Helene-Fischer-Show Asepto-Girl und der Gänsehautmoment

Einmal alles, bitte! Helene Fischer singt in ihrer Show alles mit allen und gräbt dafür antike Showelemente aus. Schönster, ganz unzynischer Moment: Udo Jürgens letzter Fernsehauftritt.

Von

ZDF

Die Helene-Fischer-Show muss an Weihnachten erfunden worden sein. Spät am zweiten Feiertag, wenn der Magen brodelt wie ein Kessel brackiger Ursuppe, weil er in den letzten drei Tagen in beliebiger Reihenfolge und pausenlos mit Pralinen, Sülze, Glühwein, Gans, Kardinalsschnitten, Schweineschnauze und Buttercremetorte gefüllt wurde. Super Showkonzept, muss sich ein festtagsgedunsener Fernsehmensch gedacht haben, als er sich wampig und schlaflos im Bett wälzte: Einfach mal alles zusammenschütten, Pop und Operette und Schlager und Nonnengesang und Boxerballett und sprechende Schildkröten und grölende Wetteransager.

Immer rein damit! Verdaut wird dann morgen.

Je nach Geschmack des Betrachtenden war die jährliche Fischer-Leistungschau so auch in ihrer neuesten Auflage wahlweise eine von überzuckerten Showdesignern befüllte tolle Wundertüte - oder eine endlose Reihe von "Oh no, she didn't"-Momenten. Vermutlich ist die Fischer-Show das einzige TV-Reservat für die klassische Showtreppe und ölige Galane, die die Hauptperson des Abends von besagter Treppe auf die Bühne führen. Ganz in Weiß, mit kurzem Cape angetan, wirkt Helene Fischer zu Beginn ihrer Show ein wenig wie eine Superheldin: Asepto-Girl, übernehmen Sie!

In rasendem Tempo geht es dann quer durch die Genres, wie man es von ihren Shows kennt, die Fischer singt und playbackt mit allen, die bei drei nicht auf dem Weihnachtsbaum sind: Peter Maffay, Take That, diversen Musicalcasts, Queen, Andreas Bourani, Bauchrednerpuppen, laienmusikalischen TV-Metereologen. Einziges Bindeglied ist sie selbst, ein sonderbar ältliches Konzept wie bei der Peter-Alexander-Show.

Und dann Udo Jürgens

Alles perfekt einstudiert, perfekt gesungen, doch manches schwer auszuhalten, weil die Unschuld der Alexander-Fernsehjahre eben längst futsch ist, jene frisch gebadetete Salzstangenseligkeit, die zuletzt bei der Abschiedsausgabe von "Wetten, dass..?" so penetrant beschworen wurde, dass man zu Hause auf dem Sofa den Phantomfrottee auf der Haut zu spüren glaubte.

Erwachsene Menschen mit Mäuseohren und in Eselskostümen, völlig überraschende Auftritte von gänzlich ungeplanten Gästen, die die Moderatorin jetzt mal echt total unvorbereitet zur gemeinsamen Sangesnummer drängen, ein Mann, der einer Schildkrötenpuppe im Hochzeitskleid einen Antrag macht - staunend besieht man diese Showexponate aus vergangenen unzynischen Zeiten, und Helene Fischer reibt sanft ein bisschen Schmalzsalbe auf das aufgeraute Zuschauerherz. Das passt, denn ohne ihr inzwischen abgelegtes Cape sieht ihr weißes Outfit obenrum ein wenig nach slutty Karnevals-Krankenschwester aus.

Irgendwo mittendrin dann Udo Jürgens.

Übervorsichtig wird eingeblendet, dass die Show bereits vor zwei Wochen aufgezeichnet wurde, und dann packt es einen nach all der Asepto-Perfektion und dem Backgroundtänzergepuschele dann doch, wenn er ganz einfach am Klavier sitzt und Zeilen singt, von denen plötzlich jede fast absurd bedeutungsvoll klingt: "Und ich reiß' sicher auch keine Bäume mehr aus / Doch ich will und werde noch welche pflanzen." Dann singt Helene Fischer "Merci, Cherie", und Udo Jürgens kriegt nasse Augen.

Ein schöner, stiller Showmoment, tatsächlich, auch das ist mit drin im wilden Gemisch. Ebenso wie Fischers schnickschnackfreie "True Colours"-Duett mit Ordensschwester Cristina, die kürzlich den Gesangswettbewerb "The Voice of Italy" gewann.

Natürlich, das Überlied, sie muss es singen

Doch dann geht es schon wieder weiter im Ich-kann-alles-ich-kenn-alles-Programm, und tatsächlich kann und kennt Helene Fischer ja tatsächlich alles: Sie liebt die Band Evanescence und singt deren Hit "Wake me up", sie liebt Kampffilme wie "Bloodsport" und singt mit einem boxenden Kapuzenmänner-Ballett und einem Apollo-Creed-Darsteller mit Ratsch-und-weg-Trickhose ein bisschen was aus dem Musical "Rocky". Irgendwann im Showverlauf scheint dann tatsächlich ALLES möglich, und als Fischer die WM-Feier in Berlin erwähnt, ist man fast enttäuscht, dass nun nicht tatsächlich die Nationalmannschaft in Glitzertrikots und Sambaschritt hereintanzt, um die alte Tradition der singenden Fußballmannschaft wieder aufleben zu lassen.

Natürlich fällt irgendwann auch das liedgewordenen Damoklesschwert des Abends, "Atemlos durch die Nacht", sie muss es bringen, selbst wenn Helene Fischer ihr Überhit selbst schon zu den Ohren herauskommen sollte. Sie singt ihn in einem Medley aus 14 verschiedenen Musikstilen, Country, Latin, Rockabilly, Reggae und so weiter, im Prinzip fehlen am Ende nur noch eine Crazy-Frog-Version und eine von Seehunden gehupte Variante.

Nach ungefähr zwei Stunden seilt sich Helene Fischer dann von der Hallendecke ab, in einem roten Knalleng-Anzug, so etwa Britney Spears anno 2000. Das ist der Moment, in dem die Restfamilie geschlossen das Wohnzimmer verlässt (Vorwand: zweites Abendessen), doch man selbst hat jedes Sträuben da längst aufgegeben und wünscht sich inzwischen fast, die Show würde niemals aufhören, würde immer weitere absurde Gäste und Tanzeinlagen und Kostüme aus dem Hut zaubern.

TV-Meteorologen im autogetunten Playbackdebakel

Irgendwann gegen 23 Uhr - die abgängige Familie hatte gerade schuldbewusst ein Leberwurstbrot durch die spaltbreit geöffnete Wohnzimmertür gereicht - ist man dann glücklich vollends im Reich des Absurden angekommen: Fünf TV-Metereologen diverser Sender singen Lieder mit Wetterthematik. "I'm walking on sunshine", "She's like the wind", ein autogetuntes Playbackdebakel. Zuletzt sah man so etwas beim "Blauen Bock", wo ja auch stets Sportler oder Schauspieler zu sonderbaren selbstreferenziellen Gesangsnummern genötigt wurden.

Dann ist es zu Ende, nach Stunden, vielleicht auch Tagen, an Weihnachten verliert man ja gerne mal ein wenig das Zeitgefühl. Wie das Sättigungsgefühl ja auch. Am Ende eines langen Abends stehen die Hashtags "#HeleneFischerShow" und "#vollgefressen" zusammen ganz oben in den Twittertrends, ein schönes, stimmiges Bild.

Und der Magensaft blubbert leis' eine letzte "Atemlos"-Variante.

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.



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insgesamt 238 Beiträge
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Seite 1
Der Kanzler 26.12.2014
1. verlorenes Talent
Tragisch: die Frau kann eigentlich wirklich gut singen, sieht dazu noch gut aus und scheint sogar ganz intelligent zu sein. Warum ist sie nur an Florian Silbereisen und diese unsäglichen ZDF-Schlager-Heinis geraten? Und wer gibt denen eigentlich ständig so ein hohes Budget in die Hand? Im Artikel wurde an Peter Alexander erinnert - soweit ich mich erinnere gab es damals ein Orchester, oder eine Big Band und es wurde live gesungen. Bei Helene Fischer eine unsägliche gezuckerte Playback-Brühe mit künstlichen Farb- und Konservierungsstoffen. Und dabei total geschmacklos.
derweiseausdemharz 26.12.2014
2. Ja, ist wahr
Helene ist der neue Peter Alexander. Wahrscheinlich die einzige, die noch eine Samstagabend-Show moderieren kann- ohne kritisiert zu werden. Sie ist ein Talent, mit nur einem Hit (Atemlos) und der Rest hört sich monoton ähnlich an. Sie wirkt sexy und freundlich wie die "gütige Gräfin" zu ihren Gästen und Angestellten (die Background-Sängerin)- sowas lieben die Deutschen, die ja immer etwas unterwürfiges haben. Helene ist ein Weltstar im deutschsprachigen Raum, vielleicht schafft sie es auch international irgendwann.
success4us 26.12.2014
3. Sehr guter Artikel
Glückwunsch an den Redakteur - eine sehr gute Zusammenfassung von 3 Stunden Abendprogramm. Die Sendung wirkte wie 'Zeit totschlagen'. Unterhaltung war es für mich keine. Und die anderen Sender haben brav Wiederholungen oder Klamauk gebracht, damit auch das Umschalten 'Alternativlos' wird.
jurist_und_mensch 26.12.2014
4.
Toller Artikel, Respekt!
bessernachgedacht 26.12.2014
5. sachlich falsch
Es war am Abend des ersten Feiertages. Wer allein das schon nicht gebacken kriegt, der sollte sich mit solch überheblichen Kommentaren über das Fest und eine Show an selbigen zurückhalten. Genug Menschen hats grandios gefallen.
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