Grimme-Preisträgerin Huntgeburth "So einen Murks kriegen auch Frauen problemlos hin"

Rekord für eine Regisseurin: Hermine Huntgeburth erhält ihren vierten Grimme-Preis. Hier erklärt sie, warum sie trotzdem für eine Frauenquote ist und was ihr Film "Männertreu" über das Geschlechterverhältnis aussagt.

ARD

Ein Interview von


Zur Person
  • Getty Images
    Hermine Huntgeburth, Jahrgang 1957, drehte ihren ersten Spielfilm "Im Kreis der Lieben" 1991. Mit ihren Fernsehfilmen wurde die Regisseurin schnell zu einer der profiliertesten Filmemacherinnen des Landes. Jetzt erhält sie für "Männertreu" den Grimme-Preis - ihren insgesamt vierten.
SPIEGEL ONLINE: Frau Huntgeburth, sind Sie eine Ausnahmeerscheinung?

Huntgeburth: Wie meinen Sie das? Weil ich bereits meinen vierten Grimme-Preis bekomme? Oder weil ich kontinuierlich arbeite? Das ist ja leider beides eher schwieriger für eine Regisseurin in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Außerdem kriegen Sie für Ihre Kinofilme große Budgets zusammen und drehen derzeit auch noch einen "Tatort" - auch das kommt bei Regisseurinnen äußerst selten vor.

Huntgeburth: Das verblüfft mich nach fast 25 Jahren in der Branche immer wieder, schließlich gibt es genug qualifizierte Frauen. Die Filmhochschulen bilden fast genauso viele Frauen wie Männer aus.

SPIEGEL ONLINE: Engagieren Sie sich deshalb für die Initiative "Pro Quote Regie", die fordert, dass in drei Jahren 30 Prozent aller Regieaufträge an Frauen gehen müssen?

Huntgeburth: Das Problem liegt ja nicht darin, dass Frauen den Einstieg ins Geschäft nicht schaffen. Beim ersten oder zweiten Film läuft meist alles noch ganz gut. Erst im Verlauf der Karriere werden Frauen langsam an den Rand gedrängt und kriegen immer weniger Aufträge. Da muss mit einer Quote dagegengesteuert werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich die Verdrängung von Regisseurinnen?

Huntgeburth: Vollständig erklären kann ich das nicht. Ich kann Ihnen nur erzählen, was ich von einer bekannten Drehbuchautorin gehört habe. Der wurde in einer Runde mit Redakteuren und Produzenten eine Liste von Namen vorgelegt, wer für die Regie in Frage käme. Darunter war keine einzige Frau. Als die Autorin nachfragte, warum das so sei, war die Antwort: "Uns fallen keine Regisseurinnen ein." Allein deshalb ist "Pro Quote Regie" schon sinnvoll: Sie macht die Vielzahl von guten Regisseurinnen sichtbar, die es in Deutschland gibt und die Lust haben zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sieht man sich die Liste der Grimme-Preiseträger an, besteht die zu fast gleichen Teilen aus Regisseuren und Regisseurinnen. Wie können da Redakteuren und Produzenten keine qualifizierten Frauen einfallen?

Huntgeburth: Seltsamerweise kommt im nächsten Schritt immer das Argument zum Tragen, dass bei Frauen oft die Qualität nicht stimme. Aber wenn ich mir anschaue, was im deutschen Fernsehen teilweise läuft, würde ich überspitzt sagen: So einen Murks kriegen auch Frauen problemlos hin.

SPIEGEL ONLINE: Was ist bei Ihrer Karriere so anders verlaufen, dass Sie kontinuierlich fürs Kino und fürs Fernsehen drehen können?

Huntgeburth: Ich hatte Glück und war schon mit meinem ersten Spielfilm "Im Kreis der Lieben" erfolgreich, der gewann gleich den Bundesfilmpreis. Danach hatte ich beim NDR einen wunderbaren Redakteur, Eberhard Scharfenberg. Der hatte das Motto: Wenn ich mit jemanden arbeite, dann arbeite ich drei Mal mit ihm oder ihr zusammen. Auch wenn der erste Film gut war, wird der zweite Film meistens schlechter, deshalb braucht man drei Chancen, um sich richtig zu beweisen. So ein Vertrauen stärkt einen ungemein.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es so einen langen Atem bei den ARD-Anstalten noch?

Huntgeburth: Selten. Inzwischen wird auf zwei Dinge geachtet - entweder fährt ein Film gute Quoten ein oder er gewinnt Preise. Dazwischen wird es mit den unabhängigen Maßstäben für Qualität schwieriger. Wobei ich sagen muss, dass mir das deutsche Fernsehen viele tolle Möglichkeiten bietet, Filme so zu drehen, wie ich sie mir vorstelle. Wie etwa der Hessische Rundfunk mit seinen wunderbaren Redakteurinnen Liane Jessen und Lili Kobbe, mit denen ich den Film "Männertreu" gemacht habe.

SPIEGEL ONLINE: In "Männertreu", der nun mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wird, geht es passenderweise um den charismatischen Chefredakteur Georg Sahl mit politischen Ambitionen, dem die Frauen gleich reihenweise verfallen. Was hat Sie an diesem Stoff interessiert?

Huntgeburth: Für mich erzählt "Männertreu" eine Familiengeschichte. Der Mann steht zwar im Mittelpunkt, doch seine Frau duldet seine zahllosen Affären, und seine Schwiegertochter kann ihm auch nicht widerstehen. Er ist also weder der Böse noch sind die restlichen Familienmitglieder die Guten. Die Dynamiken innerhalb so einer Familie fand ich sehr reizvoll.

SPIEGEL ONLINE: Die Geschichte von "Männertreu" beginnt so: Eine Volontärin hat eine Affäre mit dem Chefredakteur, sie dreht durch und fordert, dass er sich scheiden lässt, obwohl er es ihr nie versprochen hat. Kein besonders zeitgemäßes Frauenbild, wie mir scheint.

Huntgeburth: Warum soll es nicht zeitgemäß sein, wenn sich jemand, weil er verliebt ist, falsche Hoffnungen macht? Die Emotionalität einer Liebesbeziehung ist doch über Jahrtausende die gleiche geblieben. Insofern erscheint mir die Affäre zwischen Volontärin und Chefredakteur ebenso zeitlos wie aktuell.

SPIEGEL ONLINE: Die Last einer zerstörerischen Affäre haben in Ihrem Film aber immer nur die Frauen zu tragen - sie werden öffentlich gedemütigt, verlieren ihre Familien oder landen sogar im Krankenhaus. Dass eine Frau die Kontrolle während einer Affäre behält, scheint in "Männertreu" keine Option zu sein.

Huntgeburth: Aber das ist doch realistisch. Wie viele Geliebte gibt es, die den Kürzeren ziehen? Georg Sahl, der Chefredakteur, ist ihnen machttechnisch überlegen und nutzt das in allen Situationen aus.

SPIEGEL ONLINE: Also steht für Frauen nur die Opferrolle offen?

Huntgeburth: Insofern Georg Sahl sie, wie auch seinen Sohn, seinen übergeordneten Zielen opfert: ja. Er bedient die Machtmechanismen so geschickt, dass am Ende immer die anderen den Schaden haben. Kontrolle kann man nur behalten, wenn man eine Beziehung auf Augenhöhe eingeht. Und so eine Beziehung führt er nur mit seiner Frau Franziska. Man könnte fast sagen, er ist emotional von ihr abhängig.

SPIEGEL ONLINE: Bewundern Sie Figuren wie Sahl?

Huntgeburth: Nein, ich finde sie nur sehr interessant. Und ich befürchte, dass sie in den Führungsetagen dieses Landes viel häufiger vorkommen, als wir es wahrhaben wollen.

Korrektur: In einer früheren Fassung hatten wir Frau Huntgeburth fälschlicherweise mit den Worten zitiert "Aber wenn ich mir anschaue, was im deutschen Fernsehen läuft". Richtig ist die Formulierung "Aber wenn ich mir anschaue, was im deutschen Fernsehen teilweise läuft". Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.