Krimiserie von Patty Jenkins Hollywoods legendärster Mordfall ist zurück

Zwischen zwei "Wonder Woman"-Filmen haben Patty Jenkins und ihr Hauptdarsteller Chris Pine eine Miniserie gedreht. In "I Am the Night" taucht eine berühmte Tote auf.

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In der zweiten Folge sagt es ein Kollege dem Paparazzo Jay Singletary (Chris Pine) direkt ins Gesicht: "Cherchez la femme". Es ist die inoffizielle Anweisung für den Ermittler des klassischen Film noir, die hier explizit gemacht wird.

Die Suche nach der Frau hat bislang noch jeden Nachfolger von Philip Marlowe oder J.J. Gittes angeleitet und in den Moloch namens Großstadt geführt. Am Ende findet der Mann meist die Frau. Doch entweder ist sie tot oder an einen Schurken verloren.

In "I Am the Night" ist es nun die Frau, die sich auf die Suche begibt. Die 16-jährige Pat (India Eisley) hat Zeit ihres Lebens geglaubt, die Tochter einer weißen Frau und eines schwarzen Mannes zu sein. Von den beiden zur Adoption frei gegeben, wächst sie bei einer schwarzen Mutter (Golden Brooks) in Nevada auf. Sie gilt trotz heller Haut und blauer Augen als schwarz, wohnt in einer schwarzen Gegend, hat schwarze Freundinnen und einen schwarzen Verehrer. Nach einem Streit mit ihrer alkoholkranken Mutter wühlt sie jedoch in deren Sachen und entdeckt eine Geburtsurkunde. Darauf steht nicht nur ein anderer Namen, nämlich Fauna statt Pat, sondern auch eine andere Abstammung. Wer kann ihr mehr über ihre wahre Identität verraten?

Nach einer wahren Geschichte

Im geschickten Spiel mit den Noir-Konventionen führt auch Faunas Suche in den Moloch, als der sich wie so oft Los Angeles erweist. Und auch am Ende von Faunas Suche ist eine Frau tot. Es handelt sich allerdings um eine echte Tote: die Prostituierte Elizabeth Short, die als "Black Dahlia" berühmt wurde und deren Mord auch 70 Jahre später noch als Hollywoods großes ungeklärtes Verbrechen gilt.

Doch nicht nur die Tote ist echt. Auch Hauptfigur Fauna Hodel hat es wirklich gegeben - genauso wie ihren Großvater George Hodel, der als einer der Hauptverdächtigen im Mordfall Short gilt. In der Autobiografie "One Day She'll Darken" (etwa: "Früher oder später wird ihre Haut schon dunkel") hat Hodel ihre außergewöhnliche Lebensgeschichte festgehalten.

Auf der Grundlage dieses Buchs hat Showrunner Sam Sheridan nun die sechsteilige Miniserie für TNT entwickelt. Inszeniert wurden die Folgen zur einen Hälfte von Carl Franklin und Victoria Malhoney, zur anderen von Patty Jenkins. Sie gilt seit ihrem Blockbuster "Wonder Woman" als erfolgreichste Regisseurin Hollywoods. Dieser Ruf dürfte die Umsetzung der Serie maßgeblich erleichtert haben, denn das Projekt trägt die Züge einer Herzensangelegenheit.

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"I Am the Night": Eindeutig zweideutig

Jenkins war mit der echten Fauna Hodel, die 2017 verstarb, gut bekannt - und Sheridan ist ihr Ehemann. Zwischen den Drehs von "Wonder Woman" und der Fortsetzung "Wonder Woman 1984" (Start: Sommer 2020) hat Jenkins "I Am the Night" dazwischen geschoben und dabei gleich noch ihrem "WW"-Darsteller Chris Pine zu einer schönen Rolle verholfen.

Als Jay Singletary beweist Pine denselben ramponierten Charme wie als Superagent Steve Trevor, nur verfügt er diesmal über weit weniger heroische Fortune. Jays Einsatz im Koreakrieg hat ihm ein Trauma samt Opioid-Sucht verpasst, seine löchrige Recherche zu George Hodels Implikation in den Black-Dahlia-Mord ihn hingegen den Job als Reporter des "LA Examiner" gekostet. Nun muss er mit Paparazzi-Bildern das Geld für Koks auftreiben.

Zusammen mit Fauna, der er bald über seine nie ganz aufgegebene Recherche zu ihrem zwielichtigen Großvater begegnet, bildet Jay ein feines Duo von Underdogs. Sie kann als ethnisch mehrdeutige Frau zwischen den weißen und schwarzen Sphären von LA wechseln, er als Ex-Reporter zwischen den sozioökonomischen Schatten- und den Sonnenseiten der Stadt.

Gefangen zwischen Leichen

Mit diesen reizvollen Figuren weiß "I Am the Night" in der Folge aber wenig anzufangen. Weder gewinnen sie an psychologischer Tiefe, noch öffnen sie den Blick auf LA. Erzählerischer Stillstand wird hier opulent inszeniert - womit die Produktion den Erwartungen an hochwertiges Prestige-TV entspricht. In seiner Konventionalität erinnert der Look allerdings noch mehr an Curtis Hansons Retro-Noir "LA Confidential" von 1997, der deutlich schlechter gealtert ist als die Filme, denen er seine Hommage erweist.

Im Video: Der Trailer zu "I Am the Night"

Seitdem ist das Genre zwar nicht tot, erlebt aber seine interessantesten Variationen im asiatischen Kino, etwa im Berlinale-Gewinner "Feuerwerk am helllichten Tag" aus China oder dem Locarno-Gewinner "A Land Imagined" aus Singapur. Das US-Kino bereitet den Film noir zurzeit lieber als sanfte Persiflage auf, etwa in "Inherent Vice" oder jüngst in "Under the Silver Lake".

Auch "I Am the Night" weiß, dass es Genregeschichte nicht weiterschreiben kann, als wäre nichts gewesen, und erlaubt sich einen feinen Spaß. In einer frühen Szene verschlägt es Jay in eine Leichenhalle. Er soll das Opfer eines Gewaltverbrechens fotografieren, doch bevor er seinen Job erledigen kann, hört er die Ermittler kommen. Überstürzt rettet sich Jay in eine der Kühlzellen, in denen die Leichen aufbewahrt werden. Wird es ihm gelingen, aus der ausweglosen Situation zu entkommen? Während das Genre-geübte Publikum noch nach Lösungen sucht, fängt Jay schon an zu lachen. Natürlich gibt es keinen Ausweg, die Lage ist viel zu absurd!

Eine bessere Antwort als dieses Lachen hat "I Am the Night" auf die Frage, wie sich wirklich Neues in den Konventionen des Noir erzählen lässt, nicht.


"I Am the Night" startet am 28. Februar auf TNT Serie

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chromakey 01.03.2019
1. Chris Pine
ist gemeinsam mit Patty Jenkins auch einer der Produzenten der Show. Brilliantes Casting, topnotch Produktion und beide Hauptdarsteller/Innen grandios. Die Geschichte vom George Hodel Haus: https://www.dailymail.co.uk/news/article-5344427/Black-Dahlia-mansion-sold-5m.html
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