Deutscher "Homeland"-Schurke Das Böse kommt aus Berlin

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Der Berliner Numan Acar hat eine der zentralen Rollen in der US-Erfolgsserie "Homeland" gespielt: den Top-Terroristen Haqqani. Jetzt ist Staffel vier vorbei - und Acar endlich ein Star.

+++ Vorsicht: Spoiler. Lesen Sie nicht weiter, wenn Sie Folge neun der vierten "Homeland"-Staffel noch nicht gesehen haben. +++

Am Ende hört sich alles so einfach an. Wie er es denn geschafft habe, eine der wichtigsten Rollen in einer der erfolgreichsten Fernsehserien zu bekommen? Numan Acar lehnt sich zurück auf seinem Stuhl in einem Berliner Café, er setzt die Cappuccino-Tasse ab und lacht. Schon das will so gar nicht zu seiner Rolle des "Homeland"-Bösewichts Haqqani passen.

Dann erzählt er: Wie er das Skript mit der Szene erhielt, die er probeweise spielen sollte. Einen Englischlehrer buchte, eine Kamera auslieh. Und an einem Kreuzberger Kanal den Text lernte, um ihn anschließend zu Hause einzusprechen, fünfmal. Die vierte Variante schickte er an seinen Agenten in Los Angeles, das war im Juli. Schon zwei Wochen später kam die Zusage: für eine Rolle in der vierten Staffel, an der Seite von Claire Danes und den anderen Stars, die für "Homeland" alle Preise abgeräumt hatten.

Als Acar in das Flugzeug nach Kapstadt stieg, hatte er weder die Produzenten der Serie getroffen noch die Drehbuchautoren. Er dachte, sie hätten ihm eine winzige Rolle gegeben und er freute sich riesig darüber. Er reiste als Fan ans Set.

Von "Kebab Connection" bis "Tatort"

Jetzt ist Numan Acar, 35, auch ein Star. Wie groß sein Erfolg ist, lässt sich daran erkennen, dass alle teilhaben wollen. Die Türken feiern den türkischen Schauspieler, der in einem kleinen Dorf im Nordosten des Landes geboren wurde. Die Deutschen feiern den deutschen Schauspieler, der ab dem achten Lebensjahr in Wiesbaden aufwuchs. Und manche Fans freuen sich, dass in "Homeland" plötzlich jemand eine tragende Rolle hat, den sie aus "Kebab Connection", "Kokowääh" oder dem "Tatort" mit Wotan Wilke Möhring kennen.

Acar ist jetzt Hassan Haqqani, der Gegenspieler der CIA-Superhelden um Carrie Mathison, der den Ex-CIA-Chef Saul Berenson entführen lässt und die US-Botschaft in Islamabad stürmt.

Was sich so einfach anhört, am Ende, ist der Lohn für Mühe und Mut. Als Numan Acar nach Wiesbaden kam, versteckte er sich mit seinen vier Geschwistern monatelang in der Wohnung, alles war fremd. Doch Acar kam in Deutschland an: Er machte im selben Betrieb eine Maurerlehre, in dem sein Vater schon seit 1969 arbeitete. Anschließend holte er sein Fachabitur nach und studierte Bauingenieurwesen. Häuser bauen, das konnte er. Aber das wollte er nicht für den Rest seines Lebens tun.

Acar hatte 15 Jahre auf hohem Niveau Fußball gespielt, in der Türkei versuchte er sich als Profi, trainierte mit einer Mannschaft aus der ersten Liga. Doch auch dabei merkte er: Die große Leidenschaft fehlte. Erst im Theater entdeckte er sie.

In Steinbecks "Von Mäusen und Menschen" stand er erstmals vor Publikum. Schon im Theater sagten sie ihm, mit einem Gesicht wie dem seinen gehöre man zum Film. Til Schweiger brach es laut Acar auf folgenden Satz herunter: "Du hast so 'ne geile Fresse." Mit seinen dunklen Haaren, dem Bart, den hageren Wangen und der Hakennase war Acar viele Jahre festgelegt: Er spielte Mesut und Mehmet, Ali und Abdullah. Nebenrollen.

Auch mit der eigenen Produktionsfirma, die er 2006 gegründet hatte, lief es schleppend. Er drehte Kurzfilme, schrieb Drehbücher. Es reichte ihm nicht. 2010 engagierte Acar einen Agenten in London und einen in Los Angeles. Und arbeitete fortan international, in der Türkei, in Südkorea, in Amerika. Hauptrollen. Dann kam "Homeland".

Acar nennt die Serie ein Geschenk, die Krönung, ein Hammerding. Zweieinhalb Monate war er in Kapstadt, in den Drehpausen wanderte er mit Mandy Patinkin auf den Tafelberg oder feierte verkleidet als "Scary Potter" Halloween bei Claire Danes. Acar ist nicht mehr bloß Fan, sondern einer von ihnen.

Die vierte "Homeland"-Staffel hätte der Untergang der Serie sein können. Es war die erste ohne die Rolle von Nicholas Brody, der die Handlung drei Staffeln lang bestimmt hatte. Ob es den Machern gelingen würde, "Homeland" auch ohne ihn weiterzuführen, wurde heftigst bezweifelt. Doch nach einem schwachen Staffelstart gelang es: dank neuem Schauplatz, dank größtenteils brillanten Drehbüchern und vor allem dank der neuen Charaktere. Figuren, die man zugleich verachten und verstehen kann. Figuren wie Haqqani.

Das ist es, was Acar in seine Rolle tragen wollte: Der Bösewicht soll nicht böse sein, jedenfalls nicht nur, sondern menschlich. Also auch mal schwach und voller Sehnsucht nach seiner Familie. Und dann doch wieder so grausam, wie es die Rolle nun mal erfordert, zum Beispiel in der Schlüsselszene der sechsten Folge: Haqqani stellt sich vor das Kind, das sein Neffe ist, küsst es auf die Stirn. Zückt die Waffe, hält ihm die Mündung an die Schläfe und drückt ab.

An Acars Seite steht in dieser Szene Mandy Patinkin als entführter Ex-CIA-Chef Berenson. Und spätestens damit, in der Mitte der Staffel, war klar: Haqqani ist keine Nebenrolle. Sondern Zentrum.

Mit dem Ruhm wird es für Acar nun vielleicht einfacher, Fördergelder für seine Filme zu bekommen. Vielleicht werden ihm jetzt auch in Deutschland die tragenden Rollen angeboten. Acar weiß es nicht. Er will es auf sich zukommen lassen. So einfach sieht er das.

insgesamt 22 Beiträge
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spon-facebook-1261351808 23.12.2014
1.
Ein sehr guter Schauspieler, von dem man noch viel hören wird. Respekt!
tomrobert 23.12.2014
2.
Natürlich kommt das Böse aus Berlin, woher sonst?
Hotzenplotz13 23.12.2014
3.
nun wissen auch die Amerikaner, was wir Bayern schon immer wussten
multi_io 23.12.2014
4.
Leider ist den Autoren bei der letzten Folge wohl der Stoff ausgegangen. Ein echter "letdown", würde ich sagen.
georg1of9 23.12.2014
5.
Numan Acar ist der perfekte Bösewicht dort. Vielen Dank von einem Zuschauer hier. Ich wünsche mir heimlich, Finn hätte den Zünder betätigt. Oder Carrie hätte abgezogen!
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