Serienhit "How to Get Away With Murder" Anwältin, Professorin - Mörderin?

AP/ ABC

Von Nina Rehfeld


Shonda Rhimes hat hochkarätige Serien wie "Grey's Anatomy" erfunden. Mit ihrem neuen TV-Hit "How to Get Away With Murder" übertrifft sich die mächtigste Frau im US-Fernsehen nun selbst und schenkt uns eine grandiose Antiheldin: sexy, clever, kantig.

Mit männlichen Antihelden hat es das US-Fernsehen ja schon länger, aber jetzt kommt eine Frau, von der man nicht weiß, ob man sie lieben oder hassen soll: Die Strafverteidigerin Annalise Keating (Viola Davis) ist in der ABC-Justizserie die bisher vielleicht zwiespältigste Protagonistin im amerikanischen Fernsehen.

Siegen bedeutet für die manipulative Rechtsanwältin und Juraprofessorin alles - und womöglich geht sie dafür sogar über Leichen. "How to Get Away With Murder" (auf deutsch etwa: "Wie man ungestraft mit einem Mord davonkommt") dreht sich nämlich um die Frage, ob Keating selbst in einen Mord verwickelt ist - und wie sie den Vorwurf von sich weist. Keating drillt ihre Studenten in der hohen Kunst der Wahrheitsaufdeckung und -verschleierung, dem Erschleichen und Verschachern von Informationen, der Umdeutung von Fakten. Und dass sie diese Kunst im Detail beherrscht, macht sie zur hochbezahlten Strafverteidigerin.

(Sehen Sie hier den Trailer zu "How to Get Away With Murder")

"How to Get Away With Murder" ist erwartungsgemäß sexy, clever und temporeich - die Serie entstammt immerhin "Shondaland", der Produktionsfirma von Shonda Rhimes, und wird vom Rhimes-Protégé Peter Nowalk geschrieben. Rhimes, hier ausführende Produzentin, mischte die Fernsehlandschaft 2005 mit "Grey's Anatomy" auf, einer rasend erfolgreichen Krankenhausserie in der mittlerweile elften Staffel. 2007 schob sie den Spin-off "Private Practice" nach, 2012 den Polit-Thriller "Scandal" um die Washingtoner Strippenzieherin Olivia Pope (Kerry Washington). "Scandal" zementierte Rhimes' Ruf, die Seifenoper neu zu erfinden - mit saftigen Storylines und kantigen Frauenfiguren.

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US-Serie "Scandal": Kampf der Gladiatoren

Die Frauen aus Shondaland nehmen sich, was sie haben wollen, und werben dabei nicht um Sympathie. Sie sind sexy, weil sie Macht haben - und ein paar Leichen im Keller. Sie sind weder Heilige noch Huren, sondern handeln nach eigenen Prinzipien und jenseits von Stereotypen wie der "starken Frau".

In "How To Get Away With Murder" geht's nicht ums Geschäft oder den Sieg des Guten über das Böse - hier sind die Dinge rein persönlich. Und natürlich sind auch die fünf handverlesenen Studenten, die Keating zu Praktikanten in ihrem Anwaltsbüro macht, sich selbst am nächsten. Connor (Jack Falahee) recherchiert unter Einsatz sexueller Belohnungen, Michaela (Aja Naomi King) ist eine rasend ehrgeizige Dramaqueen. Der arrogante Streber Asher (Matt McGorry, "Orange Is The New Black") meint jetzt schon, Annalise das Wasser reichen zu können, und was verbirgt eigentlich die düstere Stille von Laurel (Karla Souza)? Allein der liebenswerte Wes (Alfred Enoch, bereits als neuer Shootingstar gefeiert) scheint mit seiner Aufrichtigkeit völlig fehl am Platz.

Peter Nowalk, der Schöpfer von "How to Get Away With Murder", sagte der Zeitschrift "Entertainment Weekly" kürzlich, er wolle "etwas im Fernsehen machen, das man noch nicht gesehen hat". Schon gar nicht im Network-Fernsehen: Unter anderem zeigt ABC recht anschaulich schwulen Sex; die schwarz-weiße Ehe zweier hochrangiger Professoren ist hier ebenso normal wie die fast 50-jährige schwarze Frau als (Anti-)Heldin.

Viola Davis verkörpert Annalise Keating mit brodelnder Naturgewalt. "Wütende schwarze Frauen" nannte die Fernsehkritikerin der "New York Times", Alessandra Stanley, Rhimes und ihre Figuren, die sich die Frechheit herausnehmen, geschlechtliche, soziale und ethnische Klischees zu erschüttern. Stanley löste mit dieser provokanten Einleitung zu einer Eloge auf Rhimes einen Sturm der Entrüstung aus, in den auch Rhimes selbst einstimmte.

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Man mag Stanleys Wortwahl grob vereinfachend finden und den Einwand verstehen, dass "How to Get Away With Murder" schließlich von einem schwulen weißen Mann verfasst wird. Aber es stimmt schon, dass Annalise Keating ihre Kraft nicht aus der Entrüstung einer wohlmeinenden Weltverbesserin zieht, sondern aus einer tiefen Wut, die viel zu lange komplexen, weißen Männerfiguren wie Walter White ("Breaking Bad") oder Dexter Morgan ("Dexter") vorbehalten war.

Frauen wie Annalise gab es bisher nur im US-Kabelfernsehen - Gemma Teller Morrow (Katey Segal) aus "Sons of Anarchy" oder Patty Hewes (Glenn Close) aus "Damages", Jessica Lange in ihren inzwischen vier verschiedenen Rollen in"American Horror Story" und Claire Underwood (Robin Wright) in "House of Cards". Sie sind allesamt weiß. Und so feierte Stanley in ihrem Artikel die Besetzung von Viola Davis, einer "älteren, dunkelhäutigeren und weniger klassisch schönen Frau als Kerry Washington oder Halle Berry", als Überwindung enger Schönheitstandards für schwarze Schauspielerinnen; auch das verübelte man der TV-Kritikerin.

Aber wenn Annalise alias Davis in einer Szene ihre Perücke ablegt, sich das Make-up von Augen und Lippen wischt und die falschen Wimpern abzieht, blickt man einer fast Fünfzigjährigen ins ungeschminkte Gesicht, in dem sich solche Verletzlichkeit spiegelt, dass es einem das Herz brechen will. Ein Glück, dass man von solchen Frauen endlich mehr sieht.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 03.11.2014
1.
tja...fragt man sich wieder mal warum die ÖR-Produktionen nur Schrott sind....am Geld kann es doch wohl nicht liegen....
helminger 03.11.2014
2. Lobhudelei auf schwache Storyline
How to get away with murder ist für mich eine der schwächsten Serien seit langem und spielt in einer liga mit formaten wie pretty little liars, ravenswood und ähnlichen konsorten. Das Rezept um Einschaltquoten zu generieren ist einfach nur simpel gestrickt. Man nehme einen pfiffigen Seriennamen füge eine vermeintlich aufmerksamkeiterregende Story dazu und mische das ganze mit der darstellung von 'minderheiten' et voila man erhält eine serie die unrealistischer nicht sein könnte und dazu einfach nur schlecht durchdacht ist. Habe mir weitaus mehr vom Titel versprochen wurde allerdings bitter enttäuscht. Kein Vergleich zu Serien wie The Good Wife, Suits o.ä.
Ballonmütze 03.11.2014
3. spiegel
Ihr macht gleich zu Anfang den gleichen Fehler wie die Times. Nicht alles was Rhimes produziert, hat sie auch erfunden.
nsmith 04.11.2014
4.
ok...ist nicht fuer jeder...aber immerhin sehenswert fuer eine sehr talented schauspielerin die normaliweise nicht auf TV vorkommt...ja! -- viola davis ist einfach super!!!!
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