Schöner fernsehen

Sexismus-Recherche auf ZDFneo Herr Eppert und die "Rampenschlampen"

ZDF

Kaum jemand fragt so freundlich wie Thorsten Eppert. In "Herr Eppert…" auf ZDFneo gibt es dafür als Belohnung Antworten und Einblicke, für die im Hauptprogramm kein Platz wäre. Etwa über unseren ganz alltäglichen Sexismus.

Das Bescheidwissen ist eine lästige Krankheit, die das Blickfeld professioneller Meinungsritter empfindlich einschränkt. Gerade in Interviews neigen Journalisten dazu, mit "Dir komme ich auch noch auf die Schliche"-Miene nur noch solche Aussagen abzumelken, die ins eigene Weltbild oder zur Tendenz des geplanten Beitrags passen.

Mit Eppert verhält es sich wenn auch nicht umgekehrt, so doch spürbar anders. Weshalb es eine seltene Wohltat ist, ihm bei seinen Erkundungen zu Themen wie Drogen, Liebe, Macht oder Demokratie zu folgen. In "Herr Eppert: Wie sexistisch sind wir?" lässt sich seine Methode sehr schön besichtigen.

Sexistisch? "Die meisten Typen in meinem Umfeld fragen sich das nicht mal, und das sind keine Ärsche. Ist einfach kein Thema", erklärt Eppert aus dem Off und macht sich auf die Suche. Die führt den 43-Jährigen Wollmützen- und Vollbartträger zunächst in die zielgruppengerechte Skaterszene mit ihren blauen Flecken und offenen Brücken. Dort wird ihm bestätigt, "die meisten Mädels" seien dazu halt "zu zimperlich", Frauen gelten schnell mal als randfigürliche "Rampenschlampen". Ein Begriff, zu dem Eppert dann auch abkichern muss - sichtlich gegen seinen eigenen Willen.

Seine Gespräche führt er bisweilen zwischen Tür und Angel; auf dem Bürgersteig bleibt er manchmal sogar ein paar Schritte hinter seinen Protagonisten zurück, ruft ihnen seine Fragen nach. Am Ende erscheint ihm der Sexismus in der Szene nur halb so wild, und er sagt das auch, um sogleich einzuschränken: "Vor einer ZDF-Kamera sagt man auch selten, dass man ein intolerantes Issue hat". Womit eine Selbstkritik ins Spiel kommt, die gleichfalls selten ist im Fernsehen.

"Haben Sie Haare auf den Zähnen?"

Dass Sexismus beide Geschlechter betreffen kann, wird nebenbei durch eine Collage entsprechender Witze bestätigt. "Womit verhüten Emanzen? Mit dem Gesicht!", hatte einst Oskar Lafontaine gesagt. Dagegen meinte Janet Jackson: "Männer wären vollkommen überflüssig, wenn Vibratoren Rasen mähen könnten!" Redaktionelle Einschübe wie dieser werden in poppiger Grafik dargereicht, es gibt Splitscreens und schnelle Schnitte.

Stark ist Eppert vor der Kamera, wenn er linkisch in der Fußgängerzone junge Männer ("Hast du mal was Sexistisches gedacht oder gesagt?") oder Frauen befragt ("Haste Sprüche gekriegt?"). Wobei durchaus auch sein eigener Sexismus erkennbar bleibt, etwa bei der Frage an eine erfolgreiche Unternehmerin: "Haben Sie Haare auf den Zähnen?" Ob ein männlicher Vorstandsvorsitzender die auch hat?

Wobei gerade vermeintlich blöde Fragen manchmal unerwartete Antworten provozieren. Da will Eppert etwa von der Adoptivtochter eines schwulen Paares allen Ernstes wissen: "Wenn du deine Freundinnen so siehst, hättest du manchmal auch gern noch 'ne Mama im Haus?" Und das Kind antwortet mit "Ja!", gleichfalls allen Ernstes: "Weil's mir besser gefällt".

Dann wieder trifft Eppert sich mit einer Männerrechtsgruppe zum Wintergrillen am Elbufer. Was die bewegten Herren so sagen, klingt in Epperts Ohren "jetzt schon, äh, reaktionär", und dabei richtet er den Blick auf den Boden, tritt von einem Bein aufs andere: "Sie können sich vorstellen, dass ich nicht Ihrer Meinung bin", worauf er sich für seine angeblich "vorgefassten Meinungen" tadeln lassen muss.

Ähnlich ergeht es ihm mit dem schwulen Vater, der Epperts beifällige Bemerkungen als gönnerhaft empfindet. Was denn, bitteschön, an seinem Alltag so "besonders" und ob nicht auch dieses Lob sexistisch sei? Erhellend, wie Eppert sich da windet und zu verteidigen versucht - nicht nur, weil diese Szene eben nicht rausgeschnitten wurde. Sondern weil auch hier der Reporter und damit das Publikum in seinem eigenen Kryptosexismus ertappt ist.

Da hat einer außer seiner Neugier keine weitere Mission, keine Agenda, keine Hintergedanken. Er ist nicht ohne eigene Meinung, aber ohne Deckung. Wie sexistisch wir eigentlich sind? "Voll."


"Herr Eppert: Wie sexistisch sind wir?", Donnerstag, 23.15 Uhr, ZDFneo



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15 Leserkommentare
hs269 07.05.2015
chresse 07.05.2015
Mehrleser 07.05.2015
Fivestar 07.05.2015
Wolffpack 07.05.2015
f_wohlgemuth 07.05.2015
01099 07.05.2015
Kaffee Wien 07.05.2015
wincel 07.05.2015
Kaffee Wien 07.05.2015
zeichenkette 07.05.2015
teaki 08.05.2015
Supraman 08.05.2015
Kaffee Wien 08.05.2015
freddykruger 08.05.2015

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