Zum Tod von Helmut Dietl Geliebtes Schlitzohr

Als es in Deutschland bleiern zuging, brachte Helmut Dietl Stil und Witz ins Fernsehen. Am besten war der Regisseur von "Kir Royal" und "Schtonk", wenn die Moral dünn und das Leben prall war.

Von

imago

Wo endet die Schlitzohrigkeit, wo beginnt die Schweinerei? Wieso wirkt der eine schampuskübelnde, herumvögelnde Bademantelträger mit Brusthaarmatte wie ein Supertyp, während der andere schampuskübelnde, herumvögelnde Bademantelträger mit Brusthaarmatte wie ein Superschwein wirkt? Und überhaupt: Was ist der Unterschied zwischen frivol und vulgär?

Die Fernsehserien und Kinofilme des großen deutschen Komödienregisseurs Helmut Dietl lieferten auf diese Fragen klare Antworten. Ob man seinen windigen Entrepreneur Tscharlie aus "Münchner Geschichten" (1975) nimmt, der vom großen Geld träumt und eine Geschäftsidee nach der anderen in den Sand setzt. Oder den Hoppla-jetzt-komm-ich-Lebemann Monaco Franze in der gleichnamigen Serie (1983), der mit dem Sinnspruch "A bisserl was geht immer" durch die Bars und Betten zog. Oder den aasenden Reporter Baby Schimmerlos in "Kir Royal" (1986), der seine Geschichten vornehmlich zwischen Nackedeis und Schampusleichen der Münchner Schickeria aufspürt. Sie alle waren keine üblen Kerle; im Gegenteil.

Die Fernsehszene ist legendär: Mario Adorf als Generaldirektor Heini Haffenloher, Klebstofffabrikant aus Kleinweilersheim, verspricht Franz-Xaver Kroetz als Zeilenschinder Schimmerlos in "Kir Royal", dass er ihn mit seinem Geld zuscheißen werde, gut aussehen tut der Unternehmer trotzdem zu keiner Zeit. Darin findet sich die Kernthese, die sich durch alle Dietl-Werke zieht: Stil kann man sich halt für kein Geld der Welt kaufen. Aber manchmal nimmt man die Kohle der reichen Aisis, die teure Putzfrau muss ja auch bezahlt werden.

Knallende Korken im Fernsehvorabend

Für derart lebensnahe Einsichten war bei Dietl in den gemeinsten, lustigsten und entfesseltsten Momenten Zeit. Da erinnerte der Regisseur stets an sein großes Vorbild Billy Wilder. Gerieten Dietls Helden und Antihelden inmitten all der Aufschneiderei, Betrügerei und Hurerei auch ins Schlingern, sie fanden meistens dann doch moralisch den Notausgang.

Wie wurde das Leben geliebt in diesen frühen Serien! Man darf nicht vergessen, dass sie in der zweiten Hälfte der Siebziger- und der ersten der Achtzigerjahre entstanden. Deutschland im Herbst: Im Kino liefen vor allem Politdramen, die Titel wie "Die bleierne Zeit" trugen und sich zum Großteil auch so anfühlten. Schmerz war in, Selbsthass Pflicht und Hässlichkeit en vogue. Und dann kam da dieser Münchner Filou mit flatterndem Seidenschal und ließ die Champagnerkorken im Fernsehvorabend knallen. "Manche mögen's heiß" statt "Liebe ist kälter als der Tod", noch vor der "Tagesschau".

Dabei zeigte Dietl stets ein genaues Gespür für gesellschaftliche Stimmungen und sich wandelnde Kräfteverhältnisse. Seine nach den Fernsehserien folgenden Kinofilme erzählten auch davon, wie die alte Bundesrepublik der saufenden, machtgeilen und schwitzenden Honoratioren zu einer Bundesrepublik der saufenden, machtgeilen, aber gut abgetupften Medien-Celebrities wurde.

1992 drehte Dietl mit seinem Hitler-Tagebücher-Ulk "Schtonk" eine der schönsten deutschen Aufschneiderkomödien. 1994 folgte "Rossini, oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief", Dietls vielleicht elegantester Film, in dem sich eine Reihe Münchner Künstler und Filmschaffender gegenseitig die Frauen ausspannen. Der weltabgewandte Schriftsteller Patrick Süskind, langjähriger Drehbuch-Spezi von Dietl, und Bernd Eichinger, sein Produzentenbuddy, sind hier unschwer in den Figuren des erotischen Reigens zu erkennen; Helmut Dietl in dem Regisseur im Film ebenfalls. Das Objekt der Begierde, im Film Schneewitchen genannt, wurde von Dietls damaliger Flamme Veronica Ferres gespielt. Die Komödie als kunstvolles Knäuel aus Fiktion, Realität und Medienrealität.

In den Neunzigerjahren schien eine kurze Zeit ja etwas in Sachen Glamour in Deutschland zu gehen; Medienberufe standen auf einmal in dem Ruf, internationales Flair zu versprühen. Man gab sich amerikanisch und blieb gedanklich doch in der deutschen Provinz verhaftet, was der Regisseur sehr schön in der Medienposse "Late Show" mit Harald Schmidt zeigte. Inmitten charismatischer Schaumschläger war Dietl immer voll in seinem Element.

Vielleicht ging deshalb sein letztes Filmprojekt, die Berlin-Satire "Zettl" 2012 nicht mehr ganz auf. Die späte Berliner Republik mit ihrem alternativlosen Klein-Klein war einfach nichts für den stets in strahlendem Dandy-Weiß auftretenden Helmut Dietl, der immer dann zu seherischer Hochform auflief, wenn die Moral dünn, aber das Leben prall war - und die Geschichten idealerweise in München spielten.

Helmut Dietl litt seit längerer Zeit an Lungenkrebs. Er hatte die Erkrankung selbst im November 2013 öffentlich gemacht. Am Montagmittag ist er, der lustigste und sinnenfroheste aller deutschen Regisseure, im Alter von 70 Jahren im engsten Familienkreis in seiner Münchner Wohnung gestorben.



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.