Herbert Feuerstein wird 75: Danke für den Schlurch

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Ohne ihn wäre Deutschland nur halb so lustig: Herbert Feuerstein, Pionier des Humors und der Sprache, wird 75 Jahre alt. Der WDR feiert ihn mit einem schönen Film. Und SPIEGEL ONLINE mit diesem Artikel. Weil es einfach sein muss.

WDR-Film über Feuerstein: Zurück in die alte Heimat Fotos
WDR

Da stand er dann also im Büro des Präsidenten des ehrwürdigen Mozarteums. Bernhard Paumgartner hatte sich fein säuberlich die Kritik, die sein Schüler Herbert Feuerstein nebenberuflich und unter falschem Namen über eine von Paumgartner komponierte Oper geschrieben hatte, bereitgelegt. Es war, wie könnte es anders sein bei Herbert Feuerstein, ein Verriss, ein lustiger dazu, und Paumgartner war nicht erfreut, nicht im Geringsten. Herbert Feuerstein sagte dann zum Präsidenten, es sei vielleicht besser, wenn er das Konservatorium verlassen würde, er sagte das in der Hoffnung, dass Paumgartner diese Kapitulation ablehnen würde, aber der sagte nur: "Ja, das wäre sehr gut."

Und das war es. Vielleicht nicht ganz im Sinne Paumgartners, über dessen Oper und Wirken heute kein Mensch mehr spricht, wahrscheinlich in diesem Moment, im Jahr 1959, auch nicht ganz im Sinne Feuersteins. Aber heute, da die Welt das Glück hat, sich darüber freuen zu können, dass Herbert Feuerstein 75 Jahre alt wird, kann man vollen Herzens sagen: Es war besser, es war das Beste, das geschehen konnte, für ihn und für uns.

Wenn der Hippie seinen Bart auswringt

Man stelle sich diese Welt vor mit einem Herbert Feuerstein, der in Salzburg geblieben wäre, als Musiker vielleicht oder Komponist, möglicherweise auch auf diese Art zu Ehren gekommen, aber wahrscheinlich doch eher so vergessen wie ein Herr Präsident Paumgartner heute. Eine traurigere, eine langweiligere Welt.

Aber so: Feuerstein, gerade seiner beruflichen Perspektive beraubt, aber verliebt in eine Gaststudentin aus Hawaii, legte erst richtig los, ging mit der Liebsten nach New York, wurde Journalist, zunächst tatsächlich ein ernsthafter, für ein Jahr sogar Chefredakteur des traditionsreichen Einwandererblattes "New Yorker Staatszeitung", nebenher aber auch schon Korrespondent der satirischen Zeitschrift "Pardon". Dann Rückkehr nach Europa und ein Intermezzo als Leiter eines linken Satire-Verlages, nach dessen baldiger Pleite Herbert Feuerstein seine eigentliche Berufung fand: Als Chefredakteur der deutschen Ausgabe von "Mad".

Wobei Chefredakteur sein Wirken völlig unzulänglich beschreibt: Herbert Feuerstein war "Mad". Mit seinem Humor, mit seinem Sprachwitz, prägte er "Mad" und damit eine ganze Generation von pubertierenden (mutmaßlich mehrheitlich männlichen) Lesern, die heute, längst zu mehr oder weniger tragenden Stützen der Gesellschaft gereift, noch immer "Würg!" sagen, wenn der Chef um die Ecke biegt, oder "Lechz!", wenn es eine attraktive Frau ist - sogenannte "Inflektive", mittlerweile fester Bestandteil nicht nur der Jugendsprache.

Herbert Feuerstein steht damit in einer Reihe mit der nicht minder großartigen Erika Fuchs (1906 - 2005), der legendären Micky-Maus-Übersetzerin ("Seufz!", "Ächz!"). Ihr und sein Jargon leben heute weiter in den Konversationen in Chatrooms und per SMS. Dass Feuerstein, auch hier ähnlich Fuchs, zudem ein großer Lautmaler, ein Meister der Onomatopoesie ist, soll nicht unterschlagen werden. Stilbildend vor allem seine Übersetzungen der Comic-Geräusche des "Mad"-Zeichners Don Martin, beispielsweise des Geräuschs, das entsteht, wenn ein Hippie seinen langen Bart auswringt, um daraus Essensreste zu gewinnen: "Schlurch!"

Das erste Mal Sex - mit sich selbst

Herbert Feuerstein ist ein Experte der klassischen Musik, ist gewiss ein feinsinniger Intellektueller, aber seine eigentliche Stärke und revolutionierende Leistung ist das: Die Installation puren Humors im deutschsprachigen Mainstream, nur um seiner selbst Willen, nicht mehr mit politischem Sendungsbewußtsein oder Gesellschaftskritik beschwert, sondern einfach nur so, oft genug auch saublöd bis schwachsinnig, dabei aber eben immer so blöd, dass er schon wieder lustig ist. Sehr lustig sogar.

Der WDR strahlt am Samstag einen schönen Film von Klaus Michael Heinz zur Würdigung Herbert Feuersteins aus, sein Titel sagt eigentlich schon alles, was darüber zu sagen ist: "Herr Feuerstein wird 75 und Herr Pastewka feiert ihn". Der Jubilar und der Comedian Bastian Pastewka wandern in den Alpen, besuchen Feuersteins Elternhaus, Feuerstein spielt auf der Orgel in seiner alten Schulkirche, Feuerstein besucht das Mozarteum und berichtet in eigenen Worten von seinem Hinauswurf, Feuerstein zeigt Pastewka die Parkbank hoch über Salzburg, wo er das erste Mal Sex hatte - mit sich selbst. Pastewka befragt ihn amüsiert-interessiert, der Film kommt nicht gezwungen lustig daher, aber genau darum ist er es geworden: Lustig, oft auch nachdenklich, auf anrührende Weise.

Ach so, nach "Mad" hat Herbert Feuerstein dann Fernsehen gemacht und im Zuge dessen einen Kabarettisten namens Harald Schmidt für die deutsche "Late Night" entdeckt, aber darüber ist schon so viel gesagt und geschrieben worden, dass es eigentlich keiner weiteren Worte bedarf, und es ist vielleicht die einzige Schwäche dieses WDR-Films, dass Feuerstein und Pastewka als Running Gag immer wieder auf Schmidt zu sprechen kommen wollen, es dann aber doch nicht tun. Warum? Nun ja, selbst die Abwesenheit Schmidts hat Feuerstein längst nicht mehr nötig. Und eigentlich findet dieser Umstand hier auch nur deshalb Erwähnung, um ein Zitat Feuersteins aus einem Gespräch mit dem SPIEGEL aufgreifen zu können: "Schmidt ist kein Mensch", hat Feuerstein jüngst über seinen alten Kollegen gesagt, und man muss an dieser Stelle zu diesem Anlass deutlich feststellen: Feuerstein ist ein Mensch. Und was für einer.

Wie Herbert Feuerstein nicht müde wird zu betonen, macht er sich nichts aus seinem Geburtstag oder überhaupt aus der Tatsache, dass er mal geboren wurde. Also verzichten wir auf eine Gratulation. Und sagen nur: Wir aber, verehrter Herr Feuerstein.


"Herr Feuerstein wird 75 und Herr Pastewka feiert ihn": WDR, 16. Juni 2012, 22.25 Uhr

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Nur dafür habe ich mich registriert...
joiner72 15.06.2012
...vielen Dank Herbert Feuerstein für meine frühe humoristische Prägung und alles Gute zum Geburtstag von einem großen Bewunderer Ihres Könnens!
2. Mein Lieblingsgeräusch...
joerghennicke 15.06.2012
...von Don Martin (=> von Feuerstein) war ja die zurollende Schreibtischschublade: "FA-GEROLLERA" Danke und herzliche Glückwünsche, Herbert Feuerstein!
3. Danke, Herbert!
wolfi7777 15.06.2012
Hoffentlich liest Herr Feuerstein diese Kommentare auch. Ich habe schon als Student das US-MAD entdeckt und abonniert - und trotzdem noch das Deutsche Magazin dazu gekauft, weil ich es so gelungen fand. Einer der wenigen Lichtblicke im deutschen Medienraum, also nochmals: Danke, Herbert -auch für die Sache mit dem "Nicht-Menschen" ...
4. Klonk!
iNSTEIN 15.06.2012
Meine Lieblingsnamen, auch heute noch: Udo Klotz und Fred Feinbein!
5. Ich auch!
ancoats 15.06.2012
Ich schließe mich der Einschätzung dieses Artikels sowie den Glückwünschen vollinhaltlich an. Ohne Feuerstein wäre der Welt definitiv was entgangen.
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