Hundertmal Plasberg Hart aber leer

Eigentlich sollte es in der Jubiläumsshow von Frank Plasberg ja um Atomenergie gehen. Stattdessen zeigte er eindrucksvoll, wie sein Talkkonzept funktioniert: Pointen statt Ergebnisse, Fragen, bei denen die Antwort schon vorher klar ist - und bloß keine inhaltlichen Diskussionen.

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Frank Plasberg: "Ist das gefühlsecht"
WDR

Frank Plasberg: "Ist das gefühlsecht"


Hundertmal "Hart aber fair". Hundertmal Frank Plasberg im rot gehaltenen Studio. Hundertmal fünf wichtige Gäste und ein wichtiges Thema. Diesmal: "Der Atom-Showdown - wer siegt im Kampf um Energie und Macht?" Eine interessante Frage, gewiss, mit hochkarätigen Diskussionsteilnehmern, zweifellos: Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) ist gekommen. Renate Künast von den Grünen. Ex-SPD-Mitglied Wolfgang Clement als Fürsprecher der Atomlobby. Ralf Güldner vom Deutschen Atomforum als Gesicht der Atomlobby. Und der bestfrisierte Bestsellerautor des Landes: Frank Schätzing, der Umweltthemen zu Unterhaltungsschmökern verarbeitet.

Sie wollen jetzt wahrscheinlich wissen: Wie war die Sendung? Wer hatte die besseren Argumente? Und wer siegt denn nun im Kampf um Energie und Macht?

Keine Sorge, wir haben noch genügend Zeit für Sachfragen. Aber zunächst wollen wir der Frage nachgehen: Wie hart ist "Hart aber fair"? Wie tickt Plasberg?

Wir haben uns alle längst daran gewöhnt, dass Plasberg hart nachhakt. Wir glauben, er tut das, um uns einen Blick hinter die Fassaden seiner Gäste zu erlauben. Das mag so sein. Vielleicht glaubt er das sogar selbst.

Doch gleichzeitig unterbindet er damit jede inhaltliche Diskussion. An wirklichen Ergebnissen ist er nicht interessiert - sondern nur an der nächsten Pointe.

Beispiel Gesprächseinstieg: Plasberg fragt Norbert Röttgen, ob er sich als Außenseiter in der eigenen Partei fühle. Der verneint das, ist ja klar, was soll er auch sonst sagen. Dann fragt er Ralf Güldner, ob er nicht ebenfalls das Gefühl habe, ein Außenseiter zu sein, weil er für eine Technik wirbt, die die Mehrheit ablehnt. Auch Güldner verneint, was bleibt ihm anderes übrig, wenn er nicht sofort seinen Job verlieren will. Röttgen und Güldner versuchen auch gleich, mit ihrem ersten Wortbeitrag einige argumentative Punkte zu machen. Plasberg geht dazwischen, denn das entspricht nicht seinem Plan. Sein Plan ist es, jetzt Renate Künast anzusprechen: "Frau Künast, die beiden Männer sagen, sie hätten nicht das Gefühl, Außenseiter zu sein. Wie ist das mit Männern und Gefühlen?" Schön vorbereitet, und jetzt zum Höhepunkt und Abschluss der Frage: "Ist das gefühlsecht?"

Klingt knackig, Kanzler und Können

Das ist die Plasberg-Methode, Teil eins: Fragen stellen, auf die die Antwort schon vorher klar ist. Und dann eine Zote abfeuern. Zugegeben: Das ist an diesem Abend das einzige Mal, dass man von Plasberg behaupten kann, zotig zu sein.

Das ist die Plasberg-Methode, Teil zwei: Wenn es zu inhaltlich wird, unbedingt unterbrechen. Als zum Beispiel Künast überraschenderweise nicht über Männer und Gefühle reden will, sondern über Laufzeiten, Sicherheitsrisiken und ungelöste Endlagerprobleme, geht Plasberg sogleich dazwischen: "Die Sendung ist noch lang, nicht alle Argumente auf einmal!" Später: "Wir haben noch genug Zeit für Inhalte, jetzt erst mal noch zum Stil." Im Einzelgespräch mit dem Umweltminister: "Herr Röttgen, Sie wollen immer wieder zu den Inhalten zurück..." - um ihn dann doch lieber zu fragen: "Können Sie Kanzler?"

Darauf erwartet Plasberg dann zwar selbst keine vernünftige Antwort, aber immerhin ist es eine schöne Alliteration gewesen. Klingt knackig, Kanzler und Können. Drollig wird es, wenn Plasberg von der wie immer wunderbaren Kollegin Brigitte Büscher in ihrer Zusammenfassung der Zuschauerreaktionen darüber informiert wird, dass sich eine Hanna, 39 Jahre, eine Diskussion wünsche, die weniger emotional und nicht so unsachlich geführt werden sollte. Herzlichen Dank, Brigitte, sagt Plasberg. Und dass er den Eindruck habe, die Zuschauer fragten nach Sachlichkeit. "Aber wenn es um die Zukunft geht, ist natürlich auch Leidenschaftlichkeit gefragt."

Und damit zum nächsten Einspieler.

"Die Frage ist ja, was haben wir heute Abend gehört?", fragt Plasberg, und dazu kommen wir sicher noch, aber zuerst soll es noch mal kurz um den Stil gehen und die Emotionen. Röttgen lächelt zwar immer noch, das kann er gut, aber nach vielen zermürbenden parteiinternen und öffentlichen Diskussionen hat man mittlerweile den Eindruck, dass seine Zähne dabei heftig knirschen. Renate Künast wurde mehrmals von Frank Plasberg unterbrochen und auf später vertröstet, was ihr augenscheinlich nicht die geringste Freude bereitete. Ralf Güldner wollte so dringend keinen Fehler machen, dass er einem unabhängig von der eigenen atompolitischen Einstellung schon leid tun konnte. Wolfgang Clement ist hingegen völlig egal, was die Leute denken, weil ein Mann wie er einfach recht hat. Und Frank Schätzing ist erstens in der Lage, komplexe Zusammenhänge mit einfachen Bildern anschaulich zu machen und dabei zweitens auch noch hübsch anzusehen, was ihn drittens zum perfekten Talkshowgast macht.

Und jetzt zu den Inhalten.

Wer gewinnt den Kampf um unsere Energie-Zukunft? Wer siegt im Atom-Showdown? Clement zu Röttgen: "Sie zerstören den Industriestandort Deutschland!" Darauf Künast zu Clement: "Nein, Sie zerstören den Industriestandort Deutschland!" Hundertmal und kein Ende abzusehen.

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insgesamt 106 Beiträge
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Seite 1
Anna-Maria-49 26.08.2010
1. ----
Da mit ist er aber im deutschen Fernsehen nicht allein.
KarlKäfer, 26.08.2010
2. Le(h)erkörper
Der Herr wurde nach dem Peter Prinzip (http://de.wikipedia.org/wiki/Peter-Prinzip) hochgejubelt. Das kommt dann dabei heraus. Ist ja leider zu beobachten, dass das in diesem Land Usus geworden ist.
Mannskerl 26.08.2010
3. Komische Leute
Warum wurde dort der Berufsquerulant und Privatwirtschafter Wolfgang Clement (Spezialdemokrat) eingeladen? Gilt das als hoffähig?
GyrosPita 26.08.2010
4.
Das ist einer der besten Artikel, die ich jemals zu diesem arroganten, wichtigtuerischen, total überschätzten Möchtegern-Journalisten gelesen habe. Irgendeine Frage in den Raum knallen, dem Antwortenden ins Wort fallen und ihm zur Not auch noch verbal einen reintun. Das war schon immer Plasbergs Masche, nur mit der Zeit ist es wirklich unerträglich geworden. Zeit das Günter Jauch ans Ruder kommt, solche Frechheiten wird man in seinen Sendungen niemals erleben, da bin ich mir sicher. Nur eine Sache ist Herrn Kuzmany entgangen: Plasberg gehörte zu den Journalisten, die sich 1988 in Köln um die Gladbecker Geiselgangster knubbelten wie um Popstars, und die sich damit selbst zu einer Schande für ihren ganzen Berufsstand machten. Leider weiß das heute kaum jemand, oder es will keiner wissen.
Michael-Kreuzberg 26.08.2010
5. Hundert Mal Plasberg.
Diesse sinnleere gequatsche anzuschauen macht ungefahr sowiel Sin wie gebühren dafür zu zahlen. Aber was solls, man kann nur hoffen das im Land mehr Intelligenz verteilt ist als bei den Programmmachern. Die Frage ist eben auch warum tun wir uns das noch alles an? In den Fünfzigern gab es die Heimatfilme, in den Achtzigern die Katastrophenfilme und heute haben wir die Talkshows. Eines so sinnfrei wie das andere.
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