RTL-Weltuntergangsfilm "Helden": Die Acht-Millionen-Euro-Katastrophe

Von Arno Frank

So sehen die Gewaltphantasien eines Zwölfjährigen aus: RTL hat acht Millionen Euro investiert, um einen Katastrophenkracher im Stile von "The Day After Tomorrow" zu drehen. Sehenswert ist an "Helden" aber leider nur eine einzige Szene - ein schwarzes Loch verschluckt Yvonne Catterfeld.

RTL-Katastrophenfilm "Helden": Deutschland ist schrott, der Film ebenso Fotos
RTL

"Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland tut alles, was in ihrer Macht steht, um das Leben, so wie wir es kennen, aufrecht zu erhalten", sagt irgendwann der Bundeskanzler im Fernsehen mit strenger Miene und unter der Last tonnenschwerer Dur-Akkorde: "Deutschland, so wie wir es kennen, hat aufgehört zu existieren. Sie werden jetzt für sich selber Verantwortung übernehmen müssen. Für Ihre Familie, für Ihre Freunde und für Ihre Nachbarn."

Eine ergreifende Ansprache, die Heiner Lauterbach da hält. Dabei geht es gar nicht um die Finanzkrise, sondern um eine selbstgemachte Naturkatastrophe. Im Teilchenbeschleuniger bei Genf haben Forscher den Urknall simuliert und dabei ein handliches kleines schwarzes Loch erzeugt. Es kommt zu tektonischen Verwerfungen, nach denen Deutschland wesentlich aufregender aussieht als vorher. Die Canyons sind so majestätisch wie die Lücken im Plot.

Immerhin acht Millionen Euro hat RTL in diesen rührenden bis rührseligen Versuch gesteckt, sich nach US-Vorbildern wie "2012" oder "The Day After Tomorrow" zu strecken. Und augenscheinlich war es allen Beteiligten eine Freude, sich, hey, einfach mal locker und richtiges Popcornkino zu machen. RTL hatte sichtlich Spaß am Geldausgeben, die Tricktechnik an apokalyptischen Panoramen. Die Schauspieler durften nach Herzenslust chargieren, der Komponist nach Belieben den notorischen Hans Zimmer imitieren.

Die Location-Scouts werden aus dem Lachen kaum mehr herausgekommen sein, nachdem sie, womöglich auf einer ICE-Vorbeifahrt, im markanten Wolfsburger Phaeno-Museum von Zaha Hadid endlich den idealen Darsteller des Forschungszentrums in Genf gefunden hatten. Überdies sind zahlreiche Produkte in diesem Film nicht dezent "platziert", sondern bekamen richtige Nebenrollen, vom BMW-Motorrad ("Ist gut im Gelände!") bis zum Mars-Kinderriegel, der Kindertränen trocknen lässt.

Böses, böses Loch

Wahrlich, über weite Strecken wirkt "Helden" wie die bunte Gewaltphantasie eines tagträumenden Zwölfjährigen. Doch warum macht das Zuschauen dann trotzdem keinen Spaß?

Vielleicht weil dieser Zwölfjährige ein Streber ist. Im Tohuwabohu ruft ein Wissenschaftler in den Raum: "Ich will, dass ihr das mit den Amis abgleicht!" - und das gilt auch den Zuschauern. Tatsächlich folgen Regisseur Hansjörg Thurn ("Die Wanderhure", "Die Rache der Wanderhure") und Drehbuchautor Derek Meister ("Bermuda Dreieck Nordsee") über 140 Minuten penibel den Vorgaben aus Hollywood - vom asthmatischen Dauergefiedel bis zur effektvollen Einäscherung des politischen Zentrums. Hier ist es der Reichstag, dem sozusagen die Nachrichten in konkreter Satellitenform auf den Kopf fallen. Ascheregen, zertrampelte Teddybären, zerrissene Deutschlandfahnen, himmlisches Gegenlicht, Hannes Jaenicke mit Kind auf dem Arm, Streicher. Die Inschrift "Dem deutschen Volke" im Giebel, ach, zerbröselt.

Die zentrale Botschaft im Metaphernsalat lautet: Jeder kann, wenn er nur will, und in der Katastrophe kommt das Edelste in uns zum Vorschein. Angesichts des drohenden Weltuntergangs wird sogar der Penner im Edelrestaurant bewirtet, so menschlich geht's zu. Sie krempeln die Ärmel hoch und wachsen über sich hinaus: der Gurkenbauer Sebastian Ströbel aus dem Spreewald, der ein für die "Story" wichtiges "altes Sprühflugzeug" beisteuert; der zupackende Schalke-Fanclubchef Armin Rohde, der ein ganzes Krankenhaus in einen unversehrten Stollen verfrachtet; seine noch zupackendere Gattin, Krankenschwester Christine Neubauer, die auch einem kranken "Jugo" zu schwelgenden Streicherklängen den "Scheißblinddarm" rausholt; der junge Hacker aus Bayern, der den Code zum Abschalten kennt, aber schnell noch im "Tropical Island" in Brandenburg die Erotikphantasie eines tagträumenden Zwölfjährigen ausleben muss.

Nur die Wissenschaftlerin Christiane Paul kann den Collider stoppen und damit das schwarze Loch stopfen, nur ihr Ex-Liebhaber Hannes Jaenicke kann ihr dabei zur Seite stehen, weil er ohnehin nach Genf muss, wo seine erst zickige, bald aber auch heldenhafte Tochter 16 Stockwerke tief gefangen ist. Dorthin hat's auch die süßen Kinder aus dem CERN-Betriebskindergarten verschlagen, bei dem Yvonne Catterfeld als Erzieherin arbeitet, bis sie ins schwarze Loch gesaugt wird - eine Sternstunde dieses "TV-Events" (RTL).

Mit Atombombe auspusten

Der Weg nach Genf führt das Sprühflugzeug aus Brandenburg zur Bruchlandung nach Gelsenkirchen, nicht ohne zuvor Köln überflogen zu haben. Direkt an der Deutzer Brücke tost ein neuer Rhein-Katarakt. Der Deutschen Schicksalsstrom hat, beseufzt von Geigen, seine Fließrichtung geändert. Böses, böses schwarzes Loch.

Wirklich surreal an diesem Film ist nur der vollverchromte Nationalismus, passend zum Tag der Deutschen Einheit. Ausländer, das sind hier erotische Erntehelferinnen aus dem Osten, wahlweise auch bedürftige Fremdarbeiter aus der Türkei oder Islamisten, denen die unverdiente Gnade deutscher Gastfreundschaft zuteil wird. "Herzlich willkommen!", spricht der Pfarrer im Aufnahmelager: "Es ist sehr eng hier, aber wir werden alle zusammenrücken. Da drüben bekommen sie etwas Warmes zu essen!"

Und was tut der Muselmann, erkennbar am Käppi und dem schlecht aufgeklebtem Bart? Er fragt: "Gibt's auch halal hier? Oder nur Schweinefleisch?" Kurz ringt der Christ um Fassung, dann erklärt er: "Nudeln mit Gulasch. Ich denke, es wird sie alle satt machen." Am Ende aber beten beide Weltreligionen gemeinsam in der Turnhalle, wo es eng ist, aber alle zusammenrücken.

Unterdessen fordern die kriegslustigen Briten auf einer "Sicherheitskonferenz", das schwarze Loch mit einer Atombombe auszupusten. Derweil bemüht sich das Bundeskanzleramt um eine diplomatische, eine eher deutsche Lösung: "Die Schweiz soll einen Korridor öffnen, damit deutsche Truppen da reinmarschieren können!", denn Deutschlands Sicherheit wird auch am Genfer See verteidigt.

Als sich "an der polnischen Grenze" die "eurasische Platte" dramatisch hebt, seufzt ein Experte seltsam erleichtert: "Europa zerbricht." Ein schreckliches, aber auch schönes Szenario. Kurz vor der katastrophenbedingten Wiedereinführung der Reichsmark kommen noch schlechte Nachrichten von der Studentenfront: "Wir müssen in Göttingen und Heidelberg massiv gegen marodierende Banden vorgehen!"

Wir wollen nicht zu viel verraten, aber am Ende meldet sich aus dem Off noch einmal der Bundeskanzler, er hat wieder Dur-Akkorde mitgebracht und die historische Rede aus "Independence Day" eingedeutscht: "Der Tag, an dem wir alle wieder gemeinsam aufstehen, das ist unser Tag. Das ist jetzt der Tag der Deutschen Einheit."

Und jetzt rücken wir alle zusammen, dann können wir gemeinsam beten. Dafür, dass niemals im Ausland jemand diesen sturzdummen, humorfreien und kraftmeiernden Pathos-Quatsch zu sehen bekommt. Sonst werfen die Briten womöglich doch die Bombe.

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1.
Olaf 02.10.2013
Zitat von sysopSo sehen die Gewaltphantasien eines Zwölfjährigen aus: RTL hat acht Millionen Euro investiert, um einen Katastrophenkracher im Stile von "The Day After Tomorrow" zu drehen. Sehenswert ist an "Helden" aber leider nur eine einzige Szene - ein Schwarzes Loch verschluckt Yvonne Catterfeld. "Helden": RTL-Katastrophenfilm mit Lauterbach Jaenicke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/helden-rtl-katastrophenfilm-mit-lauterbach-jaenicke-a-925693.html)
Das ist doch mal eine schöne Filmkritik. Ich kann mir den Film jetzt richtig vorstellen. Wie kriege ich diese Bilder jetzt nur wieder aus dem Kopf?
2. Köstlich ...
caligus 02.10.2013
... DEN muss ich sehen :-D Ein Film, der so schlecht ist, eignet sich zumindest als Schenkelklopfer! Die agierenden Schauspieler scheinen sich auch für nichts zu gut zu sein ... naja, Hannes Jaennicke und Yvonne Catterfield sind ja eigentlich "Warnung" genug :-)
3. optional
sybaris 02.10.2013
Deutsche Filme - es gibt nichts Schlimmeres!
4. Acht Millionen ?
juergw. 02.10.2013
Zitat von sysopSo sehen die Gewaltphantasien eines Zwölfjährigen aus: RTL hat acht Millionen Euro investiert, um einen Katastrophenkracher im Stile von "The Day After Tomorrow" zu drehen. Sehenswert ist an "Helden" aber leider nur eine einzige Szene - ein Schwarzes Loch verschluckt Yvonne Catterfeld. "Helden": RTL-Katastrophenfilm mit Lauterbach Jaenicke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/helden-rtl-katastrophenfilm-mit-lauterbach-jaenicke-a-925693.html)
für solchen Schwachsinn,mit den üblichen Gesichtern an Schauspielern, die wurden hoffendlich gutbezahlt .Schade ,am Ende müßte -alternativlos- Mutti Merkel aus den Trümmern des Reichstages steigen und den Aufbau Ost und West ankündigen!
5. Herrlich
Ratzbär 02.10.2013
Was für ein starker Artikel! - Jetzt weiß ich, was ich an RTL habe, bisher hatte ich das nur vermutet! LOL!
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