollten. Auch brächten Politiker und Funktionäre deutlich öfter Begleitung mit als andere Gäste. Insgesamt machten aber "ganz normale Gäste" die Mehrheit der Zuschauer aus.

Bei "Maybrit Illner" gibt es kaum feste Regeln. Im Studio ist Platz für 114 Zuschauer. Es sei selbstverständlich, dass Talkshowgäste Begleitung mitbrächten. Üblicherweise gäbe man pro Gast nicht mehr als vier Tickets für dessen Begleitung heraus. Auch wo etwa Pressesprecher von Politikern säßen, sei nicht einheitlich geregelt.

Konsequent gelöst wird das Problem hingegen bei "Maischberger". Hier gibt es - mit Ausnahme einiger Sondersendungen - gar keine Zuschauer im Studio.

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insgesamt 157 Beiträge
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1. Alles Kintopp
ekel-alfred 07.03.2016
Ich habe mir einmal eine Livesendung angetan. Vorne stand der Einpeitscher, der das Publikum anwies, an bestimmten Stellen zu klatschen. Das war zwar ein Privatsender, aber die öffentlich-rechtlichen nehmen sich da bestimmt nicht aus. Ich habe die Sendung gesehen und man musste sich für Maas und seinen "Fan" schon fremdschämen.
2.
paulkersey 07.03.2016
Natürlich ist der Applaus nur Farce. Das ist so offensichtlich in den Talkshows, dass es schon peinlich ist. Alle wissen, dass es Vorklatscher, Vortänzer und Animateure in den Talkshows gibt. Jetzt ein Artikel...
3. Man hat oft den Eindruck...
fletcherfahrer 07.03.2016
...dass einige Studiogäste so etwa ein halbes Dutzend Claqueure mitbringen. Der Beifall wirkt dann zu spontan und zu künstlich.
4. SPD Pleite? Nur Geld für einen Applausor?
genugistgenug 07.03.2016
aber diese 'Anklatscher' gab es doch schon mal, damals hat irgendeine Pressesrecherin losgelegt. Aber wie immer, wenn Argumente, Leistung fehlen, dann greift man eben zu solchen Tricks. Das ist aber bei Profis nicht nötig, eben nur bei Politikern.
5. Mehr als peinlich
Wolfgang Heubach 07.03.2016
Dass Minister ihre Sprecher mitbringen, ist ok. Sie sollten aber ganz hinten sitzen und sich jeglicher Äußerung in der laufenden Sendung enthalten. Das ist üblich. Mehr als peinlich deshalb das Verhalten des Maas-Pressesprechers. Aber typisch für diesen Minister und dessen Umgebung. Die ersten Reihen in solchen Sendungen müssen den Bürgerinnen und Bürgern vorbehalten bleiben und nicht den Begleiterinnen und Begleitern der Talkrunden-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern. Es geht um Informationen und Meinungen und nicht darum, wer am lautesten klatschen kann. Das kann der Glaubwürdigkeit der Öffentlich-Rechtlichen nur förderlich sein.
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