ZDF-Show "Ich kann Kanzler": Auf Tour mit Bollerwagen und Plüschtier

Von Daniela Zinser

Kein Wunder, dass diese Sendung am späten Abend versenkt wurde: Die ZDF-Show "Ich kann Kanzler" wirkt spätestens seit dem Aufstieg der Piratenpartei irgendwie überholt. Daran konnte auch der Triumph einer Jura-Studentin über einen Möchtegern-Westerwelle nichts ändern.

ZDF-Show: Ach, bitte lasst mich Kanzler sein Fotos
ZDF

Bedingungsloses Grundeinkommen, ein einfaches Steuersystem, kostenlose Kinderbetreuung, eine radikale Erbschaftssteuer oder Wahlrecht mit 16. Das waren sie, die fünf frischen Ideen der fünf frischen Polit-Talente, die das ZDF am Maifeiertag in der Show "Ich kann Kanzler" auflaufen ließ. Klang alles gut, kam einem alles irgendwie bekannt vor. Ein bisschen Linke, ein bisschen Friedrich Merz, wenig Kristina Schröder und ein Möchtegern-Westerwelle.

Vor drei Jahren sollte die politische Talentshow die Jugend da draußen für Politik und das ZDF begeistern. Heute gibt es die Piratenpartei, und das ZDF hat den Kampf um die Jugend auf ZDFneo verlegt. Kein Wunder also, dass die Neuauflage von "Ich kann Kanzler" auf einem späten Feiertagabend versenkt wurde und von jeder Talkshow locker übertroffen wird, was Unterhaltungsfaktor und Erkenntnisgewinn anbelangt. Jörg Pilawa moderierte die 100 Minuten routiniert weg, Steffen Seibert, der Moderator der vergangenen Staffel, arbeitet heute als Regierungssprecher selbst in der Politik.

Vor den eher milden Augen der Jury - Moderatorin Maybrit Illner, Politberater Michael Spreng und "heute-show"-Frontmann Oliver Welke - mussten die fünf Finalisten reden, ein bisschen Wahlkampf draußen machen, Quizfragen beantworten, im Kreuzverhör Stellung nehmen zum EM-Boykott, zum Betreuungsgeld, zu der Arbeitspflicht für Hartz-IV-Empfänger. Zwischendurch stimmte das Studiopublikum ab, wer rausfliegt. Dabei sah man, ganz piraten-transparent, immer auch, wer im Moment vorne liegt. Und bis zum Schluss hielt sich Jura-Studentin Allison Jones aus Mainz ganz oben. Sie kann Kanzlerin, sagen Publikum und Jury.

Die 22-Jährige hatte das pragmatischste und plausibelste Konzept: Kindergeld abschaffen, dafür kostenlose Kinderbetreuung und ab vier Jahren müssen alle Kleinkinder in den Kindergarten - Bildung für alle. Auf Wahlkampftour zog sie mit Bollerwagen und Plüschtier durch Prenzlauer Berg und sammelte reichlich Stimmen. Maybrit Illner erklärte sie ruhig und sachlich, dass Paare ohne Kinder keine Eltern sind. Und wer wann Bundeskanzler war, wusste keiner so genau wie sie.

Er prägte das "Ja, aber"

Wem Allison Jones zu cool war, für den gab es Hans Bulach, 44, Unternehmensberater aus München. Slogan: "Ich bin die Ampel am schwarzen Mast." Soll heißen: Von allem das Beste, aber im Herzen konservativ. Er packte die Merz-Formel von der Steuererklärung, die auf ein Stück Pappe passt, wieder aus und will Managergehälter deckeln. Als Mischung zwischen Franz Josef Strauß und Bob der Baumeister versetzte er die Jury beständig in "Phrasenalarm"-Stufe Rot. Er wirkte dabei, als stünde er im Bierzelt und nicht im Fernsehstudio - überraschte aber damit, dass er als Bayer das Betreuungsgeld für Schwachsinn hält.

Das Betreuungsgeld kostete Leslie Pumm reichlich Sympathien. Eigentlich lag er souverän auf Platz zwei, flog dann aber vorschnell raus, weil er, 18, FDP-Mitglied und "Guido-Westerwelle-Anhänger", fand, dass man "nicht davon ausgehen kann, dass alle Frauen arbeiten", weil manche auch ohne Kind gerne zu Hause blieben. "Das Wort ist meine Waffe", stand auf seinem Wahlplakat, per Bierbike tourte er durch Berlin und bekam von Passanten schon mal die Ähnlichkeit mit Obama bescheinigt. Er plädierte für die Ehe für alle, egal welche sexuelle Orientierung, für bundesweite Bildungsstandards und prägte den "Ja, aber"-Satz, der meist nicht mehr als "aber" brachte.

Das also ist Politik

Die beiden radikalsten Ideen - die neue Erbschaftssteuer und das bedingungslose Grundeinkommen - wurden vom Studiopublikum sofort rausgewählt. Dabei hatte Berthold Wagner aus Iserlohn, 34, Sozialarbeiter, so einen griffigen Wahlspruch: "Die Reichen machen uns schuldenfrei" - und zwar, indem sie sterben. Die Erben dürfen dann nur eine Million behalten, der Rest geht an den Staat. Und der Spitzensteuersatz geht auf 80 Prozent rauf, aber nur zehn Jahre lang, dann geht es Deutschland wieder gut. Auf Unterschriftenfang scheute er auch den Kontakt mit dem englischen Wähler nicht: "If you want, you can, but you don't must."

Wo Wagner leichte Defizite in Sachen Englisch hatte, da fehlte es Susanne Wiest, 45, am Rechentalent. Die Tagesmutter aus Greifswald scheiterte im Vorentscheid an der Jury, durfte es dann aber im Online-Wahlkampf noch mal versuchen und wurde mit großer Mehrheit ins Finale gewählt. Wiest, Mitglied bei den Piraten, fordert für jeden jährlich 18.000 Euro, ein Leben lang, ohne Bedingungen. Wie das bezahlt werden soll? Erst einmal davon träumen, es wollen, dann werde man schon sehen, fand Susanne Wiest und klang wie eine Meditations-CD in Endlosschleife. "Wer macht dann noch den Müll weg?", fragte Maybrit Illner kritisch nach. Auch das werde sich fügen.

Auf der Straße kam die Idee super an, im Studio und bei der Jury hielt sie dem Realitätsabgleich nicht stand. Das also ist Politik. Es gewann die Idee, die am ehesten Chancen auf Umsetzung hätte, und Allison Jones nahm ein Kanzler-Monatsgehalt mit nach Hause. 18.000 Euro, so viel wie das von Wiest geforderte bedingungslose Grundeinkommen für ein Jahr.

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1. Belehren
pepito_sbazzeguti 02.05.2012
Ich versuche ja bis jetzt noch zu begreifen, was das ZDF mit einer solchen "Show" bezwecken wollte, bin allerdings bis jetzt zu keinem Ergebnis gekommen. Allerdings lasse ich mich auch - wie immer - gern belehren :-)
2. ..........
janne2109 02.05.2012
wenn schon dann Bulach als Gewinner, habe aber zu wenig gesehen nach dem sich mir sämtliche Haare auf dem Kopf kräuselten. Soviel Traumtänzer passen doch eigentlich gar nicht in eine Sendung. Oder habe ich noch etwas wichtiges verpaßt??
3. Kabaret dort und dort
brido 02.05.2012
Die Talkshows sind spannender als das Parlement (Maulkorb für "unerwünschte" Meinungen), die echte Politik mausert sich zum Kabaret (Slogans), und ich spreche hier nicht von den Piraten! Die Grenzen verschwinden.
4. Quote???
fatherted98 02.05.2012
...mich würde ja mal die Zuschauer-Quote für diesen absoluten TV- Schrott interessieren....
5. man sollte diesen
ronald1952 02.05.2012
Zitat von sysopKein Wunder, dass diese Sendung am späten Abend versenkt wurde: Die ZDF-Show "Ich kann Kanzler" wirkt spätestens seit dem Aufstieg der Piratenpartei irgendwie überholt. Daran konnte auch der Triumph einer Jura-Studentin über Möchtegern-Westerwelle nichts ändern. ZDF-Show "Ich kann Kanzler": Auf Tour mit Bollerwagen und Plüschtier - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,830688,00.html)
Blödsinn den die Programmgestallter den Deutschen da zumuten Beukotieren,zum einen das man sich diese Sendungen nicht ansieht und zu anderen das man Bundweit keine GEZ - Gebühren mehr bezahlt, durch die diese Herrschaften schalten und walten könne wie sie wollen und den größten Blödsinn ins TV stellen können. Nach dem Motto ,, Irgendwie verblöden wir das Volk jetzt Restlos" schönen Tag noch,
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