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ARD-Markencheck zu Ikea: Skandale aus der Grabbelkiste

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ARD-Check: Überleben im Einrichtungsterror Fotos
WDR

Ikea ist böse. Um diese These zu belegen, geben sich die Reporter des "Markencheck" im Ersten investigativ - und tragen leider vor allem Krimskrams über das schwedische Möbelhaus zusammen.

Wer Ikea für ein preiswertes Möbelhaus mit sonnigem Ruf hält, in dem vornehmlich Menschen mit drolligem Akzent arbeiten - für den hat die ARD schlechte Nachrichten. Die günstigen Preise sind mit minderer Qualität erkauft, produziert wird in autokratisch regierten Ländern, und die Freundlichkeit dient lediglich der Kundenbindung.

Wer hätte das gedacht? Eigentlich jeder, der hin wieder mal eine Zeitung aufschlägt.

Trotzdem treibt der "Markencheck" - mit der Reihe fährt die ARD seit 2012 beachtliche Quoten ein - einen ansehnlichen Aufwand, Ikea knallhart auf eher weiche Aspekte wie "Stressfaktor", "Ikeaprinzip", "Qualität" und "Fairness" abzuklopfen. Dazu wird in der Reportage dramatisierend mit wechselnden Perspektiven gearbeitet und die Kamera immer wieder schick unscharf gestellt, während im Hintergrund Popsongs laufen ("Don't Worry, Be Happy").

In einer Rahmenhandlung wird eine Versuchsfamilie einkaufen geschickt; die Frau schwört auf Ikea, ihr Mann nicht so, typisch. Und so argwöhnt er zwischen den Grabbelkisten der Markthalle: "Das hier sind die gefährlichen Gänge." Weil man immer mehr und andere Sachen kauft, als man braucht. Eine Erkenntnis, für die man keinen "Markencheck" benötigt.

Deshalb soll der "Stressfaktor" wissenschaftlich mit Sensoren für Herzfrequenzen gemessen werden. Die Versuchspersonen müssen mal "in einem normalen Möbelhaus" (Höffner) und mal bei Ikea in genau zwei Stunden für genau 350 Euro genau drei Dinge einkaufen. Während bei Höffner die Berater fürsorglich Kaffee servieren, lockt Ikea seine Kunden ins Labyrinth des Krimskrams. Bei Ikea, das verraten die unbestechlichen Herzfrequenzen, werde der Stressfaktor "unterschätzt". Naja. Könnte das Einkaufen bei Ikea nicht auch einfach "aufregend" sein?

Verfolgungswahn im Pressspan

Ein Klassiker unter den Aufregern ist jedenfalls stets das Zusammenbasteln der Möbel. Hier gibt es keine Sensoren, sondern Freiwillige, die fertige Nachttischschränkchen begutachten und ein Gebot abgeben sollen. Anschließend müssen andere Probanden 20 Nachttischschränkchen selbst aufbauen und dann den Preis ermessen - der natürlich wesentlich höher liegt, hat man doch selbst Hand angelegt. Und siehe da: "Eine Studie aus Amerika bestätigt diesen Do-it-yourself-Effekt!" Naja dann. Urteil: Das Prinzip sei "raffiniert".

Es folgt der Besuch bei einer Frau, die Ikea-Kataloge sammelt, aus denen hervorgeht: "Die sind billiger geworden!" Ging das eventuell auf Kosten der "Qualität"? Ein Schreinermeister stellt fest, dass die Schrauben früher tatsächlich länger und aus Metall waren, während sie heute kürzer sind und die Verbindungsteile aus Plastik bestehen. Außerdem sind die "Billy"-Regale schmaler, die Bretter dünner. Ikea-Pressesprecherin Sabine Nold argumentiert mit der besseren Ökobilanz.

Weniger zu Pressspan verpampter Zellstoff, weniger Belastung für die Umwelt also. Der "Markencheck" wiederum belastet die Umwelt der Fußgängerzone, in der "Billy" zu Testzwecken mehrmals auf- und wieder abgebaut wird. Der Schreinermeister weist abschließend darauf hin, dass Möbel heute "nicht mehr für ein halbes Leben" gekauft werden, und bescheinigt dem Minimalismus von Ikea in dieser Hinsicht, "den Bogen raus" zu haben. Die Qualität sei, so das Urteil, "ausreichend".

Bällebad im Småland

Bis hierher ist dieser Check ein aufwendig produziertes Verbraucherstück, aber jetzt wird's ernst. Nachdem Ikea-Sprecherin Nold das fromme Unternehmensgebet vom "Democratic Design" heruntergebetet und am Leierkasten vom "möglichst positiven Einfluss" gekurbelt hat, den Ikea "auf die Menschen" haben möchte, fahren die Reporterinnen Sejla Didic und Christin Gottler auf den Spuren der Kommode "Brimnes" (99 Euro) nach Litauen.

Der Chef der dortigen Möbelfabrik erklärt frank und frei, auf "Vorschlag" seiner "Partner" längst in Weissrussland zu produzieren, wo es noch billiger gehe. "Kaum vorstellbar", raunt es dazu, "dass Ikea jetzt Lukaschenko unterstützt!" Und so unvorstellbar auch wieder nicht, ist doch bekannt, dass Ikea auch schon in Burma seine Möbel zusammendengeln ließ.

Trotzdem: "Wir wollen sichergehen, wagen die Reise nach Weißrussland". Getarnt als Touristinnen filmt das Team in Minsk die Parade zum "Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland", der böse Diktator in bedeutungshubernder Zeitlupe vorneweg. Eine Arbeiterin erzählt, dass sie für einen lächerlichen Lohn zwölf Stunden am Tag arbeitet.

Mit versteckter Kamera und falscher Identität als "deutsche Holzwissenschaftler" besichtigen die Reporterinnen dann noch die Fabrik, in der sie für Ikea-Kontrolleure gehalten und für die Hungerlöhne beschimpft werden. Ein Gewerkschaftler erklärt, warum Weißrussland ein so guter Partner für die Schweden ist. Billige Rohstoffe, billige Arbeitskräfte, billige Energie und eben keine Gewerkschaften. Es ist natürlich allerhand, dass Ikea in autokratisch regierten Ländern produzieren lässt, erschreckend zum Beispiel oder ernüchternd. Oder auch eine investigativ aufgebockte Binse.

Neu sind diese Zustände höchstens für Leute, die die vergangenen fünf Jahre im Bällebad im Småland verbracht haben.


"Der Ikea-Check", Montag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 86 Beiträge
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1.
homann5 25.08.2014
In der Tat, die Sendung bringt keine neuen Erkenntnisse. Dabei hätte man vielleicht aber auch mal auf die Vorteile eingehen können, die Ikea seinen Kunden bietet. Denn kein anderer größerer Möbelhändler bietet über einen vergleichbar langen Zeitraum die Möglichkeit, Möbel oder passenden Zubehör nachzukaufen. Und eine höhere Qualität liefert die Konkurrenz auch nur dann, wenn man das vierfache und noch mehr des Ikea-Preises zahlt. Allerdings sollte man den Schweden für die Arbeitsbedingungen - die im übrigen wohl nicht nur bei Zulieferern, sondern auch bei den eigenen Angestellten miserabel sein sollen - viel häufiger auf die Finger klopfen.
2. Für den NDR
knieselstein 25.08.2014
sind alle Handelsunternehmen außer Bio-Hofläden ganz pöhse ;-)
3. Schön, diese Kritik vorab gelesen zu haben
imZweifel-richtig 25.08.2014
dann braucht man sich die Sendung nicht mehr ansehen. Was aber auch dann der Fall gewesen wäre, wenn man zuvor ein bis drei "Checks" gesehen hätte, die dem immer gleichen Muster folgen. Es ist schon verwunderlich, wie die Quoten trotz der stets ähnlichen Variation eines Themas hoch bleiben. Und immerhin schickt die ARD die biederen "Ratgeber" zugunsten der reisserischen Checks in Pension. Was ikea betrifft habe ich selbst die Erfahrung gemacht, dass je länger ein Produkt im Programm ist, es immer mehr Vereinfachungen erfährt. Das sieht, wenn man Ursprungs- und Endgeneration miteinander vergleicht, manchmal aus wie "Original" und "Billigkopie". Und manche Dinge "können" sie bei ikea einfach nicht. Dichtschließende Türen z.B. oder Sofas, bei denen man nicht durch die zu weiche Polsterung auf nahezu Bodenniveau sinkt. Aber das weiß man auch ohne "Check", schließlich stellen die ihre Möbel ja ugeschönt aus.
4. mr ikea
uksubs 25.08.2014
ist ja in schweden zum unternehmer des jahrzents ( jahrhunderts, ever ? ) ernannt worden. und ich wundere mich, wie abgesehen von den bereits bekannten dingen nie die zusammenhänge zu kleinen möbelfirmen hergestellt werden. denn ist es nicht so, dass die alle durch ikea und co kaputt gemacht werden? dass hier ausgerechnet ein schreiner zitiert wird, "ikea habe den dreh raus", mag daran liegen, dass auch kleinere betriebe mittlerweile nur noch mit spezialisierungen leben können und jener schreiner das also nicht weiter bemängelt, da er selbst womöglicheine ähnliche tätigkeit ausübt, wie es eben einer für ikea macht. das hilft mir jedoch nicht weiter bei der annahme, dass eben der "normale" tischler keine betten, schränke o.ä. mehr baut, da dies, wie hier in weissrussland, in masse produziert wird. und das ist - schlimm!
5. Herzlich gelacht
Hamada 25.08.2014
"Neu sind diese Zustände höchstens für Leute, die die vergangenen fünf Jahre im Bällebad im Småland verbracht haben." Genauso sehe ich manche politischen Sendungen die von den TV Sendern verkauft werden. Na ja, es fehlt an Geld für gute Journalisten, wenn man Milliarden mit dem Sport verpulvert. Wenn man ein kritisches Thema vorgesetzt bekommt, muss man schon viele Bereich ausfiltern können und evtl. andere Medien zu hilfe nehmen. Trotz allem bin ich überzeugt nur rund 70% des Themas erfassen zu können - kostet aber viel Zeit.
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