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Illner-Talk über Zuwanderung: Migrant in Bayern müsste man sein!

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Illner-Talk im ZDF: "Gekommen, um zu bleiben" Fotos
ZDF

Worüber sollte man sich aufregen: ausländische Arbeitnehmer, die nach Deutschland kommen - oder deutsche Unternehmer, die im Ausland Armutslöhne ausnutzen? Die Talkrunde bei Maybrit Illner warf gute Fragen auf. Und lieferte sogar einige Erkenntnisse.

Wir Deutsche sind schon recht spezielle Europäer. Zum Beispiel bezeichnet im angloamerikanischen Sprachraum der Begriff "social tourism" eine nachhaltige, sich der sozialen Folgen bewusste Form des touristischen Reisens. Ebenso ist es im Französischen und Spanischen. Im Deutschen dagegen meint "Sozialtourismus" die Einwanderung von nur angeblichen Arbeitsmigranten, die es sich in Wahrheit in unserer sozialen Hängematte so richtig bequem machen wollen.

Ein unschöner Generalverdacht, der allerdings seit dem EU-Beitritt von Rumänien und Bulgarien ein höchst beliebtes Leitmotiv von Migrationsdebatten in Talkshows ist. So auch am Donnerstagabend bei Maybrit Illner. "Gekommen, um zu bleiben. Neue Zuwanderer, alte Probleme?" hieß das Motto - doch in Windeseile war man bei denen, die angeblich gekommen sind, um abzugreifen.

Vielleicht ist das ein deutscher Reflex: Weil wir uns ganz unbescheiden für die "soziale Reparaturwerkstatt Europas" halten, wie der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer erklärte, tendieren wir dazu, hinter den Ankommenden Sozialfälle zu vermuten, die uns auf der Tasche liegen. Was sie natürlich keinesfalls und, wenn überhaupt, dann nur in Ausnahmefällen seien, wie die bilderbuchartig zusammengesetzte Runde eifrig versicherte.

Unbequeme Wahrheiten vom CSU-General

Da war die fleißige migrantische Unternehmerin und Pflegedienst-Betreiberin Myra Mani: "Wenn man Arbeit sucht, kann man auch Arbeit finden." Da war die zupackende Sozialdemokratin aus dem Problembezirk Neukölln, die authentisch bezeugen kann, dass die Lage schwierig ist - Stadträtin Franziska Giffay: "Fast 40 Prozent der bulgarischen und rumänischen Staatsbürger sind im Leistungsbezug bei uns." Natürlich durfte auch Grünen-Vorsitzender Cem Özdemir nicht fehlen, der uns mit schwäbischem Charme die Bildungsferne der ersten Gastarbeitergeneration erklärte: "Stahl und Bergbau… Das waren ja keine Akademiker, man brauchte Menschen, die hart anpacken."

Und dann gab's eben noch den CSU-Generalsekretär, der für die Rolle des Unbequeme-Wahrheiten-Aussprechens besetzt war: "In NRW verlassen 42 Prozent mit Migrationshintergrund die Schule ohne Bildungsabschluss, in Bayern 12,8 Prozent." Tu felix Bavaria - Migrationshintergrund in Bayern müsste man haben!

Die wirklich unbequeme Wahrheit zum Thema auszusprechen: Das blieb dem türkischstämmigen Kabarettisten Serdar Somuncu vorbehalten. CSU-Mann Scheuer referierte einmal mehr von den "Anreizen" unseres Rest-Wohlfahrtsstaates, der Menschen dazu bewege, in unsere Sozialsysteme einzuwandern. "Wir sind ja auch Sozialtouristen", fiel Somuncu ein. "Wenn wir unsere Autos in Rumänien und unsere T-Shirts in Bangladesch fertigen lassen." Kein schlechter Gedanke - und jetzt die Preisfrage: Ist es eigentlich verwerflicher, in ein Land einzuwandern, um dessen angebliche wohlfahrtsstaatliche Segnungen in Anspruch zu nehmen? Oder in ein Land einzuwandern, um dessen Armutslöhne auszunutzen? Das hätte der Auftakt zu einer wirklich interessanten Debatte über Migration und ihre Gründe werden können.

Soziale Hängematten Europas

Wobei sich die Diskutanten schnell einig wurden, dass Zwei-Euro-Stundenlöhne längst auch in Deutschland zum Lohngefälle dazugehören. Die später in die Runde eingeführte rumänische Streetworkerin Doinita Grosu brachte dann noch das Bild vom gewieften Hartz-IV-Abgreifer aus Osteuropa etwas ins Wanken. Wer schwarzarbeite, könne nämlich de facto viel mehr verdienen als Hartz-IV-Empfänger, argumentierte sie.

"Hartz IV bedeutet nicht nur Geld, Hartz IV ist für diese Menschen auch der Zugang zum sozialem System", so die Sozialarbeiterin, die vor allem mit obdachlosen, jungen Rumänen arbeitet. "Sie bekommen dann einen Integrationskurs und die Chance, einen Sprachkurs zu machen, den sie sich sonst nicht leisten könnten - und sie können von der Straße wegkommen." So sehen sie aus, die sozialen Hängematten im Europa der Arbeitnehmerfreizügigkeit.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Völkerwanderung!
Michael Strandt 06.06.2014
Vor der europäischen Haustür stehen 500 Millionen Menschen und wir haben Angst vor ein paar Rumänen . Wir müssen Wohlstand exportieren! Ansonsten frag die Römer.
2. Wie blind...
privado 06.06.2014
...musss man sein, um nicht diese alarmierenden Zahlen anzuerkennen. Wenn in Neukölln 40% der Bulgaren und Rumänen im Sozialbezug sind und in NRW rund 40% der Migranten die Schule ohne Abschluss verlassen, dann darf man diese Fakten nicht schönreden, sondern man muss handeln.Was macht man denn mit diesen 40% ohne Schulabschluss in der Zukunft? Die werden nie einen Job finden und landen dann wo? Eben, im Sozialbezug.
3. Völkerwanderung!
Michael Strandt 06.06.2014
Vor der europäischen Haustür stehen 500 Millionen Menschen und wir haben Angst vor ein paar Rumänen . Wir müssen Wohlstand exportieren! Ansonsten frag die Römer.
4. Der Unterschied
outwiper 06.06.2014
zwischen Einwanderung in die Sozialsysteme und der Produktion in Billiglohnländern ist, dass dort Leistung/Ware gekauft und bezalt wird. Jeder hat einen Gegenwert über dessen Höhe sich streiten lässt. Bei Sozialschmarotzern ist die Lage aber einseitig, da der Staat ausser "Bereicherung " nichts erhält. Diskussion beendet. Ganz einfach.
5. Wann?
peterlustig_1 06.06.2014
Wann ist es soweit, dass ich mich als Fremder im eigenen Land fühle? Wenn man solche Talkshows anschaut, dann ist dieser Zeitpunkt bereits erreicht. Dieses Europa will ich nicht!
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