SPIEGEL ONLINE: Frau Illner, Bundestagspräsident Norbert Lammert hat kürzlich kritisiert, die politischen Talkshows im Fernsehen seien nur eine Simulation von politischer Diskussion. Was ist Inszenierung, was ist Wirklichkeit in Ihrer Sendung?
Illner: Sicher ist auch einiges inszeniert in so einer Talk-Sendung. Ich kann aber mit der Kritik unseres Bundestagspräsidenten wenig anfangen. Auch im Bundestag findet unter dieser strengen Prämisse Inszenierung statt. Politik ist grundsätzlich Inszenierung. Polit-Talks haben mit der Legislative nicht das Geringste zu tun, das maßen sie sich auch nicht an, aber wir sind keine Simulation, kein Scheingefecht. Wenn der Bundestagspräsident mit der Akzeptanz der politischen Debatte im Bundestag unzufrieden ist, dann kann man sich vielleicht ein paar Alternativen einfallen lassen, aber man muss nicht alle halbe Jahre die Polit-Talks beschimpfen.
SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie Vorschläge?
Illner: Man könnte Gesetzesvorlagen nicht wie bei uns in der Bundespressekonferenz präsentieren, sondern, wie im britischen Unterhaus, vor den Kollegen des Parlaments verteidigen. Man könnte auch wichtige, die Welt bewegende Debatten des Bundestags zu anderen Zeiten stattfinden lassen als morgens um 9 Uhr, das hatte Johannes Rau auch schon mal vorgeschlagen.
SPIEGEL ONLINE: Lammert sagt, Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen würden Politik zu Unterhaltungszwecken benutzen.
Illner: Ich halte den Polit-Talk für ein wirklich demokratisches Medium. Da trifft Politik auf Volk, das geschieht ansonsten nur noch in Wahlkämpfen und also viel zu selten. Und deshalb verstehe ich den halbdemokratischen Ansatz des Bundestagspräsidenten nicht, die verantwortlichen Politiker mögen am besten nicht mehr in die Talks gehen, weil sie so die Politik entwerteten. Sorry, aber das Gegenteil ist der Fall.
SPIEGEL ONLINE: Talkshows, auch Ihre, treten immer wieder mit der Verheißung an, die ganz großen Themen auszudiskutieren und Antworten auf die ganz großen Fragen zu geben. Am Ende bleibt der Erkenntnisgewinn regelmäßig recht spärlich.
Illner: Finden Sie? Ich hatte zum Beispiel bei der Ehec-Sendung die echte Sorge, dass wir viel zu sehr ins Detail der Katastrophenhilfe und der Forschung gehen. Ich habe da eine Menge gelernt. Ich habe mich auch nach manchen Sendungen zu Griechenland gefragt, ob die Zuschauer Rating-Agenturen und das Staateninsolvenzrecht so spannend finden wie wir. Manchmal bin ich wirklich überrascht, mit welcher Aufmerksamkeit und welchem überdurchschnittlichen Interesse Sendungen geguckt werden, die ganz bestimmt nichts für den Erstklässler sind und eine Menge Fragen beantworten.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Einschaltquoten in Ehren...
Illner: Sie meinen, die Leute sitzen davor und sagen: Ui, das war jetzt schlau, ich hab's nur nicht verstanden?
SPIEGEL ONLINE: Nein, aber es gelingt nicht immer.
Illner: Ich sage auch nicht, dass wir jedes Mal Goldstaub produzieren. Aber uns wird ja Zweierlei unterstellt: Einmal wird gesagt, wir reden eigentlich nur über Dinge, die jeder schon weiß. Das teile ich überhaupt nicht. Und auf der anderen Seite wirft man uns vor, dass wir mit einer Hybris daherkommen und glauben, Dinge aufklären zu wollen, die wir gar nicht aufklären können. Das behaupten wir nicht und freuen uns, wenn es dennoch manchmal gelingt.
SPIEGEL ONLINE: In einer Ihrer letzten Sendungen hatten Sie einen Vertreter einer Rating-Agentur zu Gast, graue Schläfen, ruhige Sprache, den Blick stets direkt in die Kamera gerichtet. Wer so aussieht, kann inhaltlich auch den größten Quatsch erzählen, kommt aber dennoch glaubwürdig herüber. Wie wichtig ist es, attraktiv zu sein in so einer Talkshow?
Illner: Keine Ahnung, er ist halt der Europa-Auslandschef von Standard & Poor's und also wirklich wichtig. Wir haben ihn eingeladen, nicht weil er cool aussieht, sondern weil wir vermeiden wollten, nur über ihn zu reden.
SPIEGEL ONLINE: Es spricht ja nichts dagegen, ihn einzuladen...
Illner: ...er hatte nur die Chance, sich ein Profi-Mäntelchen umzuhängen, oder was meinen Sie?
SPIEGEL ONLINE: Sagen wir mal so: Neben so einem Rating-Mann sieht der Außenminister von Luxemburg wie ein alter Zausel aus.
Illner: Fanden Sie? Ist es weniger glaubwürdig, wenn jemand mit einem so flammenden Herzen wie der luxemburgische Außenminister auftritt? Im Gegensatz zu jemandem, der vielleicht nicht nur bei Ihnen einen ziemlich glatten Eindruck hinterlässt? Am Ende waren zwei Dinge klar: Rating-Agenturen haben sich bei Finanz- und Immobilienkrise geirrt, und Rating-Agenturen haben mehr Macht als sie sollten. Und Herr Asselborn war sehr charmant.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben einen weiten Weg hinter sich von der jungen Sportjournalistin im DDR-Fernsehen zum Gesicht des ZDF und Gattin des Telekom-Chefs. Wenn Sie von "kleinen Leuten" reden - wissen Sie überhaupt noch, was die bewegt?
Illner: Klar, weil ich sie nach wie vor um mich herumhabe und weil ich selbst keine andere geworden bin. Es gibt nichts Öffentlicheres als Fernsehen, und es gibt nichts Öffentlicheres als eine solche Sendung. Wenn meine Zuschauer das Gefühl hätten, dass ich nicht mehr ihre Fragen stelle, nur weil ich mit dem Chef der Deutschen Telekom verheiratet bin, dann würde ich das ziemlich rasch mitbekommen. Komischerweise gibt es diese Signale nicht. Aus der Sicht meines Publikums mache ich also offenbar einen ganz guten Job.
SPIEGEL ONLINE: Ärgert Sie die Frage?
Illner: Ach, wissen Sie, es gibt die Geschichte von Hajo Friedrichs, der Ikone des politischen Journalismus, den auch ich noch kennengelernt und wirklich verehrt habe. Friedrichs war mit einer Frau aus einer großen deutschen Pharma-Familie verheiratet. Niemand ist auf die Idee gekommen, seine Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen oder ihn zu fragen, ob er eigentlich noch Meldungen aus der Pharma- und Chemiebranche vorlesen oder gar kommentieren kann.
SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich von der Medienkritik manchmal ungerecht behandelt?
Illner: Ich liebe Kritik. Wir laden so oft es geht externe Kritiker in unsere Redaktion ein und nehmen uns auch selbst gern auseinander. Ich habe nur manchmal das Gefühl, dass die Medienkritik dieses Formats überdrüssig ist - überdrüssiger als der Rest der Menschheit. Wir senden aber nicht für die Medienkritiker, sondern für den Rest der Menschheit. Wir machen nun mal Fernsehen, und Fernsehen ist zwangsläufig oberflächlich. Und trotzdem gibt es den Leuten etwas. Ich glaube aber, viele Rezensenten fragen sich, warum Sendungen wie unsere nach wie vor wie verrückt geguckt werden.
SPIEGEL ONLINE: Ja, warum?
Illner: Erstens, weil die Dinge, die da verhandelt werden, die Menschen offensichtlich wirklich interessieren. Egal, ob wir über den Kommunismus reden oder die Atomwende oder über Dominique Strauß-Kahn. Und zweitens, weil wir live sind und weil wir nicht vorhersehbar sind. Weil man darauf wartet, wie sich jemand schlägt, argumentiert, sich durchsetzen muss oder auch wie die Moderatorin einen Granaten-Versprecher landet.
SPIEGEL ONLINE: Sie moderieren Ihre Sendung jetzt im zwölften Jahr. Beneiden Sie Günther Jauch, der im Herbst bei der ARD etwas ganz Neues aus dem Boden stampfen kann?
Illner: Iwo. Günther Jauch wird das prima machen, überhaupt keine Frage. Und er tut sich einen großen Gefallen, das Fernsehen nicht neu erfinden zu wollen: "Hallo hier, meine brandneue Erfindung, das Rad!" Talk ist Talk, und seine Gäste sitzen auf Stühlen mit vier Beinen, sagt er. Stimmt! Und trotzdem wird eine große Erwartung auf seiner ersten Sendung liegen. Auch ich habe die.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich vorstellen, sich selbst im Fernsehen noch mal zu verändern? Weil ja gerade die Suche läuft: Wie wäre es denn mit der "Wetten, dass..?"-Moderation?
Illner: Super Idee - bitte streichen! Ich bin so überhaupt nicht die Unterhaltungstante. Ich bewundere die Kollegen, die das können - und bleibe lieber bei meinem Leisten. Gerade haben wir mit viel Spaß wieder mal unser Studioset verändert. Da fühlen wir uns jetzt noch mehr an einem echten Arbeitsplatz und noch mehr im 21. Jahrhundert. Rechnen Sie mit dem Schlimmsten: Es geht noch zehn Jahre weiter.
Das Interview führte Stefan Kuzmany
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