Serien-Meisterwerk "Hindafing" Bauern hammerbreit im Renditerausch

Der Freistaat als failed state: Die Krimi-Groteske "Hindafing" mit Maximilian Brückner verwandelt die bayerische Provinz in einen Hexenkessel voll Drogen und Gewalt. "Fargo" lässt grüßen.

BR/ Günther Reisp

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Die Provinz ist ein grausamer Ort, das wissen wir längst. Seit den "Jagdszenen aus Niederbayern", seit "Fargo". Seit Filmen und Serien, in denen das Unzivilisierte und Unbeherrschbare, die Gier und der Trieb aus Kuhbauern und Kleinstadtseelen herausbrechen. Der Horizont ist weit, die Niedertracht gewaltig.

Potenziert werden solche Provinzalbträume noch einmal, wenn die Provinz vorgibt, eigentlich keine Provinz zu sein. So wie das jetzt die sechsteilige Serie "Hindafing" zeigt, in der das Hinterland zum Versuchslabor für neue Märkte und neue Industrien umgebaut wird und die Kreisstadthäuptlinge glauben, endlich das große Rad mitdrehen zu können. Provinz progressiv, Kommunalpolitiker auf Koks, Bauern hammerbreit im Renditerausch.

Ja, das kleine Hindafing will Investorentraum sein. Seine Kommunalpolitiker machen alles möglich. Na ja, fast alles. Zum Beispiel einen Windpark - leider auf halber Strecke abgewickelt, traurig stehen die Türme ohne Rotorblätter im bayerischen Nirgendwo. Oder ein Bio-Shoppingcenter - dessen Fertigstellung sich leider hinzieht, da es um die Ökostandards drumherum schlecht bestellt ist. Oder eine Frackingstation - die sich in Planung befindet, obwohl so eine Anlage doch so gar nicht mit der benachbarten Müsli-Mall verträglich ist.

Endlich Metropolenregion

Ruinen des Aufschwungs, wohin man in Hindafing schaut. Für die meisten von ihnen ist Jungbürgermeister Alfons Zischl (Maximilian Brückner) verantwortlich. Gerade hat Zischl seinen Vater und Amtsvorgänger unter die Erde gebracht, jetzt hat er freie Bahn für seine verwegenen Geschäftsideen. Hindafing soll endlich Metropolregion werden.

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Bayern-Serie: Hexenkessel Hindafing

Zischl träumt den Traum so vieler Kommunalbosse - den der Provinz als Zukunftsmotor. Im ZDF läuft an diesem Dienstag zum Thema die Reportage "Der Bürgermeister-Macher", wo es um junge Provinzpolitiker geht, die mit allen Mitteln des modernen Selbstmarketings an die Macht wollen. Provinz 3.0.

Aber, so muss sich in "Hindafing" Machtmensch Zischl fragen, wie drückt man zwischen dickschädeligen Bauern und Starkbierbrauern auf die Tube, um die Geschäftsmodelle der kommenden Tage durchzusetzen? In den sich sowieso stetig verändernden Großstädten lässt sich leichter reagieren auf die sozialen und ökonomischen Umbrüche, Ländlichkeit aber steht für Gleichmaß und Gemütlichkeit, die Umverteilungsprozesse kommen fern der Städte unversöhnlicher daher.

Den Schöpfern von "Hindafing" gelingt es, urdeutsche - oder sogar: urbayerische - Topoi mit höchsten internationalen Serienstandards zu kombinieren. Hier trifft die Provinzschnurre aufs Kleinstadtgangsterkintopp, "Der Bulle von Tölz" auf "Lilyhammer". Oder eben, da wird schamlos direkt zitiert, auf "Fargo": Wie im US-Serienvorbild setzen Niklas Hoffmann und Rafael Parente (Buch) und Boris Kunz (Buch und Regie) die brutale, unsentimentale Mechanik der Groteske in Bewegung, durch die Politiker, Landwirte und Zugereiste zu Figuren in einem bitterbösen Gesellschaftsspiel werden.

Bavaria Noir

Mittendrin im großen Schachern und Vermarkten, Dealen und Verscherbeln ist eben der Zischl Alfons, ein Mann der anpackenden Wählerbearbeitung und der kreativen Kontoführung. Gerade hat er erfahren, dass der Vater vor seinem Tod ein paar Millionen in Panama geparkt hat. An das Schwarzgeld kommt er allerdings nur über einen korrupten Landrat heran, und der fordert für seine Hilfe politischen Beistand. Zischl soll in Hindafing eine Unterkunft für 50 Flüchtlinge einrichten. Wenig später fährt auch schon ein Bus mit Syrern und Irakern vor, während die Einwohner von Hindafing sich zu Protesten zusammenschließen.

Zischl versucht's mit salbungsvollen Appellen an die Menschlichkeit - vergeblich, besser läuft's mit dem Verteilen kleiner Vergünstigungen und Geschenke an die Mitbürger. Bald steckt der Bürgermeister fest in einem Geflecht aus Gefälligkeiten und Verbindlichkeiten; um runterzukommen, schaut er sich auf Video die schönsten Eisenbahnstrecken Deutschlands an und legt sich ein paar Linien Koks. Bekanntlich taugt das weiße Pulver nicht als Befriedungsmaßnahme, auch in Hindafing eskaliert die Lage bedrohlich.

Gut oder schlecht, das ist hier nicht die Frage, jeder versucht, für sich Gewinn aus der Lage zu schlagen. Der Landrat, der in der Gemengelage eine politisch opportune Frackinganlage durchdrückt, ebenso wie der Flüchtling, der den Bürgermeister unter Druck setzt, weil er weiß, dass der 30 Euro Tagespauschale für ihn kassiert, oder der landlose Landwirt, der in Drogen macht.

Der BR-Sechsteiler "Hindafing" ist nach der am Montag gestarteten TNT-Produktion "4 Blocks", einer "Sopranos"-Variation in Berlin-Neukölln, bereits die zweite deutsche Serie in diesem Frühjahr, die auf internationalem Niveau inszeniert ist. "Hindafing" kommt satirisch überhöht und lustvoll ausgeschmückt daher - und greift doch mit untrüglichem Gespür für die Realität die Verwerfungen auf, die fehlgeschlagene Provinzträumereien hinterlassen. Der stolze Freistaat wird hier zum failed state samt Crystal-Meth-Küchen und gewaltbereitem Bauernprekariat, der die sozialen Brennpunkte der Städte wie Idyllen wirken lässt. Bavaria Noir.

Wer die Großstadt für einen Hort der Sünde, der Verbrechen und der blutig in der Realität aufschlagenden Großmannsträume hält, wird mit dieser Serie eines Besseren belehrt. Der wahre Hexenkessel heißt Hindafing.


"Hindafing", ab Dienstag, 16. Mai, 20.15 Uhr, Bayerischer Rundfunk. Die Folgen stehen bereits ab jetzt in der Mediathek bereit.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
niska 09.05.2017
1.
Hört sich auch ein Bisschen nach Braunschlag an. Wenn es nur halbwegs in die Richtung gehen sollte, bin ich gespannt.
Marlene 123 09.05.2017
2.
Leider kein Braunschlag. Maximilian Brückner ist großartig, aber die anderen Figuren wenig überzeugend. Den Dialogen fehlt Subtext, Lakonie oder etwa Spezielles. Auch vielen Charakteren fehlt etwas Eigenes. Für mich ist es mal wieder: Wir wollten ein bayerisches Fargo machen und ahmen mal alles nach, was wir mögen, vermischen die Versatzstücke und lassen es in Bayern spielen. Und der Feuilleton schreibt, was man ihm diktiert und spricht vom bayrischen Fargo. Also wenn das "Fargo" ist, bin ich Marlene Dietrich.
ripley99 09.05.2017
3.
Ich möchte bei all den Aufzählungen ähnlicher Werke noch auf den schönen österreichischen Mehrteiler "Mörderisches Tal - Pregau" hinweisen, ebenfalls mit Maximilian Brückner in der Hauptrolle und besser als der unsägliche Titel. Der lief zuletzt im April bei One und ist derzeit noch in der ARD Mediathek zu bekommen.
soratenia 09.05.2017
4. Habe mir bisher 3 Teile angesehen,
und die waren absolut genial abgefahren. Besonders Maximilian Brückner, als Bürgermeister Zischl, nicht zu übertreffen.
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