Homer Simpson Neue Stimme, nichts dahinter

Homer Simpson hat eine neue deutsche Stimme. Aber das kann den Charakter auch nicht mehr retten. Er war einmal ein liebenswerter Verlierer, jetzt ist er nur noch ein rücksichtsloser Depp.

FOX

Homer Jay Simpson ist einer der besten Charaktere, die jemals erfunden wurden. Er ist ein Jedermann, wütend, faul und etwas dümmlich. Er hasst seine Arbeit, aber liebt Donuts und Bier. Homer hat dieselben Gefühle wie wir alle. Doch er lebt sie aus. Deswegen lieben ihn laut Erfinder Matt Groening die Zuschauer so sehr.

"Er stürzt sich kopfüber in jeden impulsiven Gedanken, der ihm kommt", erklärte Groening einmal "Entertaiment Weekly".

26 Jahre lang wurde Homer in der deutschen Version von Schauspieler Norbert Gastell gesprochen. Bis der im vergangenen Jahr im Alter von 86 Jahren starb. Der Sender ProSieben musste sich auf die Suche nach einem neuen Synchronsprecher machen. Es wurden 30 Leute gecasted, darunter angeblich auch William Cohn, Jan Böhmermanns Sidekick mit den hässlichen Pullis.

ProSieben wollte ein Geheimnis aus Homers neuer Stimme machen. Nicht mal die Kollegen wussten, wer es wird. Die Sprecher nehmen ihre Szenen getrennt auf. Unter einem eigenen Hashtag wollte der Sender die Spekulationen in den Sozialen Medien anheizen. Und offiziell hielt ProSieben auch bis zur Premiere der 27. Staffel am Montagabend dicht - obwohl überall im Internet bereits stand, dass der Synchronsprecher Christoph Jablonka die Nachfolge von Gastell antreten würde.

Der Sender hätte Homer eine prominente Stimme geben können. Wie Marge Simpson einige Jahre zuvor. Nachdem die tolle Elisabeth Volkmann gestorben war, übernahm Anke Engelke für sie. Vielen Fans hat das damals nicht gefallen - auch weil sich die Stimmen stark unterschieden. Engelke orientierte sich an der krächzenden Originalstimme von Marge Simpson. Volkmanns Stimme war weicher.

Der Sender geht auf Nummer sicher

Mit dem relativ unbekannten Jablonka geht der Sender jetzt in die komplett andere Richtung. Der versucht nicht mal, Homers Originalstimme zu treffen. Viel mehr probiert Jablonka der Homer-Interpretation von Gastell möglichst nahe zu kommen. "Wichtig ist mir, die Figur Homer im Geiste Norbert Gastells mit Leben zu erfüllen. Es ist mir eine Ehre zu versuchen, in seine Fußstapfen zu treten", erklärt Jablonka in einer Mitteilung des Senders. Und tatsächlich klingen Jablonka-Homer und Gastell-Homer sehr ähnlich.

Der Sender entschied sich also, den Zuschauern nichts Neues zuzumuten. Und wahrscheinlich war das eine vernünftige Entscheidung. Die Simpsons laufen schon so lange, man guckt sie ja fast nur aus Gewohnheit. Da will man keine Veränderung. Und wer das englische Original gucken möchte, dem steht ja heutzutage wirklich nichts im Weg.

Homers Originalstimme ist etwas Besonderes. Sie entstand durch Zufall. Die Simpsons wurden als kurze Clips für die "Tracey Ullman Show" entwickelt. Zeichner Groening brauchte damals auf die Schnelle eine Stimme und fragte Dan Castellaneta, der damals für die Ullman-Show arbeitete. Castellaneta imitierte für Homer den Schauspieler Walter Matthau. Als die Simpsons einen eigenen Sendeplatz bekamen, musste Castellaneta die Stimme ändern. Er konnte in ihr nicht variieren. Also machte er sie tiefer - und ein bisschen dümmer. Erst in der zweiten Staffel fand Homer seinen Ton.

Auch Homers Charakter hat sich über die Jahre verändert. In den ersten Staffeln war Bart die Hauptfigur der Serie. Doch mit der Zeit schrieben die Autoren Homer ins Zentrum der meisten Folgen. Groening erklärte es einmal so: "Mit Homer kannst du mehr Witze machen. Seine Dummheit hat größere Konsequenzen." Bart hingegen sei limitiert. Homer wurde der bei weitem beliebteste und bekannteste Simpson-Charakter.

Das Problem ist nur, dass Homer über die Jahre dümmer und dümmer wurde. So konnten sich die Schreiber immer neue Geschichten aus den Fingern saugen. Seit der neunten Staffel sind die Simpsons eigentlich nicht mehr sie selbst. Vor allem Homer.

Die neue Staffel zeigt Homer von seiner schlechtesten Seite

Die Staffelpremiere mit dem Titel "Traumwelten" zeigt das perfekt. Sie beginnt damit, dass bei Homer Narkolepsie diagnostiziert wird. Er nutzt das aus, um faul herumzuliegen und weder seiner Frau noch seinen Kindern zu helfen. Marge nervt das so sehr, dass sie Homer rausschmeißt. Homer beginnt, die junge Apothekerin Candice zu daten (im Original gesprochen von Lena Dunham). Sie nehmen gemeinsam Drogen und landen im Bett. Marge fängt zur selben Zeit eine Beziehung mit dem Vater von Candice an.

Marge hat Homer schon oft rausgeschmissen - und sie hatte immer einen Grund. Homer weiß, dass er Marge im Grunde nicht verdient. Er baut zwar oft Mist, aber er meint es immer irgendwie gut. Zum Beispiel, wenn er ihr verspricht, auf dem Chili-Festival von Springfield nicht zu trinken, aber das Chili von Chief Wiggum einfach so verdammt scharf ist. Oder wenn er Lehrer an einer Abendschule wird, und seinen Schülern private Dinge aus seiner Ehe erzählt, damit sie etwas über Beziehungen lernen.

Heute, in der siebenundzwanzigsten Staffel, ist Homer einfach nur noch ein rücksichtsloser Depp. Irgendwann im Laufe der Zeit - so um die zehnte Staffel herum - wurde der Charakter von Homer immer gemeiner. Eingefleischte Fans nennen Homer in dieser Phase nur noch "Jerkass Homer" (Arschloch-Homer). Seine Handlungen haben keine Konsequenzen mehr, alle anderen Menschen sind ihm egal, selbst Marge. Eine Folge endet damit, dass er sie mit einem Betäubungspfeil ruhig stellt, weil er nicht putzen will. Früher sind sie zusammen in den Sonnenuntergang gefahren.

In "Traumwelten" gibt es keine Gefühle zu sehen. Das ist das Schlimmste an der Folge. Warum Candice auf Homer steht, wird an keiner Stelle klar. Auch wie Bart, Maggie und Lisa finden, dass sich ihre Eltern getrennt haben, kommt nicht vor. Homer darf einfach nur einen dummen Spruch nach dem nächsten machen. Und am Ende ist eh alles egal. Es stellt sich heraus: Es war alles nur Homers Traum, in Homers Traum, in einem Traum von Marge.

So steht am Ende wieder alles auf Anfang. Und nichts hat irgendwas bedeutet. Wo sind nur die Zeiten hin, als Homer widerwillig zum Chef der Gewerkschaft wurde, nur damit Lisa eine Zahnspange bekommen kann? Als er Bart seine Krawatte gab, als der in eine neue Schule kommt und sieht, dass alle anderen Jungs Krawatten anhaben? Wo ist der Homer, der Marge liebt, seit sie gemeinsam nachsitzen mussten in der High-School? Das war ein guter Typ. Den würde man gern mal wieder sehen.



insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
theduderino 31.08.2016
1.
"Seit der neunten Staffel sind die Simpsons eigentlich nicht mehr sie selbst." "Irgendwann im Laufe der Zeit - so um die zehnte Staffel herum - wurde der Charakter von Homer immer gemeiner." Danke, ich dachte eine gewisse zeitlang, dass ich der Einzige auf dem Planeten bin, dem das aufgefallen wäre. Damals, als es StudiVZ noch gab, hatte ich eine Gruppe gegründet, in der genau das Thema war. Ein Gruppenmitglied postete damals einn Artikel einer großen amerikanischen Zeitung mit einer Kritiker-Auswertung aller erhältlichen Staffeln (die damals vorhanden waren) und dort wurde exakt das beschrieben. Die Kritiken der Staffeln und Folgen werden immer schlechter. Als Pro7 vor einigen Jahren am Sonntag einen Simpsons-Marathon laufen lies, wo die Zuschauer im Internet abstimmen durften, welche 10 Folgen gezeigt wurden, gab es für 8 dieser 10 Sendeplätze Stimmen für Folgen aus den Staffeln 1-9 und die restlichen 2 Folgen hatten dann ihren Ursprung aus den danach folgenenden Staffeln. Die Simpsons sind leider tot. Fans und Kritiker sind sich hier mal einer Meinung.
Llares 31.08.2016
2. Wie wahr
Der Kritik kann ich leider nur zustimmen. Ich freue mich immer, wenn Folgen im 4:3- Format laufen. Die sind noch gut. Die Folgen haben eine durchgehende Handlung, die Charaktere verhalten sich (einigermaßen) nachvollziehbar und die Anspielungen und Witze sind subtil bis anarchisch. Die Folgen der letzten Jahre sind nur noch eine Aneinanderreihung von Slapstick- Einlagen und ein Charakter verhält sich rücksichtsloser und dümmer als der andere. Die guten Zeiten der Simpsons sind leider lange vorbei...
yomow 31.08.2016
3. 100% Zustimmung
Es ist wirklich schade. Die alten Folgen sehe ich immer noch gerne (bis 9/10. Staffel). Wie sehr viele, bin ich mit dem Simpsons-Hype groß geworden. Ich kannte/kenne jede der älteren Folge auswendig. Damals kamen gerade die Comichefte auf den Markt und ein Stickeralbum gabs auch. Homer ist leider das dümmliche Ar***loch geworden. Früher war er der liebenswerte Versager. Das wird sich wohl nicht mehr ändern, obwohl es so einfach wäre, aber viele Leute scheinen gerade das gut zu finden (jüngeres Publikum?).
citycity 31.08.2016
4.
Das ist ja leider das altbekannte Sitcom Problem. Nur ist bei den live-action Versionen meistens nach ca. 10 Jahren spätestens Schluss. Jeder Charakter wird im Laufe der Zeit immer mehr auf seine Zoten und Eigenarten beschränkt - Ted Mosby ist ein Klugscheißer, Joey ein Idiot, JD sehr feminin.. Bei den Simpsons, wo nun wirklich schon alles passiert ist, fällt es da umso schwerer nicht in diesen Trott zu fallen.
FrankDr 31.08.2016
5.
Sehr schöner Artikel. Danke. Meine Meinung
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