Robin Wright in "House of Cards" Ich bin die Macht

Ihr Herz ist stärker, ihr Herz ist schwärzer: Frank Underwood ist tot, Claire Underwood regiert. Und Robin Wright ist in ihrer Rolle eine Sensation. Eine Lobrede zur besten, zur letzten "House of Cards"-Staffel.

Sony Pictures/ Sky

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Spoiler-Warnung: Diese Rezension verrät grob, was zu Beginn der sechsten Staffel von "House of Cards" passiert.

So ein abgrundtief böses Herz kann man nicht einfach abstellen, das pumpt und pocht weiter. Über fünf Staffeln errichtete die Filmfigur Frank Underwood ein negatives Kraftfeld um und im Weißen Haus. Ein grausamer Gedanke pro Herzschlag, jede Faser des Körpers im Einsatz für ein großes, vertracktes Komplott zur Machtübernahme und zum Machterhalt. Kevin Spacey spielte den US-Politiker mit einer theatralen und konfrontativen Präsenz, wie sie im Fernsehen bis dahin selten gesehen wurde. Aber auch hinter der Kamera hatte er eine Machtfülle, wie man sie in dem Metier kaum mehr findet. "House of Cards", das war vor allem Kevin Spacey. Dachten viele.

2017, im Zuge der #MeToo-Debatte, wurde Spacey mehrfach sexueller Übergriffe beschuldigt. Die Ausstrahlung der fünften Staffel wurde zum Fiasko, die in Arbeit befindliche sechste Staffel musste in kürzester Zeit komplett neu geschrieben werden. Spacey wurde gefeuert, seine Figur musste sterben. Am Anfang der neuen Staffel erfährt das Publikum, dass Frank Underwood nachts im Bett neben seiner Frau verschieden sei. So einfach ist das. Oder auch nicht.

Ein Handlungs-Aufschlag, der auf den ersten Blick so "Dallas"-artig versoapt wirkt, dass da natürlich nicht mal die Serienschöpfer selbst dran glauben können. Dass sich die Gegenwart von Spaceys Underwood einfach mit dem Plot-Schalter ausknipsen lässt, ist natürlich eine Illusion. Und die Autoren haben sich eine aufwühlende Szene ausgedacht, in der sie das versinnbildlichen.

Frank Underwoods Herz pocht noch

Am Anfang der sechsten Staffel ist Claire Underwood, die von Robin Wright gespielte Gattin des toten Ex-Präsidenten, die jetzt selbst Präsidentin ist, seit 100 Tagen im Amt. Auf einmal nimmt sie ein Herzschlag-artiges Rumpeln im Weißen Haus wahr - der tote, möglicherweise von ihr selbst zur Strecke gebrachte Gatte? Man fühlt sich an Edgar Allen Poes Schauergeschichte "Das verräterische Herz" erinnert, in der ein Mörder das Herz seines Opfers unter den Dielen pochen zu hören glaubt.

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Sechste "House of Cards"-Staffel: Böser als die Buben

Die Präsidentin haut ein Loch in die Wand, ein kleiner Vogel, der sich in den Hohlraum verirrt hat, schießt heraus. Claire Underwood nimmt ihn in die Hand, man weiß nicht, ob sie ihn erdrücken oder liebkosen will, dann lässt sie ihn in die Luft und in die Freiheit fliegen, richtet den Blick in Frank-Underwood-Manier ans Publikum und sagt: "Kein Schmerz mehr." Wer's glaubt.

Denn von der ersten Minute dieser vielleicht besten, auf jeden Fall letzten "House of Cards"-Staffel, ist klar, weshalb Wrights US-Präsidentin das Böse in Erscheinung von Spaceys US-Präsidenten überlebt hat: Ihr Herz ist stärker, ihr Herz ist schwärzer. In den neuen Folgen krempelt sie die gesamte Regierung um: Die Macht bin ich. Punkt. Wenn sie was verschenkt, kassiert sie danach doppelt ab. Wenn sie einsteckt, schlägt sie später umso massiver zurück.

Hass in Zeiten von Trump

In der ersten Szene lässt sich Claire Underwood von ihrem Stab vorlesen, wie sie auf Twitter und Facebook beleidigt und bedroht wird - eine von vielen kleinen Stellen, die trotz des wenig an Trump erinnernden White-House-Szenarios Spuren in die US-Gegenwart legen. So fühlt er sich an, der Hass in Zeiten von Trump: Die Präsidentin soll erstochen, geschlachtet und gegrillt werden, aus ihrer Haut soll ein Stars-and-Stripes-Banner genäht werden. Immer wenn ihre Mitarbeiter die Liste der Grausamkeiten abbrechen wollen, fordert die Präsidentin sie fast lustvoll auf weiterzulesen.

Der Hass der anderen, Claire Underwood weiß ihn in Energie für sich selbst zu verwandeln. Als sie von einem Sniper attackiert wird, erinnert sie sich danach - unverletzt und irgendwie ganz zufrieden - an all die US-Staatsoberhäupter, die Anschlägen ausgesetzt waren: "Wer immer mich umbringen wollte, zollte mir als Erster in meinen ersten hundert Tagen wirklich Respekt."

In "House of Cards" gibt es keine Küchenpsychologie und keine Pathologisierungen der Figur, schon weil Claire Underwood, so reich und widersprüchlich sie von Robin Wright gespielt wird, nicht über ein einfaches Konditionierungsprogramm zu erklären ist. Aber es gibt immer wieder Rückblenden und Schlüsselszenen, die Aufschluss geben über ihren eigentümlichen Energiehaushalt: Sie hält Demütigungen aus, sie ist stets Herrin über ihre Reaktion.

Meine Freundin, meine Feindin

Das hat die Figur ja auch schon in den vorherigen Staffeln ausgezeichnet: Sie steckte ein, hatte einen langen Atem, trumpfte dann viel später aus dem Hintergrund mit Moves auf, die gerissener und vor allem nachhaltiger waren als die ihres Mannes, der auf relativ schnelle Wirkung bedacht war. Eine Geschlechterordnung, die im Verlauf der Staffeln auf die Spitze getrieben wurde: Die hässlichen Männer sind meist narzisstisch (Trump again), die schönen Frauen strategisch.

Folgerichtig, dass es in der neuen Staffel fast nur noch starke weibliche Figuren gibt und kaum starke Männer. Bündnisse geht Claire Underwood fast nur mit Frauen ein, ernst zu nehmende Feindschaften ebenso. Manchmal finden sich Freundin und Feindin auch in einer Person: Der wunderbarste Neuzugang ist Diane Lane, die hier als Jugendfreundin, Industrielle und Parteiunterstützerin immer wieder in den Clinch mit der US-Präsidentin gerät.

In einer fast fünfminütigen, sensationell doppelbödigen Szene unterhalten sie sich während einer Spendenveranstaltung auf der Toilette: Zwischen Handcreme und Lipgloss geht es um Politik und Sex. Sie habe einmal mit ihrem Mann geschlafen, sagt die alte Freundin. Es sei sehr enttäuschend gewesen, und sie bewundere die andere für das Opfer, das diese für ihre Ehe und ihre Karriere gebracht habe. Locker-Talk in der weiblichen Variante, grausam und wirkungsvoll.

"House of Cards" ist ein formvollendetes Lehrstück über die Macht geworden, die sich in frisch gecremten Frauenhänden nicht angenehmer anfühlt, aber möglicherweise sehr viel effizienter gespielt wird. Alter weißer Mann, schau diese Serie und lern.


"House of Cards", sechste Staffel, ab Freitags bei Sky. Alle fünf anderen Staffeln auch bei Netflix, wo die sechste 2019 zu sehen sein wird.

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cyblord 02.11.2018
1.
House of Cards ab jetzt gegendert und Mee2 Konform. Danke aber nein danke.
Freidenker10 02.11.2018
2.
Ich habe die Serie einzig wegen Kevin Spacey geschaut, zumindest bis zur 4. Staffel. Aber irgendwann fängt dieses ewige Intrigieren auch an zu langweilen, ging zumindest mir so. Werde mir die "letzte" Staffel aus Gründen der Übersättigung und dem fehlen ( zurecht ) von Kevin Spacey wohl nicht mehr antun!
betzebub 02.11.2018
3. Claire Underwood? Not my president!
Schade um eine wirklich gute Serie. Mag sein, dass es richtig war Kevin Spacey zu feuern, aber dann muss man so konsequent sein und die Serie auch beenden. Für mich ist sie jedenfalls zu Ende...RIP Frank Underwood
christian simons 02.11.2018
4.
Nun schlägt im "House Of Cards" leider die Stunde der Rezeptionsideologen: Die einen sind aus Prinzip dagegen, weil der Serie ihr männlicher Hauptdarsteller abhanden gekommen ist. Die anderen sind aus Prinzip dafür, weil nun die weibliche Hauptfigur das dramaturgische Ruder übernommen hat. Die Verlierer dieser Grundsatzdiskussion werden diejenigen sein, die sich erst nach dem Genuss der letzten Staffel ihr Urteil bilden.
hefe21 02.11.2018
5. House of Farts
Hm, der Fiktionspräsident verschwindet (irgendwie) und seine First Ladybitch folgt ihm (irgendwie) - nein nicht ins Verschwinden, sondern ins "Amt". Aber bei der abseitigen Inszenierung (siehe Anreisserfoto) ist das wohl auch schon wurscht. Harte Nüsse sind sie jedoch schon in Tinseltown, wenn sie glauben, mit dieser stilisierten und streng frisierten Amazonenfiktion gegen die reale American Gothic Serie mit dem Fürsten der Finsternis aus den Studios an der Pennsylvania Avenue anstinken zu können. Der einzige Zugpunkt ist da wohl tatsächlich Diane Lane, aber ihre Szenen wird man sich sicher auch auf einem Videoportal anschauen können.
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