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Historiendrama "Die Wanderhure": Zuckerschnute in finsterer Zeit

Von Meredith Haaf

Das Mittelalter ist düster, die Männer sind Brutalos und triebhaft: Die Bestsellerverfilmung "Die Wanderhure" mit Alexandra Neldel spart nicht an Klischees. Schade eigentlich - denn die Sat.1-Großproduktion hat Frauenfiguren zu bieten, die rar sind im Unterhaltungs-TV.

"Die Wanderhure" auf Sat.1: Rache mit goldigem Blick Fotos
Sat.1

Es gibt nur eine deutsche Schauspielerin, die es schafft, auch nach einer Szene, in der ihre Figur von einem fetten, dreckigen Soldaten vergewaltigt wird, noch mal versonnen einen Blick über die Schulter zu werfen und dabei total goldig auszusehen: Alexandra Neldel. Sie hat als GZSZ-Girl angefangen, als Lisa Plenske war sie "Verliebt in Berlin". Mittlerweile spielt sie auch das, was im deutschen TV unter "anspruchsvolle Rollen" verbucht wird. Eine Rechtsanwältin in der Sat.1-Krimiserie "Unschuldig" zum Beispiel. Und jetzt eben: Marie Schärer, die Hauptfigur der Sat.1-Produktion "Die Wanderhure".

Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Bürgerstochter im Konstanz des frühen 15. Jahrhunderts, die in einen verträumten Handwerker-Schluffi namens Michel Adler (nuschelnd: Bert Tischendorf) verknallt ist. Ihr Vater verspricht sie aber einem ehrgeizigen jungen Mann namens Ruppertus Splendidus (verschlagen: Julian Weigend). Der leidet schon sein ganzes Leben darunter, dass sein Vater ihn nicht liebt, weil er nämlich ein unehelicher Sohn ist - ein "Bastard", wie es hier heißt. Auch Marie weist ihn ab, was Rupert in kalten Hass versetzt. Er lässt sie vergewaltigen, halbtot schlagen und entehrt aus der Stadt vertreiben. Eine Gruppe fahrender Huren nimmt die geschundene Frau auf, und die ehemalige Unschuld von Konstanz verwandelt sich in eine geschickte Verführerin namens Hannah, deren Motto nunmehr lautet: "Ich will nur eins: Rache!"

Bis sie die bekommt, muss sie noch einiges an sexueller Gewalt und standesbedingter Grausamkeit erdulden. Der treue Michel wird Soldat und lernt, sich auch mal durchzusetzen. Und er schläft nie mit einer anderen Frau, obwohl Hure Hannah ihm ziemlich deutlich macht, dass sie mittlerweile zu tough für ihn ist: "Ich brauche einen Mann, der mir wirklich helfen kann", schmettert sie ihm entgegen. Michel schluckt, wartet ein paar Jahre, und am Ende küssen sich die beiden doch noch am Bodensee.

Irgendwie düster: Das Mittelalter

Filme oder Bücher, die in der Vergangenheit spielen, nennt der Volksmund Historienschinken. Bei der "Wanderhure" muss man aber schon fast von Geschichtspressfleisch sprechen, auch wenn der Film sehr aufwendig produziert ist. Die Vorlage und ihre Fortsetzungen "Die Kastellanin", "Das Vermächtnis der Wanderhure" und natürlich "Die Tochter der Wanderhure" standen monatelang auf den Bestsellerlisten. Das Autorenpaar, das die Bücher unter dem Pseudonym Iny Lorentz schreibt, hat es in seinen historischen Überlegungen zum Thema offenbar bei dem Konsenswissen über das Mittelalter belassen: dass es auf jeden Fall irgendwie düster war und es den Frauen wesentlich schlechter ging als heute. Man weiß ja auch, dass viel gemordet wurde und die Menschen im Gegensatz zu heute eher verdreckt waren. Auch die Sexualität des Mittelalters darf man sich extrem und ungezügelt vorstellen: Der König vögelt sie alle, das Volk gibt sich seinen Bedürfnissen schamlos und überall hin, und irgendwo drückt sich immer ein lüsterner Mönch herum. Mittelalterlich eben.

"Die Zeit damals war sehr rau", erklärt denn auch Hauptdarstellerin Alexandra Neldel. Vorbereitet hat sie sich auf ihre Rolle als gefallene Frau mit dem Hörbuch zum Roman und "ein paar Web-Seiten über die Zeit". Geholfen hat ihr auch die "gute Ausstattung", um sich ins Mittelalter zu versetzen. Und in der Tat: bei vielen historischen Filmen sehen die Straßen oft zu sauber aus, die Menschen zu gesund. Der "Wanderhure" gelingt es, Konstanz stinken zu lassen, und die Menschen wirken zumindest angebracht ungepflegt, auch wenn das Drehbuch sich Schnitzer erlaubt wie die Behauptung des intriganten Grafen von Keilburg: "Marie könnte deine Eintrittskarte zum Hof des Königs sein." Ja ja, und gleich reden sie über die neuste App. Auf jeden Fall hätte es der "Wanderhure" gutgetan, die komplexen Vorstellungen von Ehre und Stand ein bisschen genauer zu verarbeiten als mit der Gleichung: Entehrte Frau = Hure, ehrenvolle Frau = hübschere Klamotten und ein sauberes Gesicht. So bleibt die Erkenntnis: Puh, zum Glück müssen heute in Baden-Württemberg nur die wenigsten wie Marie noch glauben: "Ohne meine Ehre ist mein Leben nichts wert."

Das Mittelalter der "Wanderhure" ist also finster. Es gibt die schrecklichen Kerker, die willkürlichen Morde und die schlammige Natur. Es gibt aber vor allem eine ziemlich klare Rollenverteilung der Geschlechter: Männer sind grundsätzlich triebhaft, auch wenn dem ein oder anderen von ihnen ein gutes Herz gestattet wird. Wenn sie nicht kriegen, was sie wollen, schlagen sie zu. Den Subtext bringt Alexandra Neldel auf den Punkt: "Ich bin schon froh, eine Frau zu sein." Nur denen erlaubt das Drehbuch Ambivalenzen: Die Wanderhuren sind abgehärtete und kalte Frauen, sie hassen Männer und halten eigentlich nur zusammen, weil sie alleine keine Überlebenschance haben.

Kleine Männer, starke Frauen

Das ist der erfreuliche Aspekt des Films: Wir sehen Frauen, die in ihren Umgangsformen allem widersprechen, was das Unterhaltungsfernsehen sonst so unter Weiblichkeit versteht, also Kichern, lieb miteinander sein, den Traummann suchen. Nadja Becker beeindruckt als Hiltrud, die sich seit ihrem zwölften Lebensjahr als Hure verdingt, und anders als ihre neue Freundin Marie/Hannah keinen Ausweg für sich sieht. Sie ist eine Frau, die glaubt, zu Stein geworden zu sein. Wie sie sich aufopfernd um ihre neue Freundin kümmert, ohne jemals weich oder freundlich zu werden, das sind die eigentlichen Verstörungsmomente in diesem Film, der seine Hauptfigur (und den Zuschauer) in ein Szenario wirft, das eigentlich Verstörung pur sein sollte. Die hochschwangere Mechthild von Arnstein (Elena Uhlig) heuert in Hannah eine persönliche Liebesdienerin für ihren Mann an, damit er sich nicht an ihren Mägden vergreift. Der ist von dieser Intimsteuerung nicht gerade begeistert. "Das macht den Mann schon klein", kommentiert Neldel.

Kleine Männer, starke Frauen - das ist das Programm des Films. Doch trotz der vielen grimmigen Frauenfiguren geht die Rechnung nicht auf. Denn in Filmen mit einem Rache-Plot geht es nun mal darum, dass die Geschändeten und Entehrten zum Showdown die Macht übernehmen - durch intensiven Waffengebrauch, in Form von Intrigen oder anderweitig. Marie aber muss sich 120 Minuten lang begrabschen und schänden lassen - und bleibt am Ende doch völlig machtlos. Sie schläft sich zwar ins Bett des Königs, aber nicht mal ihre Verführungskunst verhilft ihr zu Einfluss über den Willen des Herrschers. Stattdessen kommt der brave Handwerker Michel angeritten und erwirkt ein Königsurteil zu ihren Gunsten. Und so bleibt auch in der "Wanderhure" alles beim Alten: Die Welt ist Männerland, und auch die goldigste Zuckerschnute macht das Leben als Frau nicht einfacher. Man wünscht Alexandra Neldel, dass nicht nur sie, sondern auch das Geschlechterbild ihrer Arbeitgeber sich weiterentwickeln möge.


"Die Wanderhure": Dienstag, 5. Oktober, 20.15 Uhr auf Sat.1

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 271 Beiträge
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1. Nichts gegen Frau Neddel...
satizilef 04.10.2010
Zitat von sysopDas Mittelalter ist düster, die Männer sind Brutalos und triebhaft: Die Bestsellerverfilmung "Die Wanderhure" mit Alexandra Neldel spart nicht an Klischees. Schade eigentlich - denn die Sat.1-Großproduktion hat Frauenfiguren zu bieten, die rar sind im Unterhaltungs-TV. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,721073,00.html
...aber diese Verfilmung braucht kein Mensch! Die Brutalität setzt sich in den Köpfen fest- klar war das Leben unvergleichlich viel härter als heute - und auch das Männerbild wird wohl nicht so richtig dargestellt. Hut ab vor dem Engagement der Macher und doch bewahrheitet sich mal wieder die seichte Darstellung für das breite Publikum.
2. ....
terion 04.10.2010
Mit verlaub, was ein Dreck. Mal wieder ein völlig falsches Bild vom Mittelalter, um dem Ethos des Feminismus gerecht zu werden, dass Frauen Jahrtausendelang unterdrückt worden sind. DAS STIMMT NICHT. Es gab kein Ius primae noctis, Frauen waren kein Freiwild und Finster war es auf keinen Fall. Wer einmal den ganzen Tag auf dem Feld gearbeitet hat, der weis, dass Mann danach bestimmt keine Lust mehr auf Sex hatte. Nicht umsonst, wurden die Kinder im Winter gezeugt. Desweiteren war das Mittelalter Bund, man muss sich nur mal Darstellungen von Turnieren oder Festen anschauen. Auch waren Frauen doch recht wehrhaft, wie ein Blick in Talhoffers Fechtbuch verrät. Bitte, bitte, bitte, hört auf, solche unwahrheiten über das Mittelalter zu verbreiten, es ist schlicht und ergreifend Geschichtsverfälschung.
3. Schinken - gut abgehanten?
nordschaf 04.10.2010
Puuh, das klingt ja nach übelstem schwülstigen Hirn-Kleister, dazu noch mit Patzern in der Wortwahl und Brüchen im Verhalten. Taugen die Bücher wenigstens was? Ich hab die nun schon gefühlt ewig geschenkt im Regal stehen. Fragt sich, ob man doch nochmal reinschaut (allein der Titel schreckt ja schon ab), oder ob man das gleich zum Kompostieren gibt..??
4. Nur nicht übertreiben
Asirdahan 04.10.2010
Zitat von terionMit verlaub, was ein Dreck. Mal wieder ein völlig falsches Bild vom Mittelalter, um dem Ethos des Feminismus gerecht zu werden, dass Frauen Jahrtausendelang unterdrückt worden sind. DAS STIMMT NICHT. Es gab kein Ius primae noctis, Frauen waren kein Freiwild und Finster war es auf keinen Fall. Wer einmal den ganzen Tag auf dem Feld gearbeitet hat, der weis, dass Mann danach bestimmt keine Lust mehr auf Sex hatte. Nicht umsonst, wurden die Kinder im Winter gezeugt. Desweiteren war das Mittelalter Bund, man muss sich nur mal Darstellungen von Turnieren oder Festen anschauen. Auch waren Frauen doch recht wehrhaft, wie ein Blick in Talhoffers Fechtbuch verrät. Bitte, bitte, bitte, hört auf, solche unwahrheiten über das Mittelalter zu verbreiten, es ist schlicht und ergreifend Geschichtsverfälschung.
Wie das Mittelalter wirklich war? Wer kann das heute schon sagen? Es wird alles mögliche gegeben haben, zumal es sich über mehrere Jahrhunderte erstreckte, und so kann jeder behaupten, mit seiner Darstellung recht zu haben. Da der Film Unterhaltung bieten soll, halte ich es für völlig gerechtfertigt, wenn das Mittelalter dort so gezeigt wird, wie es in den Köpfen der Menschen heute ist. Es ist ja kein Dokumentarfilm. Mir fällt auf, dass historische Filme meistens ganz besonders auf Authentizität hin untersucht werden, als müsse das Vergangene besonders penibel umgesetzt werden. Es gibt unzählige Filme aus der Neuzeit, die auch großer Käse sind. Aber nicht jeder Streifen und jedes Buch muss ein Klassiker sein. Kommt mal ein bisschen herunter von euren elitären Vorstellungen. Wenn ein Buch oder ein Film in sich konsistent und glaubwürdig dargestellt wird und spannend ist, dann reicht mir das. Nicht so viel Klischee, nicht so viel Schwarz-Weiß-Malerei, interessante Charaktere, was will man mehr? Ob da der eine oder andere historische Schnitzer drin ist, den ohnehin nur Historiker merken, so what! Weiß allerdings nicht, ob der Film das bringt. Kommt ja erst morgen.
5. ............
terion 04.10.2010
Zitat von AsirdahanWie das Mittelalter wirklich war? Wer kann das heute schon sagen? Es wird alles mögliche gegeben haben, zumal es sich über mehrere Jahrhunderte erstreckte, und so kann jeder behaupten, mit seiner Darstellung recht zu haben. Da der Film Unterhaltung bieten soll, halte ich es für völlig gerechtfertigt, wenn das Mittelalter dort so gezeigt wird, wie es in den Köpfen der Menschen heute ist. Es ist ja kein Dokumentarfilm. Mir fällt auf, dass historische Filme meistens ganz besonders auf Authentizität hin untersucht werden, als müsse das Vergangene besonders penibel umgesetzt werden. Es gibt unzählige Filme aus der Neuzeit, die auch großer Käse sind. Aber nicht jeder Streifen und jedes Buch muss ein Klassiker sein. Kommt mal ein bisschen herunter von euren elitären Vorstellungen. Wenn ein Buch oder ein Film in sich konsistent und glaubwürdig dargestellt wird und spannend ist, dann reicht mir das. Nicht so viel Klischee, nicht so viel Schwarz-Weiß-Malerei, interessante Charaktere, was will man mehr? Ob da der eine oder andere historische Schnitzer drin ist, den ohnehin nur Historiker merken, so what! Weiß allerdings nicht, ob der Film das bringt. Kommt ja erst morgen.
Das Problem ist, das es manche Leute gibt, die das dann für die Wahrheit halten. Die besondere Gruppe habe ich ja schon angesprochen, die damit auch Politik treibt. Deshalb ist es so wichtig, und der Film will ja anscheinend "Authentisch" sein, ansonsten hätte man auch so was wie "Ritter aus Leidenschaft" drehen können. Das ist das Passende Beispiel für einen Mittelalterfilm, der das niveau von den heuten Filmen hat, die die "heutige zeit" wiederspigeln. Es gibt auch wirklich Menschen, die denken, das "Die Päpstin" Realität gewesen ist.
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