Von Christian Buß
Liebe geht durch den Magen. Auch bei Professor Boerne (Jan Josef Liefers), der aus dem an der Bauchdecke geöffneten Körper auf seinem Seziertisch ein langes Etwas herausholt, das ein Darm sein könnte. Derweil erzählt er dem Kollegen zärtlich von der Frau, die er da gerade ausweidet: von gemeinsamen Stunden am Strand, von Neckereien am Arbeitsplatz.
Die Dame, die sich Boerne mit Gummihandschuhen vorgeknöpft hat, war einst eine Kollegin, eine Polizistin, die wegen Trunksucht den Dienst quittieren musste. Kommissar Thiel (Axel Prahl) geht während Boernes romantischem Nekrolog zum Erbrechen vor die Tür.
Im aktuellen Münsteraner "Tatort" ist also alles wie immer: In dem als böse Kleinstadtkomödie angelegten Krimi ist nichts, was bei Boerne auf dem Seziertisch landet, wirklich fremd. Honoratioren, Jugendlieben, entfernte Verwandte: Der Gerichtsmediziner, Spross aus altem ostwestfälischen Adel, erkennt sie alle - wenn auch oft nur an Details, die dem Nichtmediziner verborgen bleiben müssen.
Darth Vader und die Angst vor dem Nikotin
Die geschmacklosen Gags aus dem Spannungsfeld zwischen Splatterhorror und Provinzposse hält das Team vom WDR gekonnt auf hohem Niveau, noch der ekligsten Schnipplerszene ist eine gewisse Eleganz nicht abzusprechen. Der Plot aber hält mit dieser Eleganz immer weniger Schritt, die Handlung zerfiel über die 21 Folgen seit 2002 mehr und mehr in eine schwarzhumorige Nummernrevue. Das Publikum scheint es nicht zu stören, immer neue Quoten-Bestmarken erreicht das Münsteraner "Tatort"-Team. Wer wollte da etwas am Konzept ändern?
Aber könnte es nicht doch sein, dass die Zuschauer irgendwann erschöpft sind von dieser Possenparade, die stetig weniger Drive entwickelt? Klar, Boerne und Thiel sind auch in "Hinkebein" (Buch: Stefan Cantz und Jan Hinter, Regie: Manfred Stelzer) amüsant anzusehen: Der Münsteraner Mediziner-Snob feiert hier im Samurai-Outfit ganz alleine für sich selbst "japanischen Abend" samt gemieteter Ethno-Musikerin, der aus Hamburg zugezogene Assi geht nachts in Unterhose und St.-Pauli-Schlaf-Shirt auf Verbrecherjagd: "Die nackte Kanone" des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
Aber die Handlung, oje. Die ermordete Polizistin (gespielt von der tollen Tanja Schleiff, die hier arg schnell aus der Handlung entfernt wurde) hat einst einen Zuhälter mit Spitznamen "Hinkebein" (Wolfram Koch) ins Gefängnis gebracht. Der hat das letzte Jahrzehnt zwar in einem buddhistischen Kloster in Vietnam verbracht, ist jetzt aber nach Münster zurückgekommen, weil er auf Rache sinnt. Auch Boerne, der damals an der Verurteilung von "Hinkebein" beteiligt war, gerät ins Visier des nicht sonderlich buddhistisch auftretenden Wut-Luden. So entspannt sich ein Plot, der nicht unbedingt von zwingender Logik ist.
Wer mag, könnte zwischen den Gags eine rauchen gehen, man verpasste nichts. Doch der Tabakgenuss wird einem hier verleidet. Die kettenrauchende Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) - genau, die mit der düsteren Darth-Vader-Stimme! - schaut müde auf den Warnhinweis einer vietnamesischen Zigarettenpackung, die vom Rächer ins Münsterland eingeführt wurde. "Also nicht einmal am Mekong-Delta kann man noch rauchen, ohne dass einen das schlechte Gewissen quält", scheppert's traurig aus ihr heraus.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik TV | RSS |
| alles zum Thema Im Fadenkreuz | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH