Film-Doku über Iggy Pop: Der Köter und der Killer

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Was macht der Punk-Pate da auf der Couch? Im Rentnerparadies Florida? Für "Call Me Iggy" begibt sich Iggy Pop in die Interview-Therapie, um über Angst, Sucht und Scham zu sprechen. Ein brillanter Arte-Film über den ewigen Widerspruch des Rock'n'Roll: Er rettet. Oder tötet.

Arte-Film "Call Me Iggy": Mach uns den Hund! Fotos
ZDF/ Arte

Zuerst eine kleine Enttäuschung: Iggy Pop, der auch jenseits der 60 auf allen Vieren wie ein Straßenköter über die Bühne kriecht, um dann mit dem Mikroständer sein Genital zu reiben, nimmt schon lange keine Drogen mehr. All das manische Augenverdrehen, all die sexuellen Übersprungshandlungen auf der Bühne - sie sind nicht etwa Ausdruck dafür, dass da jemand das perfekte Rauschmittel gefunden hat, mit dem es sich auch im fortgeschrittenen Alter noch glänzend austicken lässt.

Iggy Pop ist heute eher asketisch denn hedonistisch unterwegs: Früh am Morgen macht er Tai-Chi, tagsüber gönnt er sich eine Teezeremonie, abends hält er Zwiegespräch mit seinen Eltern, deren sterbliche Überreste er in einer Urne im Wohnzimmer lagert. Rock'n'Roll ist heutzutage das Ergebnis eiserner Disziplin.

In einer Szene des spektakulären Doku-Porträts "Call Me Iggy", das Arte am Sonntag in seiner ansonsten unspektakulären Reihe "Summer of Rebels" zeigt, erinnert sich der Künstler mit glasigem Blick an all den Appetit von einst, an die vielen Joints, die gigantischen Mahlzeiten, die unzähligen Frauen.

Und was er für einen Appetit hatte! Welche Maßlosigkeit er an den Tag legte! Wie er sich einfach nahm, was er wollte!

Und was macht er jetzt, wenn er sich mal so richtig frei und verrückt fühlen will? Das Gleiche wie all die anderen alten Menschen in seiner Nachbarschaft des Rentnerparadieses Florida: das Verdeck seines Cabrios aufklappen.

Pate aller Punks

James Newell Osterberg, 65, genannt Iggy Pop, Pate aller Punks, ist eigentlich ein älterer Herr wie jeder andere: Die Vergnügungen werden bescheidener, die unaufgearbeiteten Erinnerungen wuchern wilder und wilder. Für die Musikjournalisten Jean Boué und Wolf Kampmann hat er sich in seinem kleinen Häuschen in Florida auf die Couch gelegt. Zwischen riesigen Versace-Kissen, die er mal nach einer Werbeaktion abgezockt hat, und Trophäen von irgendwelchen Preisverleihungen, die ihm zuwider sind, sucht er nach den Bildern der Vergangenheit. Nach dem Schlüssel zum Rock'n'Roll.

Und was er findet, ist: Angst. Oder wie er es einmal im Laufe des Interviews sagt, während er seine großen traurigen Straßenköteraugen besonders mitleiderregend aufreißt: "Druck, Druck, Angst, tiefe Angst!" So beschreibt Iggy Pop die Atmosphäre, die Ende der sechziger Jahre herrschte, als seine damalige Band, die Stooges, auf der Bildfläche erschienen.

Die Bürgerrechtsbewegung machte damals Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft, die Blumenkinder träumten von einem befreiten Ich. Aber in Wirklichkeit hatte Amerika eher einen Pfropfen im Hintern, und an dem zogen jetzt eben Iggy Pop und seine Stooges. Songs wie "1969", "No Fun" und "I Wanna Be Your Dog", bei denen Iggy Pop abgründige Zweizeiler zu den scharfkantigen Riffs des 2009 verstorbenen Gitarristen Ron Asheton sang, wurden zum Ventil für aufgestaute Ängste und Aggressionen.

No Fun auf ganzer Linie

Die Stooges waren die Umkehrung des Sommers der Liebe, das ängstliche Unterbewusste der euphorischen Revolution. Sie waren der Morgen, an dem der Acid-Trip noch nicht zu Ende ist, aber nur noch übelste Gefühle und Gedanken hochspült. Statt freier Liebe gab es bei den Stooges verzweifelte Autoerotik.

Doch welche Wirkungsmacht hatte dieser Wahnsinn mit Methode! Legendär die Bilder vom Auftritt in Cincinnati 1970, bei dem sich Iggy Pop durch die Menge tragen ließ, während er sich mit Erdnussbutter einrieb, die Augen aufgerissen wie ein Jahr später der Antiheld in "A Clockwork Orange". Die Hölle im Blick? Was hat ihn getrieben? Das kann Iggy Pop auch nicht wirklich erklären, dafür vermag er aber für jeden der historischen Auftritte zu sagen, auf welcher Droge oder welchem Medikament er gerade war.

Geblieben ist von den legendären Entfesselungen nichts. Jedenfalls nichts Gutes. Auf der Couch in Florida erinnert sich Iggy Pop eigentlich nur daran, dass er geschlagen, verachtet und verunglimpft wurde. Er spielte eine Rolle, die ihm von anderen zugewiesen wurde: den geprügelten Hund, den Aussätzigen, den Asozialen. So wurde er zu einem Mythos der Musikgeschichte. Legendär. Aber auch: legendär erfolglos. Die Psychiatrie, in die er mehrmals eingewiesen wurde, zahlten stets die Eltern. Dafür schämt er sich immer noch. Scham, Sucht, Angst: Das sind in der Lesart von Iggy Pop die Kräfte, die den Rock'n'Roll in seinem Innersten zusammenhalten.

Zerbrochen ist Iggy Pop an seiner Scham nicht. Alles, was da rumort an schlechten Gefühlen und schlechten Erinnerungen, kann er noch immer jederzeit in positive Energie umsetzen. So zeigen es die jüngsten Open-Air-Konzertaufzeichnungen in der Arte-Dokumentation, wo er vor einem ausrastenden Publikum, das gerade mal ein Drittel so alt ist wie er selbst, agil den alten, unverwüstlichen Kläffer gibt.

Wie kein Zweiter verkörpert Iggy Pop den ewigen Widerspruch des Rock'n'Roll: Entweder bringt er dich um. Oder er rettet dich.


"Call Me Iggy", Sonntag, 23.00 Uhr, Arte

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Iggy Pop
Seppedoni 27.07.2012
Zitat von sysopWas macht der Punk-Pate da auf der Couch? Im Rentnerparadies Florida? Für "Call Me Iggy" begibt sich Iggy Pop in die Interview-Therapie, um über Angst, Sucht und Scham zu sprechen. Ein brillanter Arte-Film über den ewigen Widerspruch des Rock'n'Roll: Er rettet. Oder tötet. Iggy Pop: Arte-Doku "Call Me Iggy" über den Paten des Punk - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,843764,00.html)
ist der Coolste überhaupt.
2. Ganz Großer
maxgil 27.07.2012
Iggy, du bist ein ganz Großer; auch wenn du jetzt in Florida hockst! Thanks!!
3. Iggy Pop........
Revarell 27.07.2012
.......habe ich zum ersten Mal vor 35 Jahren in Amsterdam gesehen, danach noch mehrfach in Frankfurt, Berlin und auf der Loreley, - das war jedesmal ein beeindruckendes Naturereignis! Bis auf ein paar Bootlegs habe ich alle Scheiben, - zwar einfacher, in der Wirkung jedoch genialer, animalischer und nervenzerfetzender Rock! Ach ja, und die Texte, die Texte...............! I played tag in the auto graveyard I looked up at the radio tower Rag tent by the railroad tracks Concrete poured over steel bridge Pondered my fate While they built the interstate I'm a product of america From the morgue to the prisons Cold metal, when I start my band Cold metal, in my garbage can Cold metal, gets in my blood And my attitude Yeah, a huh Threw my hide in an automobile Heard a song called "drive the wheel" Truckers, trailers, tractors caught me workin' [ Lyrics from: Cold Metal Lyrics - Iggy Pop (http://www.lyricsfreak.com/i/iggy+pop/cold+metal_20066936.html) ] This is the song of my heritage From the bad to the buddha Cold metal, that's what it be Cold metal, from sea to sea Cold metal, it's how we win And also how we sin How we sin, how we sin, how we sin, how we sin Cold metal, in the afternoon Sounds lovely like a hendrix tune Cold metal, it's the father of beat The mother of the street Cold metal, it rolls on by Cold metal, gonna raise it high Cold metal, it'll even fly Rust buckets in the sky Cold metal, got to be Skeleton of the free Cold metal, it's gotta be Better save a tree Save a tree, save a tree, save a tree, save a tree Yeah Iggy Pop - Live At The Avenue B 14. Cold Metal HQ - YouTube (http://youtu.be/6V9oKrfWSms)
4. Iggy
peeka 27.07.2012
hab ich irgendwann einmal auf dem Bizarre-Festival gesehen. Hatte den Eindruck, er hat die weißen Blutkörperchen direkt durch Kokain ersetzt.
5. Er rettet. Oder tötet.
panzerknacker51 27.07.2012
Zitat von sysopWas macht der Punk-Pate da auf der Couch? Im Rentnerparadies Florida? Für "Call Me Iggy" begibt sich Iggy Pop in die Interview-Therapie, um über Angst, Sucht und Scham zu sprechen. Ein brillanter Arte-Film über den ewigen Widerspruch des Rock'n'Roll: Er rettet. Oder tötet. Iggy Pop: Arte-Doku "Call Me Iggy" über den Paten des Punk - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,843764,00.html)
Dafür sieht Iggy aber noch ganz manierlich aus. Da gibt es doch einen viel besseren lebenden Beweis: Keith Richards ;-)
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