Neue Talkshow "Helge hat Zeit": Bei Schneider schweigt der Gast

Von Aleksandar Jozvaj

Das kann ja heiter werden! Helge Schneider startet am Samstagabend seine neue Karriere als Talkmaster. In der WDR-Show "Helge hat Zeit" empfängt das Multitalent prominente Menschen in seinem Wohnzimmer. Aber will der Mann etwa wirklich seine Gäste interviewen? Kaum vorstellbar.

"Helge hat Zeit": Und noch ein Job Fotos
DPA

Als der WDR kundtat, dass man Helge Schneider als Talkmaster engagiert habe, durfte man skeptisch sein. Passt dem Mülheimer dieser Anzug? Bislang hat er ja in jeder Rolle überzeugt, egal, ob als Schauspieler, Musiker, Komiker, Autor oder Regisseur. Alle Formate stellten aber ihn als Person in den Mittelpunkt: seinen Witz, seine Musik, seine Welt. All das hatte jedenfalls wenig damit zu tun, sich bescheiden zurückzunehmen und den Gästen die Bühne zu überlassen, was ja die vornehmste Aufgabe eines Talkshow-Moderators ist. Eigentlich.

Am Samstagabend startet nun "Helge hat Zeit" im WDR. Eine gute Stunde lang quatscht, musiziert und blödelt die "singende Herrentorte" mit verschiedenen Gästen aus dem Kulturbetrieb. In der ersten Sendung empfängt er folgende Menschen: die Autorin und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnistin Sibylle Berg, die Schauspielerin Sandra Hüller, die Sängerin Butterscotch, die Puppenspielerin Suse Wächter, den Comedian Kurt Krömer und den Multi-Instrumentalisten Simon Rummel. Doch so groß und bunt die Gästeauswahl auch ist, es fällt nur einer auf: Helge Schneider selbst. Gut so.

Schon der Vorspann beruhigt. Schneider, aufgestützt auf einem Fensterbrett, zupft an einer vertrockneten Pflanze herum, im Hintergrund erklingt eine Hammond-Orgel. Schnell sind auch die letzten Zweifel passé. Schneider tritt aus einem Fake-Fahrstuhl ins Studio, das mit alten Stehlampen, staubigen Teppichen und einigen Instrumenten dekoriert ist. Und mit Schneiders alter Crew: Rudi Olbrich lehnt am Bass, Willy Ketzer sitzt am Schlagzeug und in der Ecke wartet Bodo Oesterling in der Pagenjacke darauf, Helge "lecker" Tee zu bringen. So könnte es aussehen, wenn das eingespielte Quartett in Schneiders Wohnzimmer für den großen Auftritt probt. Bloß sitzen hier rund fünfzig Zuschauer drum herum.

Der liebe Gott am Klavier

Dann geht's auch schon los: Schneider spielt mit der einen Hand Klavier, mit der anderen Trompete. Der Auftakt macht endgültig klar, wie absurd die Befürchtung war, Helge Schneider würde seine Gäste ernsthaft interviewen. Nein, hier führt nur er den Taktstock. Die Frage ist: Wie spielen die anderen mit?

Mit Sibylle Berg klappt's, denn die Schriftstellerin hat eigentlich gar keine Lust auf Talk: "Ist es in Ordnung, wenn ich nicht so viel rede?" Natürlich: "Wir sind nicht hier, um zu reden", antwortet Helge, "wir haben Zeit." Sandra Hüller ("Requiem") weiß dagegen nicht so richtig mit sich und der Situation umzugehen und singt nach einigem Rumgedruckse mit verschränkten Armen den Jazzklassiker "It's Oh So Quiet". Von Kurt Krömers Auftritt bleiben einzig seine farbenfroh gemusterten Socken in Erinnerung, ansonsten verhallt sein Humor im Helge-Kosmos - selbst wenn er eine Pointe mehrfach setzt.

Zwischen der Sängerin Butterscotch und Helge herrscht dagegen innige Harmonie. Die US-Amerikanerin begleitete den Musikvirtuosen bereits im Sommer auf seiner Bühnentour. Wer verpasst hat, wie es klingt, wenn sich Klaviergeklimper und Beatboxing vereinen, bekommt davon eine eindrucksvolle Kostprobe. Genau wie von der aufwendig zusammengezimmerten Klanginstallation des Komponisten Simon Rummel. Bei vollem Körpereinsatz lärmt die in F-moll vor sich hin. Da fehlt doch nur noch einer: der liebe Gott. In den Händen der Puppenspielerin Suse Wächter kommt der im Aufzug herangebraust und singt "Marmor, Stein und Eisen bricht". Ach ja, die Jelinek (Elfriede, genau) tritt ebenfalls als Puppe auf und erzählt, dass sie eigentlich daheim vor dem Fernseher sitzt.

Wo wir gerade bei Literatur-Nobelpreisgewinnern sind: Eine Imitation von Günter Grass ist der Höhepunkt der ersten Sendung. In einem Einspieler sinniert Schneider herrlich sinnfrei über den "Butt", der "zweifelsohne einer der ganz charakteristischen Ostseefische ist", und schnurrt im derbsten Grass-Sound amüsante Weisheiten in das Mikrofon von Alexander Kluge (gespielt von Bodo Oesterling). Schneider hat übrigens auf Grass' 85. Geburtstag musiziert und schlüpft für Alexander Kluges Interviewformat "Prime-Time/Spätausgabe" regelmäßig in verschiedenste Rollen.

"Helge hat Zeit" ist für Zuschauer ein Ausbruch aus ihrer Routine - und für Schneider aus seiner, denn sein Bühnenprogramm scheint ja seit einigen Jahren zu stagnieren. Dass er vor kurzem mit den Dreharbeiten zu einem neuen Kinofilm begonnen hat, zeigt, dass er Abwechslung dringend zu benötigen scheint. Nichtsdestotrotz: Auch im nächsten Jahr geht er wieder auf große Deutschlandtournee. Seine Talkshow soll "in lockerer Folge" ausgestrahlt werden. Passt zum Terminplan und passt zu Schneider.


"Helge hat Zeit" läuft am Samstag um 22:45h im WDR-Fernsehen.

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Da bin ich mal gespannt.
mekrico 20.10.2012
Früher mochte ich Helge Schneider nicht. Inzwischen freue mich auf sein Auftreten im deutschen Fernsehen. Er ist alle mal zig Klassen besser als diese langweiligen Möchtegernkomödians wie Cindy, Barth, Kaya Yanar, Pastewka oder die hysterische von Sinnen. Bei Helge Schneider kann man immer auf überraschendes gefasst sein.
2.
LudwigN 20.10.2012
Helge ist der beste Komiker den wir haben. Und dazu ein brillanter Musiker. Ein wahrer Titan. Danke Helge!
3. Macht richtig Spass!
dirk1313 20.10.2012
Eine wunderbare Sendung. Es macht Spass dabei zu sein wenn sich zwischen Helge und dem Gast eine gewisse Harmonie einstellt und eine spannende Situation entsteht. Genauso interessant ist es wenn der Gast mit Helge nicht mehr mitkommt. Die Mischung aus Gespräch und Musik ist wunderbar. Klasse Sendung und es ist zu hoffen dass davon noch mehr kommt!
4. Was, eine Talk-Schau. Mit viel Puder in der Luft.
Grafsteiner 21.10.2012
Und ich habe mich schon so auf die Sendung: "Kochen mit Helge" gefreut. Wie er Katzenfutter zubereitet.
5. ...
jujo 21.10.2012
Zitat von sysopDas kann ja heiter werden! Helge Schneider startet am Samstagabend seine neue Karriere als Talkmaster. In der WDR-Show "Helge hat Zeit" empfängt das Multitalent prominente Menschen in seinem Wohnzimmer. Aber will der Mann etwa wirklich seine Gäste interviewen? Kaum vorstellbar. Helge Schneider startet WDR-Talkshow "Helge hat Zeit" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/helge-schneider-startet-wdr-talkshow-helge-hat-zeit-a-862389.html)
Ich habe die Sendung gerade gesehen, ein guter Kontrast zu Lady´s Night, nur besser. Ich hab´s genossen und gehe jetzt entspannt schlafen.
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