Amazon-Serie "I Love Dick" mit Kevin Bacon Verliebt in einen Sack

Nach dem Erfolg von "Transparent" hofft Amazon auf den nächsten Serien-Hit von Jill Soloway: Mit "I Love Dick" hat sie einen feministischen Schlüsselroman adaptiert - Kevin Bacon ist das Objekt der Begierde.

Amazon

Am Ende der ersten Folge lässt Dick die Hosen runter. Zieht sich die Jeans aus, steigt aus seinen Cowboystiefeln und tritt gelassen in den Pool, der sich vor ihm in der texanischen Wüste erstreckt. Hier gefällt sich einer in seiner Nacktheit, das ist klar. Metaphorisch gibt sich Dick hingegen äußerst bedeckt, ist machohafter Einzelgänger und charismatischer Intellektueller zugleich. Als Dozent für Kulturtheorie scharrt er jedes Semester neue Stipendiaten um sich, die bei ihm Kurse in der Künstlergemeinde Marfa belegen. Eigentlich ist die Filmemacherin Chris Kraus nur nach Marfa gekommen, um ihren Ehemann Sylvère bei einem von Dicks Seminaren abzuliefern. Doch nach einem einzigen Blick auf ihn weiß sie, was sie wirklich will: Dick.

"I Love Dick" heißt die neue Serie von "Transparent"-Schöpferin Jill Soloway, deren Pilotfolge jetzt auf der Streamingplattform Amazon Prime zu sehen ist. Der Titel ist ein Wortspiel: "Dick" ist nicht nur ein Name, sondern auch ein umgangssprachliches Wort für Penis - und für einen Mann, der sich mies benimmt. Womit schon einiges über den Plot der Serie verraten ist.

Mit ihrer ersten Show "Transparent", einer melancholischen Comedy über einen Familienvater, der sich im Rentenalter entscheidet, als Frau zu leben, war Soloway eine popkulturelle Punktlandung gelungen: Just in dem Moment, in dem sich die breitere Öffentlichkeit für die Transgender-Thematik zu interessieren begann, hatte sie die passende Serie parat.

Ein ähnliches Gespür für Trendthemen beweist Soloway nun auch mit "I Love Dick". Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman der US-Filmemacherin Chris Kraus, der den Pop-Feminismus maßgeblich geprägt hat. Ohne das Buch wären Serien wie "Girls" von Lena Dunham und Bücher wie "Wie sollen wir sein" von Sheila Heti schwer vorstellbar.

1997 erschienen, vermischte Kraus in ihrem literarischen Debüt Fiktives und Autobiografisches, ließ sich selbst und ihren damaligen Ehemann, den Autor und Verleger Sylvère Lotringer, auftreten, schrieb vom Ende ihrer Ehe und von der unglücklichen Affäre mit einem Mann namens Dick. Letzterer wurde später als der britische Soziologe Dick Hebdige identifiziert, der mit "Subculture. The Meaning of Style" eines der Schlüsselwerke der neueren Kulturwissenschaften verfasst hat.

Autorin und Regisseurin Chris Kraus
Caro/ Christoph Eckelt

Autorin und Regisseurin Chris Kraus

"Als 'I Love Dick' in den USA erschien, polarisierte es sehr", sagt Kraus. "Zwei Drittel der Leser hassten es, woraufhin das Drittel, das das Buch liebte, es umso leidenschaftlicher verteidigte." Heutzutage bringe das Buch die Leute eher zusammen, vor allem jüngere Frauen, so Kraus. "Das hat aber nichts mit dem Buch zu tun, sondern liegt allein an der Tatsache, dass sich die Atmosphäre für junge Frauen geändert hat. Die Idee einer vermeintlichen Privatheit, also einer Übereinkunft unter Frauen, dass man über Dinge, die einen beunruhigen und stören, nur zurückhaltend spricht, greift nicht mehr so stark."

Vor allem in Lena Dunhams Arbeiten ist der bekennerhafte Impuls aus Kraus' Büchern spürbar, auch sie testet lustvoll aus, was über den weiblichen Körper und weibliches Begehren gesagt und gezeigt werden darf. Im Vergleich zu Dunhams Bestseller "Not That Kind of Girl" ist "I Love Dick" jedoch ungleich raffinierter und anspruchsvoller. Das Buch besteht fast ausschließlich aus fiktiven Briefen, die Kraus und zunächst auch ihr Ehemann an Dick verfassen. In seiner geteilten Faszination für den Mann versucht das Paar, zu anderen Gemeinsamkeiten zurück zu finden.

Doch je mehr Kraus ihr Begehren in Worte fasst, desto stärker merkt sie, dass in ihrem bisherigen Leben für eine aktiv begehrende, intellektuelle Frau kein Platz ist - nicht in ihrer Ehe und auch nicht in den Kreisen, in denen sie mit ihrem Mann verkehrt. Als Literaturprofessor an der Columbia-University sowie als Herausgeber des Semiotext(e)-Verlags hat Lotringer Umgang mit Schlüsselfiguren des Poststrukturalismus. Ein Abendessen bei Félix Guattari beschreibt Kraus so: "'Was ist mit Christa Wolf?', fragte ich. Und alle von Félix' Gästen - die kulturell bedeutsamen Männer mit der schlabberigen Haut unterm Kinn, ihre auf Pariser Art verschönerten, stummen jüngeren Frauen - saßen einfach nur da und starrten in die Luft. Schließlich war der kommunistische Philosoph Negri so nett zu antworten: 'Christa Wolf ist keine Intellektuelle.'"

Erotische Nemesis in der Wüste

Das Verdrängen von Frauen aus dem intellektuellen Diskurs sowie Kraus' Aufbegehren dagegen sind wiederkehrende Motive im Buch. "Ich habe noch nie eine Figur wie Chris kennengelernt", sagt Sarah Gubbins, die das Drehbuch zur Pilotfolge verfasst hat und auch als Produzentin fungiert. "Sie schämt sich ihres Intellekts nicht, sie distanziert sich niemals davon. Ihre Kunstkritiken, wie sie auf Literatur, Popkultur und Filmgeschichte zurückgreift, um ihre Gedanken zu illustrieren, das ist einmalig in der Gegenwartsliteratur."

Kathryn Hahn als Chris Kraus in "I Love Dick" (mit Griffin Dunne)
Amazon

Kathryn Hahn als Chris Kraus in "I Love Dick" (mit Griffin Dunne)

Von der intellektuellen Wucht des Buchs ist im Serienauftakt allerdings wenig zu spüren. Gubbins und Soloway haben die Geschichte in die Gegenwart übertragen, spröde Intellektuelle sind zu liebevoll überzeichneten Hipstern geworden, und statt Kraus zwischen New York und Los Angeles pendeln zu lassen, trifft sie nun im sonnendurchfluteten Marfa auf ihre erotische Nemesis Dick, gespielt übrigens von Hollywoodstar Kevin Bacon. In der weiblichen Hauptrolle ist Kathryn Hahn zu sehen, die in "Transparent" als Rabbinerin Raquel brilliert hat und in den USA gerade für ihre Kinokomödie "Bad Moms" (Deutschlandstart: 22. September) gefeiert wird.

Der erhöhte Glamourfaktor ist ein Zugeständnis an das Fernsehen und an die Produktionsabläufe bei Amazon. Zunächst ist von "I Love Dick" nämlich nur eine Pilotfolge verfügbar. Offiziell muss sich die Serie bei einer Abstimmung unter den Zuschauern durchsetzen, bevor eine komplette Staffel in Auftrag gegeben wird. Angesichts von Soloways Sonderstatus bei Amazon - sie hat dem Streamingdienst seine ersten Emmys und Golden Globes eingebracht und arbeitet zurzeit schon an ihrem dritten Serienprojekt - dürfte das aber kaum entscheidend für die Verlängerung sein und das Feedback vielmehr dazu genutzt werden, einzelne Figuren und Erzählstränge stärker an den Interessen der Zuschauer auszurichten.

Wenn alles nach Plan läuft, wird die komplette Staffel voraussichtlich 2017 zu sehen sein. Dann soll übrigens auch endlich die deutsche Übersetzung von "I Love Dick" bei Matthes & Seitz erscheinen.

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.