Oliver Welke über die "heute-show" "Ich bin gesichtstechnisch nicht fürs HD-Fernsehen gemacht"

Leute lächerlich machen tut gut: Oliver Welke erklärt das Prinzip der ZDF-"heute-show" - und wie Humor in Zeiten des Terrors funktioniert.

Oliver Welke: "Wir konnten es wirklich nicht fassen"
ZDF/ Willi Weber

Oliver Welke: "Wir konnten es wirklich nicht fassen"

Ein Interview von und


Zur Person
    Oliver Welke, 49, ist seit 2009 Anchorman der ZDF-Satiresendung "heute-show". Außerdem moderiert er gemeinsam mit Oliver Kahn die Champions-League-Übertragungen im ZDF.

SPIEGEL: Herr Welke, 2015 war auch für Satiriker ein denkwürdiges Jahr. Zweimal ist Ihre Sendung wegen schrecklicher Ereignisse ausgefallen: nach dem Absturz der Germanwings-Maschine im März und am 13. November, dem Abend der Anschläge in Paris. Hatte es Ihnen die Sprache verschlagen?

Welke: Ich habe am 13. November mit meinem jüngeren Sohn - der ist 13 und wollte eigentlich "The Voice of Germany" gucken - zwischendurch zu n-tv gezappt. Eher aus Versehen. Und wir konnten es wirklich nicht fassen. Das ganze Ausmaß des Horrors ist einem ja erst im Verlauf des späteren Abends so richtig klar geworden. Ich habe noch mal kurz mit dem Programmdirektor des ZDF telefoniert, aber es war schnell klar, dass wir unsere schon um 18 Uhr aufgezeichnete Sendung ausfallen lassen. Die hätte wirklich gar nicht mehr gepasst.

SPIEGEL: Der britische Satiriker John Oliver hat zwei Tage nach den Anschlägen seine Show im US-Fernsehen mit einer ebenso fulminanten wie witzigen Beschimpfung der Attentäter begonnen. Hätten Sie sich das auch getraut?

Welke: Das war wirklich toll. Wir haben eine Woche nach den Anschlägen mit unserer Reporterfigur Ulrich von Heesen etwas Ähnliches versucht. Gerade weil das ganze Geschäftsmodell IS vor allem auf Angst beruht, macht es so viel Spaß, diese Leute lächerlich zu machen. Löst das Problem natürlich nicht, tut aber total gut.

"heute-show": "Auf wen darf man jetzt sauer sein?"
ZDF

"heute-show": "Auf wen darf man jetzt sauer sein?"

SPIEGEL: Wie lange hat es nach den Anschlägen von Paris gedauert, bis Sie angefangen haben, über die satirische Umsetzung nachzudenken?

Welke: Bei solchen Themen ist es immer gut, alles erst mal ein wenig sacken zu lassen. Für uns wurde es aus Satiresicht spannend, als sämtliche TV-Sender spontan und mit langen Live-Strecken auf die Spielabsage in Hannover reagieren mussten. Da wurde ja stundenlang über Bomben in Krankenwagen spekuliert, ohne dass es dafür eine echte Quelle gegeben hätte. Und das in einer Zeit, wo ohnehin latente Panik herrscht. So haben wir dann ausnahmsweise mal einen Ausflug in den Bereich Medienkritik gemacht.

SPIEGEL: Es gibt das Bonmot aus einem Woody-Allen-Film: "Komödie ist Tragödie plus Zeit". Sehen Sie das auch so?

Welke: Satire fängt immer mit denselben Fragen an: Wer oder was bietet hier die Angriffsfläche? Auf wen darf man denn jetzt sauer sein? Direkt nach einem Unglück verbieten sich solche Fragen manchmal. Bei der Reaktorkatastrophe von Fukushima war das auch erst einmal so. Aber bereits eine Woche später war das Thema schon komplett zu Wahlkampfzwecken missbraucht worden, quer durch alle Parteien. Das macht es für uns gleich viel leichter.

Aus SPIEGEL Chronik 1/2015
SPIEGEL: Auf wen darf man im Moment sauer sein? Wenn man Ihre Sendung sieht, bekommt man den Eindruck: vor allem auf Horst Seehofer.

Welke: Bei der Flüchtlingskrise kann man auf ziemlich viele Leute sauer sein. Auf alle, die suggerieren, dass es auf dieses komplexe Problem einfache Antworten gäbe. Jahrelang haben alle Parteien den Krieg in Syrien mehr oder weniger ignoriert. Und dann stand er buchstäblich bei uns vor der Tür. Und Seehofer gehört halt zu denen, die für uns verlässlich liefern. Selbst wenn wir mal eine Sendung ohne CSU machen wollen, kommt Seehofer dann mit Transitzonen um die Ecke. Obwohl alle wissen, dass da nur noch unter zwei Prozent der Flüchtlinge reinkämen. Das ist eine totale Quatschdebatte - die das politische Deutschland aber ernsthaft fast zwei Wochen lang geführt hat. An sich bestürzend, für uns aber quasi Gold.

SPIEGEL: Sie verspotten ja nicht nur die CSU.

Welke: Natürlich nicht. Neuerdings sind ja Leute aus fast allen Parteien von CSU bis Linkspartei offen für die Idee Obergrenze oder Kontingente. Was total verständlich ist. Aber keiner sagt den Bürgern, was wir denn machen, wenn mehr Menschen kommen, als wir auf irgendeinen Zettel schreiben. Darüber gibt es leider keine ehrliche Debatte. Ich finde bloß, dass man die ganz simplen Antworten AfD und Pegida überlassen sollte. Das ist schließlich deren Markenkern.

SPIEGEL: Sie machen sich in Ihrer Show immer wieder lustig über die Freaks bei den Pegida-Protesten. Das ist ja politisch sympathisch, aber auch ein bisschen einfach. Diejenigen, die sagen, alles ist wunderbar, Deutschland wird von den Flüchtlingen nur profitieren, kommen bei Ihnen ungeschoren davon.

Welke: Ich bestreite, dass das irgendein Politiker in dieser naiven Verkürzung so gesagt hat. Im Übrigen haben wir mehrmals das Versagen der Großen Koalition in der Flüchtlingskrise thematisiert. Die wussten seit Anfang des Jahres, was kommt, die waren explizit gewarnt und haben nix gemacht. Das baden Helfer und Landräte heute aus. Aber über das berühmte "Wir schaffen das" kann ich mich trotzdem nicht so aufregen wie viele Mitbürger. Wenn die Stimmung ohnehin emotional aufgeheizt ist, muss Politik doch erst mal mit Zuversicht dagegensteuern. Soll sie sagen: Springt alle aus dem Fenster, hat eh keinen Sinn?

SPIEGEL: Ist es Ihre Aufgabe, den guten Deutschen den Rücken zu stärken?

Welke: Unsere Aufgabe ist, jeden Freitag möglichst gut zu unterhalten. Im Übrigen: Warum sollte ich mich in der Show lustig machen über Leute, die in ihrer Freizeit Flüchtlingen helfen?

SPIEGEL: Jedenfalls wird die "heute-show" so dem alten sozialdemokratisch korrekten Kabarett ähnlicher. Da waren sich im Publikum und auf der Bühne auch alle wunderbar einig, wenn die doofen Rechten oder CSU-Leute beschimpft wurden.

Welke: Das mit dem "Sozialdemokratisch" tut jetzt aber weh. Ich glaube, wenige Parteien haben in den letzten beiden Jahren so viel bei uns abbekommen wie die SPD. Und wir sagen eben nicht: die doofen Rechten. Wir versuchen zu verstehen, wie die arbeiten. Die viel zitierten Sorgen und Ängste sind ja nachvollziehbar. Aber Pegida und die AfD, das sind Angstvampire, die wittern, dass jetzt ihre Stunde gekommen ist. Und da müssen Parteien, das sage ich jetzt privat, mit Fakten und von mir aus auch mit Zuversicht dagegensteuern. Die AfD Brandenburg hat schon einen Tag nach Paris etwas über merkwürdig erholt aussehende Flüchtlinge gepostet, die aus Zügen steigen. Wenn ich mich darüber nicht mehr aufrege, worüber denn dann?

SPIEGEL: John Oliver, Ihrem britischen Kollegen, gelingt die Verbindung von Pädagogik und Humor ziemlich genial. Ist er ein Vorbild?

Welke: Natürlich gucken wir seine Show. Toll bei ihm ist, dass er sich auch mal traut, 17 oder 18 Minuten nur einem Thema zu widmen. Aber mit der "heute-show" ist das kaum vergleichbar. John Oliver hat keine Ensembleshow, sondern eine Solonummer. Das könnte ich natürlich auch machen und die anderen alle rausschmeißen. Das wäre überhaupt kein Problem. Aber das wäre dann eine völlig andere Sendung.

SPIEGEL: Wie halten Sie es in Ihrer Show mit der Mischung aus Pädagogik und Humor? Haben wir richtig beobachtet, dass Sie öfter als früher politische Zusammenhänge erklären, Haltung zeigen, manchmal sogar Beiträge bringen, die überhaupt nicht komisch sein wollen?

Welke: Das hat sich so ergeben. Zum einen wegen der Flüchtlingskrise: Ich kann mich kaum an eine Zeit erinnern, in der das Land so gespalten war. Das spüre ich bis in den eigenen Bekanntenkreis hinein. Der zweite Grund ist: Früher konnten wir uns an der schwarz-gelben Regierung abarbeiten. Die hat schöne Vorlagen geliefert, vom Hin und Her beim Atomausstieg bis zu den Sprüchen über Hartz-IV-Empfänger und spätrömische Dekadenz. In der Großen Koalition herrscht permanenter Konsenszwang, und wir finden kaum noch Köpfe mit Satire-Potenzial, die Lust haben zu polarisieren. Mal abgesehen von Sigmar Gabriel vielleicht.

SPIEGEL: Mit anderen Worten: Sie vermissen Rainer Brüderle?

Welke: Ja, die "heute-show" hat Brüderle sehr viel zu verdanken. Aber wenn man schon einen Lacher dafür bekommt, dass man die drei Buchstaben FDP erwähnt, wird es irgendwann langweilig.

SPIEGEL: Sie versuchen es weiterhin mit Personalisierung. Manchmal brachial. In einem Gag haben Sie mal gesagt: "So sähe Fleisch unbehandelt aus." Dann wurde ein Foto von Markus Söder eingeblendet, dem bayerischen Finanzminister.

Welke: Das war eine Strecke über die miesen Arbeitsbedingungen in der deutschen Lebensmittelindustrie. Wie der Gag da reingeraten ist, weiß ich gar nicht mehr so genau. Ich bin ja gesichtstechnisch selber nicht wirklich fürs HD-Fernsehen gemacht. Und natürlich gibt es in der Show auch immer mal wieder Momente absichtlich botschaftsloser Albernheit. Wir sind eben nicht Kabarett. Haben wir auch nie behauptet. Schließt aber eine klar erkennbare Haltung nicht aus.

SPIEGEL: Als es um das Atomkraftwerk Biblis ging, haben Sie zu einem Foto von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier gesagt: dieses Strahlenopfer.

Welke: Ja, das war grenzwertig.

SPIEGEL: Und nicht mal besonders lustig.

Welke: Jetzt arbeiten Sie aber selbst wie die "heute-show" und reißen alles aus dem Kontext! Das war eingebettet in eine Strecke, in der wir erzählen, wie Bouffier damals Biblis so dilettantisch hat abschalten lassen, dass der Steuerzahler jetzt wahrscheinlich Schadensersatz an RWE zahlen muss. Trotzdem gehört der spezielle Gag zu den zwei bis drei, die ich im Nachhinein gern rausschneiden würde. Und jenseits von Geschmacksfragen darf man natürlich nicht auf die ganz einfachen Lacher gehen. Dickenwitze über Sigmar Gabriel stehen beispielsweise schon seit geraumer Zeit auf dem Index. Mittlerweile macht er sie ja ohnehin selbst.

SPIEGEL: Spitzenpolitiker wie SPD-Chef Gabriel suchen das Weite, wenn sich ihnen ein Kamerateam von der "heute-show" nähert.

Welke: Ein Regierungssprecher hat mir mal verraten, dass er allen Ministern rät: "Redet nicht mit denen. Wenn ihr sie seht, lächelt freundlich, nickt und geht weg." Die meisten halten sich daran. Gabriel hat, glaube ich, noch nie ein Wort mit uns gesprochen.

SPIEGEL: Julia Klöckner und Peter Tauber, der CDU-Generalsekretär, tauchen dagegen offenbar ganz gern in Ihren Beiträgen auf.

Welke: Das ist die andere Fraktion. Die probieren es eher mit der Umarmungstaktik und schalten sofort in einen Lustigkeitsmodus, wenn sie uns sehen. Das Geschäft wird dadurch nicht einfacher.

SPIEGEL: 2015 ist auch das Jahr der Abschiede von großen TV-Unterhaltern. Stefan Raab hört auf, Günther Jauch hat seine Talkshow abgegeben, Thomas Gottschalk ist 65. Denken Sie darüber nach, was nach der "heute-show" kommt?

Welke: Fernsehleute sind alle Aufmerksamkeits-Junkies. Wenn wir uns zurückziehen, gibt es meistens richtige Entzugserscheinungen. Ich habe das bei Rudi Carrell erlebt. Der hat immer gesagt: Hinter der Kamera Produzent zu sein reicht mir ab jetzt. Aber natürlich hat ihm das rote Licht total gefehlt. Alle diese Zirkuspferde bekommen irgendetwas zwischen Burn-out und Depression, wenn sie nicht mehr im Fernsehen auftreten.

SPIEGEL: Sie werden im nächsten Jahr 50. Ist das ein Zeitpunkt, an dem man verstärkt über solche Themen nachdenkt?

Welke: Lustigerweise habe ich in diesem Jahr ein Potpourri an Krankheiten gehabt, die ich gar nicht für möglich gehalten hätte. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man glauben: Mein Körper will mir irgendwas sagen. Ich weiß nur nicht, was. Aber, ganz ehrlich, ich bin ein potenzieller Problemfall, weil ich keine klassischen Hobbys habe. Im Gegensatz zu Raab, der seine Musik hat und sein Flugzeug, würde ich wahrscheinlich erst mal in ein echtes Loch fallen.

SPIEGEL: Was genau würde Ihnen fehlen?

Welke: Dieses Gefühl, jede Woche bei null zu beginnen. Immer wieder neu mit den Kollegen an diesem Puzzle herumzufrickeln, das man dann am Freitag dem Publikum zeigt. Das gibt einem einen Glückshormonausstoß, der im zivilen Leben ganz schwer zu erreichen ist.

SPIEGEL: Im Januar gehen Sie mit Ihrem "heute-show"-Kollegen Dietmar Wischmeyer auf Tour.

Welke: Die Zeit knapse ich von meinen Weihnachtsferien ab. Diese Auftritte sind ein großer Spaß, auch weil man sich danach mit den Zuschauern unterhalten kann. Dieser direkte Kontakt fällt ja bei der Sendung ziemlich weg.

SPIEGEL: Sie könnten ja irgendwann mit der "heute-show" auf Tour gehen.

Welke: Ja, genau wie die Rolling Stones. Seit dreißig Jahren auf Abschiedstournee, bald kommen sie mit ihren Rollatoren auf die Bühne. Und das Publikum fragt sich: warum?, singt aber trotzdem die Texte mit. So stelle ich mir auch meinen Ruhestand vor.

SPIEGEL: Herr Welke, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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Seite 1
mielforte 11.12.2015
1. Als langjähriger Fan dieser Sendung
schaue ich seit einigen Monaten nicht mehr rein. Es ist ein lustiger Agit-Prop-Abend für Frau Merkel geworden. Schade.
joppop 11.12.2015
2. Prima
Einer der weinge der echt humor hat!! Da gegen ist Nuhr ein schlafpille. Auch die von der Anstaltt, beschamend slecht einfach.
MarkusW77 11.12.2015
3.
Kontakt mit dem Publikum könnte er auch nach der Aufzeichnung aufnehmen. Wir waren neulich da, und das war das einzige, was ich etwas enttäuschend fand, das er nicht nach der Show noch kurz mit dem Publikum gequatscht hat. Sonst ein super authentischer Typ!
yugorette 11.12.2015
4. War mal richtig gut
früher habe ich keine Sendung verpasst, sogar das Buch von O.Welke uund D.Wischmeyer gelesen (sehr gut), mittlerweile ist "heute show" zu einer Dauerwerbesendung "Wir schaffen das" und "Refugees Welcome" verkommen. Ich schaue mir die Sendung seit Monaten nicht mehr. Schade Herr Welke.
k70-ingo 11.12.2015
5.
dochdoch, über VT-Wichteleien wurde schon einiges gebracht.
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