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Homoehe-Talk bei Illner: "Schwul bis hinter beide Ohren"

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Rückzugsgefechte statt Kulturkampf: Bei Maybrit Illners Runde zur Homoehe gingen den konservativen Gegnern einer Gleichstellung schnell die Argumente aus. Stattdessen gab's kuriose Vergleiche. Ein Schweizer Rechtsaußen sah gar den "Arterhalt" in Gefahr.

Christopher Street Day in Köln (im Juli): "Ich? Homophob?" Zur Großansicht
dapd

Christopher Street Day in Köln (im Juli): "Ich? Homophob?"

Es wird die gleichen Rechte für homosexuelle Lebenspartnerschaften geben wie für heterosexuelle. Früher oder später, aber so sicher wie das Amen in der Kirche. Punkt. Wer daran jemals gezweifelt hat, darf sich nach dieser Sendung mit Maybrit Illner sicher sein. Denn die eine Seite hat Argumente, die andere nur Unbehagen. Und während die einen aus dem Schmunzeln gar nicht mehr herauskommen, brodelt es in den anderen sichtlich. Dabei war schon vorher klar, dass die Gegnerinnen und Gegner der rechtlichen Gleichstellung in dieser Runde auf verlorenem Posten stehen würden. Hier wurde kein Kulturkampf ausgetragen, sondern ein Rückzugsgefecht.

Etwa von Konservativen wie Katherina Reiche, die früher mal als Familienministerin im Schattenkabinett Stoiber gehandelt wurde und neulich in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung ihre Position auf den Punkt brachte: "Unsere Zukunft liegt in der Hand der Familien, nicht in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Neben der Euro-Krise ist die demografische Entwicklung die größte Bedrohung unseres Wohlstands."

Mit dieser Expertise hatte die Staatssekretärin im Bundesumweltministerium ursprünglich nur die unionsinterne Debatte zum Thema bereichern wollen. Nun sitzt sie plötzlich bei Maybrit Illner, muss ihre Thesen gegen Experten wie Volker Beck von den Grünen verteidigen - und scheitert schon an Travestiekünstler Lilo Wanders, der ratlos daneben sitzt und ganz unterkomplex einräumt: "Ich versteh' das alles nicht. Für mich ist es selbstverständlich, dass alle Menschen gleiche Rechte und Pflichten haben."

Gesellschaft und Kindeswohl

Keine echte Hilfe war da Hedwig Freifrau von Beverfoerde, die Gründerin der "Initiative Familienschutz" und ebenfalls CDU-Mitglied. Auch Beverfoerde geht der liberale - man könnte auch sagen: zeitgemäße - Kurs der eigenen Kanzlerin gegen den Strich. Das Gute an der Empörung ist, dass die Empörten irgendwann ihre Karten auf den Tisch legen. Im Fall der Freifrau sind sie kümmerlich. Mann und Frau zögen Kinder auf, das sei nun mal "das Natürliche".

Weil aber "das Natürliche" seit ungefähr 200 Jahren kein Argument in einer sozialpolitischen Debatte mehr sein sollte, ergänzt Hedwig von Beverfoerde es um physiognomische Erkenntnisse aus der katholischen Sexuallehre: "Mann und Frau passen einfach zusammen wie das Schloss und der Schlüssel". Dieser Vorlage kann die lesbische Schauspielerin Maren Kroymann nicht widerstehen: "Ich finde, ich passe sehr gut an einen Frauenkörper, aber ich kann's ihnen ja nicht beweisen", um im allgemeinen Geschmunzel sicherheitshalber nachzuschieben: "War kein Angebot".

Vorgestellt wird ein schwules Paar aus Berlin, das zwei Pflegekinder aufzieht und sich damit sichtlich wohl fühlt. Auf Illners Nachfrage, ob sie sich denn für ihr Lebensmodell oft rechtfertigen müssten, antwortet einer der Väter verdutzt: "Nee, bis jetzt eigentlich nie". Das Thema will und will einfach keine Fallhöhe entwickeln. Ersatzhalber werden aber Einblicke in die widersprüchliche Gedankenwelt der Gegner solcher Lebensmodelle gewährt. So sieht Katherina Reiche "die besondere Möglichkeit von Mann und Frau, Kinder zu bekommen", einerseits als "Dienst an der Gesellschaft", denn "wir werden weniger und weniger". Andererseits steht auch für sie "das Kindeswohl selbstverständlich immer im Mittelpunkt".

"Egoistische Schwule"

Dem Kind aber könne nicht ganz wohl sein, wenn es von schwulen Vätern oder lesbischen Müttern aufgezogen werde. "Da fehlt immer etwas", weiß Hedwig von Beverfoerde, der dazu auch prompt die Anekdote mit ihrer kleinen Tochter einfällt, die sich "mit vier Jahren plötzlich für ihren Vater interessierte, auch als Mann." Erfrischend aggressiv und biologistisch dagegen trat der Schweizer Journalist Philipp Gut von der nach rechts gedrifteten "Weltwoche" auf. Homosexualität? "Der Arterhalt wäre nicht gegeben, wenn das das Normale wäre". Und: "Wenn man nicht diskriminiert ist, heißt das nicht, dass man die gleichen Rechte hat". Die hätten Ausländer ja schließlich auch nicht. Schwule seien "egoistisch", weil sie am Anderen ja immer auch "das Ähnliche" begehrten.

Im Wortgefecht mit Volker Beck verheddert sich der Hardliner zusehends in Widersprüche. Homosexualität gelte doch längst als cooles Leitbild für den kulturellen Mainstream. Das Problem sei, dass niemand mehr damit ein Problem hätte. Überhaupt sei eine Minderheit erst dann anerkannt, wenn man ihre "Auswüchse" auch offen kritisieren dürfe. Den Vorwurf der Homophobie kann Gut nur sehr matt zurückweisen: "Ich? Homophob? Ich habe viele Freunde, die sind schwul bis hinter beide Ohren!"

Spätestens hier dämmert, dass Volker Becks zwischendurch geäußerter Wunsch an diesem Abend nicht in Erfüllung gehen wird: "Ich würde so gerne schlauer aus der Sendung rausgehen, als ich reingekommen bin." Immerhin nimmt er huldvoll die Kapitulationserklärung von Katherina Reiche entgegen, die am Ende allen Argumenten mit einem trotzigen Augenaufschlag und dem rührend hilflosen Satz begegnet: "Sie müssen mir meinen Glauben lassen, dass das Beste für ein Kind Vater und Mutter sind". Genau das ist es, ein Glauben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Kein Wunder ...
Piawanegawa 31.08.2012
... dass da als Gleichstellungsgegner wirklich nur die hintrauen, von denen man so wirklich noch nie etwas gehört hat: gegen die Gleichstellung von Homosexuellen zu sein ist argumentativ so sinnlos, dass man damit politischen Selbstmord begeht. Was mich wundert, ist, dass die Haltung von Angela Merkel (ich mache nichts, bevor das BVerfG mich dazu zwingt) als liberal durchgeht. Aber im Verhältnis zu den Hardlinern aus der Sendung ist das vermutlich sogar liberal. Es ist alles eine Frage der Perspektive.
2.
niska 31.08.2012
Zitat von sysopRückzugsgefechte statt Kulturkampf: Bei Maybrit Illners Runde zur Homoehe gingen den konservativen Gegner einer Gleichstellung schnell die Argumente aus. Stattdessen kamen kuriose Vergleiche. Ein Schweizer Rechtsaußen sah gar den "Arterhalt" in Gefahr. Homoehe-Debatte bei Illner - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,853098,00.html)
Eine sehr gute Zusammenfassung, die die Sendung in all ihrer Tragikomik wiederspiegelt. Vielleicht hätte man den Argumentativen Offenbarungseid von Frau Reiche gegen Ende der Sendung noch etwas ausführlicher ausführen können. Auf die direkte Frage von Herrn Beck was denn nun der förderungswürdige Vorteil bei der Ehe zwischen Frau Merkel und Herrn Sauer im Gegensatz zur Lebenspartnerschaft von Herrn Westerwelle und Herrn Mronz für den Staat sei, kam nur noch Gestammel und das im Text erwähnte Glaubensbekenntnis. Es war ein ungleicher Wortkampf. Die Hardcorekatholikin war obwohl Sie vorher extra zwei Zahlen gelernt hatte sehr schlecht vorbereitet. Und der rechte Schweizer hat immer versucht vom eigentlichen Thema wegzureden, da er sich der fehlenden schlagenden Argumente bewusst war. Vielleicht hätten Reiche, die Katholikin und der Rechte sich vorher drei Seiten im SPON-Forum zum Thema anschauen sollen. Dort waren die äußerst dürftigen Argumente für eine Benachteiligung von Homobeziehungen wenigstens teilweise noch ansprechend und weniger peinlich präsentiert.
3. Es geht doch nur ums eine...
Andreas Rolfes 31.08.2012
---Zitat--- Alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe, ja ist durchaus nur ein näher bestimmter, spezialisierter, wohl gar im strengsten Sinne individualisierter Geschlechtstrieb. ---Zitatende--- - Arthur Schopenhauer - Wer seinen Geschlechtstrieb mit dem gleichen Geschlecht ausleben und befrieden möchte soll das gerne tun - aber den Rest der Welt damit doch bitte in Ruhe lasse und nicht immer irgendwelche Forderungen stellen.
4. Herzerfrischend ist die Auseinandersetzung....
spon-facebook-564528459 31.08.2012
Dumme konservative Argumente sind ueberall dumm: ob bei den Republikanern in den USA oder in der CDU. Als Politikern sehenden Auges einem Teil der Gesellschaft die vom GG garantierten Rechte zu verweigern, ist allerdings eine Frechheit. Als Kind von dieser Frau Bevervoerde wuerde ich mir die Kugel geben... trotz Vater und Mutter. Und, ach ja: bis vor ein paar Hundert Jahren galten Frauen als minderwertig und trugen die Erbsuende in sich... das war auch mal "das Normale"...
5. Da zeigt sich eben...
Palisander 31.08.2012
ob jemand wirklich aufgeklärt, tolerant und unsere jetzige Gesellschaft erkannt hat. Es nützt wenig mit Motiven aus einer schrecklichen Zeit auf Stimmenfang zu gehen und darin sein heil zu finden. Diese Verklärung des "früher war alles besser" Ausrufs zeigt wie wenig Aufklärung und Intelligenz in diesen Vertretern der "alten" Zeit herrscht. Würden Sie sich besser und tiefer mit der Geschichte auseinander gesetzt haben, könnten Sie sicher besser argumentieren. Aber leider finden diese dummen Bemerkungen in einer sehr zerrissenen Gesellschaft durchaus Ihr Publikum.
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