Von Arno Frank
Es wird die gleichen Rechte für homosexuelle Lebenspartnerschaften geben wie für heterosexuelle. Früher oder später, aber so sicher wie das Amen in der Kirche. Punkt. Wer daran jemals gezweifelt hat, darf sich nach dieser Sendung mit Maybrit Illner sicher sein. Denn die eine Seite hat Argumente, die andere nur Unbehagen. Und während die einen aus dem Schmunzeln gar nicht mehr herauskommen, brodelt es in den anderen sichtlich. Dabei war schon vorher klar, dass die Gegnerinnen und Gegner der rechtlichen Gleichstellung in dieser Runde auf verlorenem Posten stehen würden. Hier wurde kein Kulturkampf ausgetragen, sondern ein Rückzugsgefecht.
Etwa von Konservativen wie Katherina Reiche, die früher mal als Familienministerin im Schattenkabinett Stoiber gehandelt wurde und neulich in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung ihre Position auf den Punkt brachte: "Unsere Zukunft liegt in der Hand der Familien, nicht in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Neben der Euro-Krise ist die demografische Entwicklung die größte Bedrohung unseres Wohlstands."
Mit dieser Expertise hatte die Staatssekretärin im Bundesumweltministerium ursprünglich nur die unionsinterne Debatte zum Thema bereichern wollen. Nun sitzt sie plötzlich bei Maybrit Illner, muss ihre Thesen gegen Experten wie Volker Beck von den Grünen verteidigen - und scheitert schon an Travestiekünstler Lilo Wanders, der ratlos daneben sitzt und ganz unterkomplex einräumt: "Ich versteh' das alles nicht. Für mich ist es selbstverständlich, dass alle Menschen gleiche Rechte und Pflichten haben."
Gesellschaft und Kindeswohl
Keine echte Hilfe war da Hedwig Freifrau von Beverfoerde, die Gründerin der "Initiative Familienschutz" und ebenfalls CDU-Mitglied. Auch Beverfoerde geht der liberale - man könnte auch sagen: zeitgemäße - Kurs der eigenen Kanzlerin gegen den Strich. Das Gute an der Empörung ist, dass die Empörten irgendwann ihre Karten auf den Tisch legen. Im Fall der Freifrau sind sie kümmerlich. Mann und Frau zögen Kinder auf, das sei nun mal "das Natürliche".
Weil aber "das Natürliche" seit ungefähr 200 Jahren kein Argument in einer sozialpolitischen Debatte mehr sein sollte, ergänzt Hedwig von Beverfoerde es um physiognomische Erkenntnisse aus der katholischen Sexuallehre: "Mann und Frau passen einfach zusammen wie das Schloss und der Schlüssel". Dieser Vorlage kann die lesbische Schauspielerin Maren Kroymann nicht widerstehen: "Ich finde, ich passe sehr gut an einen Frauenkörper, aber ich kann's ihnen ja nicht beweisen", um im allgemeinen Geschmunzel sicherheitshalber nachzuschieben: "War kein Angebot".
Vorgestellt wird ein schwules Paar aus Berlin, das zwei Pflegekinder aufzieht und sich damit sichtlich wohl fühlt. Auf Illners Nachfrage, ob sie sich denn für ihr Lebensmodell oft rechtfertigen müssten, antwortet einer der Väter verdutzt: "Nee, bis jetzt eigentlich nie". Das Thema will und will einfach keine Fallhöhe entwickeln. Ersatzhalber werden aber Einblicke in die widersprüchliche Gedankenwelt der Gegner solcher Lebensmodelle gewährt. So sieht Katherina Reiche "die besondere Möglichkeit von Mann und Frau, Kinder zu bekommen", einerseits als "Dienst an der Gesellschaft", denn "wir werden weniger und weniger". Andererseits steht auch für sie "das Kindeswohl selbstverständlich immer im Mittelpunkt".
"Egoistische Schwule"
Dem Kind aber könne nicht ganz wohl sein, wenn es von schwulen Vätern oder lesbischen Müttern aufgezogen werde. "Da fehlt immer etwas", weiß Hedwig von Beverfoerde, der dazu auch prompt die Anekdote mit ihrer kleinen Tochter einfällt, die sich "mit vier Jahren plötzlich für ihren Vater interessierte, auch als Mann." Erfrischend aggressiv und biologistisch dagegen trat der Schweizer Journalist Philipp Gut von der nach rechts gedrifteten "Weltwoche" auf. Homosexualität? "Der Arterhalt wäre nicht gegeben, wenn das das Normale wäre". Und: "Wenn man nicht diskriminiert ist, heißt das nicht, dass man die gleichen Rechte hat". Die hätten Ausländer ja schließlich auch nicht. Schwule seien "egoistisch", weil sie am Anderen ja immer auch "das Ähnliche" begehrten.
Im Wortgefecht mit Volker Beck verheddert sich der Hardliner zusehends in Widersprüche. Homosexualität gelte doch längst als cooles Leitbild für den kulturellen Mainstream. Das Problem sei, dass niemand mehr damit ein Problem hätte. Überhaupt sei eine Minderheit erst dann anerkannt, wenn man ihre "Auswüchse" auch offen kritisieren dürfe. Den Vorwurf der Homophobie kann Gut nur sehr matt zurückweisen: "Ich? Homophob? Ich habe viele Freunde, die sind schwul bis hinter beide Ohren!"
Spätestens hier dämmert, dass Volker Becks zwischendurch geäußerter Wunsch an diesem Abend nicht in Erfüllung gehen wird: "Ich würde so gerne schlauer aus der Sendung rausgehen, als ich reingekommen bin." Immerhin nimmt er huldvoll die Kapitulationserklärung von Katherina Reiche entgegen, die am Ende allen Argumenten mit einem trotzigen Augenaufschlag und dem rührend hilflosen Satz begegnet: "Sie müssen mir meinen Glauben lassen, dass das Beste für ein Kind Vater und Mutter sind". Genau das ist es, ein Glauben.
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