Humor-Perfektionist Vicco von Bülow: Sprechen Sie Loriot?

Was ist schon Goethes "Erlkönig" gegen Loriots "Lottogewinner"? Auf dem Schulhof widmete sich Ralf Husmann, Erfinder von "Stromberg" und "Dr. Psycho", ausgiebig dem Studium des deutschen Großhumoristen - und fand eine ganz eigene sprachliche Pracht.

Husmann über Loriot: Ein "Aha" wie eine Lohnsteuertabelle Fotos
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Loriot musste Humor haben für den Rest der Deutschen. Jetzt haben wir gar keinen mehr. Robert Gernhardt ist ja auch schon tot. Jetzt werden wir auf absehbare Zeit nur noch fleißig sein, den Euro retten und die Umwelt.

Loriot konnte "aha" sagen, präzise wie eine Lohnsteuertabelle. Die vielleicht kürzeste Pointe der Fernsehgeschichte. "Aha". Eine Augenbraue hochziehen war bei ihm deutsche Wertarbeit. Millimetergenau. "Männer sind … und Frauen auch", mehr muss man nicht wissen.

Das, was er so auf den Punkt verknappt hat, haben wir dann auf dem Schulhof wieder ausgewalzt. "Und was ist Trumpf?" Hundertmal. Immer wieder. Mit Betonung auf dem "was". Sonst ist es nicht lustig. Sonst könnte es jeder. Wir konnten es natürlich nicht, machten aber weiter. Bis heute. "Ach was?!" Auch auf "was" zu betonen, aber anders. Der Sound ist so deutlich rauszuhören wie die Gitarre von Carlos Santana. "Hildegard, bitte sagen Sie jetzt nichts." Gassenhauer der deutschen Sprache, die jeder mitsingen kann.

Der komplette Lottogewinner wurde damals bereitwillig von uns auswendig gelernt, im Gegensatz zu Goethes "Erlkönig", der binomischen Formel oder unregelmäßigen Verben. Zu Recht. Loriot ist was fürs Leben. Universell einsetzbar, im Gegensatz zur binomischen Formel. Die braucht kein Mensch.

Loriot als Geheimcode

"Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein." All das wurde immer wieder raubkopiert, und man hoffte, dass es keiner merkt. Beim Kopieren wurde dann festgestellt, dass lustig die Kehrseite von peinlich ist. Und dass abgebrochene Sätze … also … praktisch … verstehen Sie? Eingeweihte können sich an den Ahnungslosen vorbei unterhalten. Auf Loriot. "Und das hat auch nicht jeder!"

Zeichnen konnte der und schreiben und spielen und inszenieren. Gäbe es Gott, müsste man ihn fragen, warum er alles auf nur eine Karte gesetzt hat. Loriot war trotzdem von einer augenbetäubenden Zurückhaltung. Dezent und gleichzeitig extravagant wie ein Semikolon. An dem könnte sich selbst ein Vorzeige-Feingeist wie Oscar Wilde ein Beispiel nehmen. Auch wenn Loriot zuletzt wenig von sich hören ließ, war es gut zu wissen, dass er noch da war. Das ist jetzt vorbei.

"Wir sind heitere Menschen", sagt Irm Hermann im Loriot-Film "Pappa ante Portas" und fasst damit das Elend dieses Landes gültig zusammen, wenn es bei uns um Spaß geht. Aber dafür erfinden wir halt was gegen Atomkraft. Man kann nicht alles haben. Wir hatten immerhin Loriot. Gott sei Dank.

Hinweis: In einer früheren Version behaupteten wir, dass Oscar Wilde Engländer war. In Wirklichkeit war er Ire. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 72 Beiträge
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1. °_°
chrome_koran 24.08.2011
Ach!
2. Schade
Henson222 24.08.2011
"Auch wenn er zuletzt wenig von sich hören ließ, war es gut zu wissen, dass er noch da war. Das ist jetzt vorbei." Der Satz bringt es auf den Punkt
3. Um es mit Loriot zu sagen:
guildo 24.08.2011
Das ist fein beobachtet.
4. Kennen Sie Dr. Krakebusch?
Pepito_Sbazzagutti 24.08.2011
Zitat von sysopWas ist schon Goethes "Erlkönig" gegen Loriots "Lottogewinner"? Auf dem Schulhof widmete sich*Ralf Husmann, Erfinder von "Stromberg" und "Dr. Psycho", ganz dem Studium des deutschen Großhumoristen - und fand eine ganz eigene sprachliche Pracht. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,782024,00.html
Beim Stichwort "Schulhof" stellt sich mir die Frage, wie simsende und twitternde Jugendliche unserer Zeit auf Loriot reagieren. Verstehe ich Loriots Humor, wenn ich mehr SMS-Kürzel als richtige Wörter in meinem Wortschatz habe? Und wirkt nicht schon die offen zur Schau getragene Höflichkeit in Loriots Sketchen verstörend?
5. das wollte ich eben auch schreiben, im anderen Thread
reflexxion 24.08.2011
"Auch wenn Loriot zuletzt wenig von sich hören ließ, war es gut zu wissen, dass er noch da war. Das ist jetzt vorbei."
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Zur Person
Ralf Husmann, Jahrgang 1964, ist der humorbegabteste Drehbuchautor des deutschen Fernsehens. Er arbeitete für Harald Schmidt und "RTL Samstag Nacht". Für ProSieben entwickelte er die Edel-Comedy-Serien "Stromberg" und "Dr. Psycho".

Merkel, Möpse und der Heinzelmann

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