Serienhighlight bei Arte Wenn der Schmalhans mit dem Prahlhans

Ein Koch mit Koksproblem, ein Weinkenner mit Alkoholproblem: "Helden am Herd" ist eine kunstvolle Küchengroteske, feinste dänische Serien-Cuisine.

Arte

"Wie kommen wir nach Dänemark?", fragte einmal der Historiker Francis Fukuyama. Zwar meinte der Historiker damit eine vorbildlich vor sich hinschnurrende Demokratie mit funktionierenden Institutitionen. Er hätte aber auch "Borgen", "The Killing" oder "The Bridge" sehen und sich fragen können, warum ausgerechnet dänische Formate zu internationalen Exportschlagern werden konnten.

In diese ruhmvolle Reihe gehört auch "Bankerot" (2014), das inzwischen bereits fürs amerikanische Publikum als "Feed The Beast" adaptiert wurde und hierzulande nun von Arte ausgestrahlt wird.

Die Geschichte handelt von zwei Freunden, Thomas (Martin Buch) und Dion (Esben Dalgaard Andersen). Der schlaffe Thomas ist eigentlich Sommelier, erzieht das seit dem Unfalltod seiner Frau traumatisierte Kind alleine und lebt mehr schlecht als recht vom Verkauf gebrauchter Kühlschränke. Er hat ein Alkoholproblem und droht, das Sorgerecht für seinen Sohn zu verlieren, wenn er sein chaotisches Leben nicht in den Griff bekommt.

Der straffe Dion hingegen ist soeben auf Bewährung draußen und schuldet der Mafia ein Vermögen. Als begnadeter Koch mit kniffligem Kokainproblem schlägt er Thomas vor, aus dessen Bruchbude ein Restaurant zu machen.

Umkreist wird das Duo von einem Ensemble ähnlich starker, schwieriger Figuren. Da ist die kindliche Hannah, die Thomas in der Selbsthilfegruppe für Verwitwete kennengelernt hat. Da ist ein Psychopath namens "Zahnfee", der seinen Opfern mit eisernem Kuhfuß das Gebiss zertrümmert: "Lächeln. Du musst lächeln, dann fällt es leichter". Und da ist Thomas' zynischer Vater Kurt (Finn Nielsen, dessen Gesicht man noch aus Lars von Triers verstörender Krankenhausserie "Geister" kennt), der als Geldgeber ins Boot geholt wird - und seine Gefühle als Großvater entdeckt.

Fotostrecke

8  Bilder
"Helden am Herd" bei Arte: Die Chaos-Küche

Der Unterschied zur US-Adaption "Feed The Beast", die derzeit auf Netflix eine Zweitverwertung erfährt, liegt nicht nur in einer Reihe ausformulierter Nebendarsteller. In der Freundschaftsgeschichte ergänzen sich die Charaktere, die Liebesgeschichte nimmt die beteiligten Frauen ernst. Die Figuren wachsen aneinander, verlieben und verprügeln, brauchen und betrügen sich.

Als klassischer Film über die Mafia ist "Bankerot" brutal und als Komödie komisch genug. So ist der falsche Reisepass, den Dion sich drucken lässt, auf einen denkbar dummen Namen ausgestellt: "Hans Christian Anderson? Wirklich?". Und als der legasthenische Thomas beim Aufhängen die Buchstaben von "Restaurant" durcheinanderbringt, kommt der Laden unversehens zu seinem Namen: "Resaturnat".

Gedreht in ungesättigten Farben, vor fahlem Hintergrund, entfaltet sich die Handlung umso greller. Die folgt den Regeln der Screwball-Comedy, verkommt aber an keiner Stelle zur Farce - zumal die Bedrohung mit laufendem Motor stets hinter der nächsten Ecke wartet.

Das Kulinarische und Gastronomische, also Dions Kochkünste und Thomas' Fähigkeiten als Sommelier, bleiben hier die einzigen bürgerlichen Element und stehen in reizvollem Kontrast zu den tatsächlichen sozialen Verhältnissen, in denen die Geschichte angesiedelt ist. Manchen geht es bei "Resaturnat" um Geldwäsche, anderen um frittierte Jakobsmuscheln.

So verdienstvoll es ist, dass Arte diesen glänzenden Achtteiler nach Deutschland holt, so lieblos ist die Wahl des deutschen Titels - eine famose Dramödie, dank ihres Namens bis zur Unauffindbarkeit versteckt zwischen den endlosen Reihen dröger Kochshows. Herrgott, "Helden am Herd"? Wirklich? So kommen wir nie nach Dänemark.


"Helden am Herd", ab Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte

Mehr zum Thema


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
abwinken 01.09.2017
1. Einfach zuviel auf einmal
Die Serie ist wirklich richtig gut und man ist eigentlich dankbar das Arte sowas ausstrahlt. Nur, warum der Sender immer 3 bis 4 Folgen auf einmal in einen Sendetermin quetschen muss, bleibt mir rätselhaft.
Frankonius 01.09.2017
2. Schade,
das die Ankündigung erst so spät im Spiegel erscheint. Nun sind die ersten 4 Folgen schon vorbei...
PaulWalker 01.09.2017
3. Folgen noch in der Mediathek
In der Arte-Mediathek sind die Folgen noch zu sehen mit je nach Geschmack angemessenem oder übertriebenem Humor. ;-)
schelmig13 02.09.2017
4. Donnerstag Abend ist Arte Zeit...
Schon seit längerem ist Do. für mich Arte Zeit. Selten solch gute Serien gesehen: schon Wölfe über Cromwell und jetzt Helden am Herd, Erschreckend GUT, toller Witz, viel Gefühl und doch knochenhart. Super Drehbuch und exzellente Schauspieler. Arte nur weiter so....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.