"Im Angesicht des Verbrechens" Himmelspforte und Höllentor

Die Dreharbeiten waren ein Desaster, das Ergebnis ein Meisterwerk: Ein Interviewbuch gibt Einblicke in die Entstehungsgeschichte der ARD-Fernsehserie "Im Angesicht des Verbrechens". Es zeigt: Regisseur Dominik Graf mag ein Diktator sein, aber er hat Größe.

ARD/Julia von Vietinghoff

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Höllentor oder Himmelspforte? So richtig leicht fällt sie nicht, die Einordnung der TV-Serie "Im Angesicht des Verbrechens", die von den Verstrickungen der russischen Mafia mit der Berliner Polizei erzählt; von Liebe, Verrat und Gier zwischen Odessas Unterwelt und Charlottenburger Kiez. Gewalt und Poesie lagen im deutschen Fernsehen selten so dicht beisammen wie in dieser Wunderproduktion - die doch die halbe Fernsehbranche in Chaos und Verzweiflung stürzte.

Die Finanzierung brach immer wieder zusammen, am Set soll teilweise wegen der aufreibenden Arbeitsbedingungen Aufruhr geherrscht haben, und irgendwann schaltete sich dann auch noch die Gewerbeaufsicht ein, die weitere 16-Stunden-Drehtage untersagte. Ein Fiasko.

Es ist nicht übertrieben, "Im Angesicht des Verbrechens" als eine Art "Heaven's Gate" des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu bezeichnen. Die Herstellung von Michael Ciminos Westernepos hatte 1980 das Studio United Artists in die Pleite getrieben, der Film wird heute als Klassiker gefeiert. Nur, und das macht die Sache diffizil, dass im aktuellen Fall eben nicht die ARD als Auftraggeber ruiniert wurde, sondern die Typhoon AG des ehemaligen RTL-Programmdirektors Marc Conrad. Die Firma meldete Insolvenz an.

Wer genau die Verantwortung trägt für das finanzielle Desaster, aus dem dieses Fernsehmeisterstück hervorgegangen ist, kann nun auch das zum ARD-Start der Reihe erscheinende, üppige Interviewbuch nicht endgültig klären. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass alle Beteiligten eine gewisse Teilschuld haben: die ARD, die gleichsam die finanzielle Drecksarbeit für ihr Prestigeprojekt ausgelagert hat; der Regisseur Dominik Graf, der sowieso nur Verachtung für die "Apparatschiks" des deutschen Fernsehens aufbringt; und natürlich Marc Conrad selbst, der tatsächlich komplett falsch kalkuliert hat.

Wut auf das "Branchen-Konsens-Zeug"

Wenn man sich durch die beinahe 400 Seiten spannenden und detaillierten Interviews arbeitet, die Johannes Sievert mit (leider nur fast) allen wichtigen Beteiligten geführt hat, taucht die Schuldfrage unterschwellig immer wieder auf, wird aber nie explizit beantwortet. Am salomonischsten, aber auch am deutlichsten geht Typhoon-Producerin Kathrin Bullemer auf die Fehlkalkulationen der Mitwirkenden ein: Es sei schon auf den frühen Drehbuchkonferenzen zu dem an Settings und Ortswechseln reichen Gangsterepos klar geworden, dass man in jeder der rund 50-minütigen Folgen mit 80 bis 90 Bildern arbeiten werde: "Wir haben pro Folge immer mit einer Materialmenge eines Neunzigminüters hantiert." Freilich ohne das Budget dazu zu haben.

Allen Beteiligten, öffentlich-rechtlichen Redakteuren wie dem Regisseur, musste deshalb klar gewesen sein, dass man sich im Risikobereich bewegte. Der Dreh von "Im Angesicht des Verbrechens" war ein Trip, bei dem die Reisekosten längst nicht gedeckt waren. Leichtsinn und Abenteuerlust waren überhaupt erst die Voraussetzungen, um mitzumachen. Andererseits: Wann gibt es schon große Kunst ohne Leichtsinn und Abenteuerlust?

Beim Regisseur Graf kamen dann - das offenbaren seine Interviews im Buch - noch Liebe und Wut dazu. Liebe zu all den wunderbaren Siebziger- und Achtzigerjahre-Polizeiserien im deutschen Fernsehen mit ihrem durchaus subversiven Charme, Wut auf all das aktuelle "Branchen-Konsens-Zeug" von den Filmhochschulen und das "Kunstgewerbe", das zurzeit in den meisten öffentlich-rechtlichen Redaktionsstuben ausgeheckt werde. Seine Serie lässt sich deshalb als Versuch werten, der deutschen Filmbranche ihren Kleinmut auszutreiben, als Angriff aufs hiesige Töpfchen- und Tröpfchen-Finanzierungssystem.

So geriet die Produktion zu einer Art Kamikaze-Dreh - bei dem allerdings viele aus dem Filmteam nicht mitmachen wollten. "Ich bin die Uhr", sagt Graf einmal in einem der Buchinterviews und wundert sich darüber, wie wenig ihn die Leute am Set ticken gehört haben. Er sei ein Diktator gewesen, sagen viele seiner Mitarbeiter. Man spricht auch von Schreiattacken.

Niemals langweilige Polemik

Es könnte sein, so räumt der durchaus zu Selbstzweifeln bereite Graf, 58, an anderer Stelle ein, dass es da eine Art Generationenkonflikt gegeben habe: "Die jungen Regisseure sind sicherlich demokratischer und politisch korrekter inspiriert als meine Generation… Wenn man einen Inszenierungs- und Entscheidungsstil bevorzugt, wie ich es tue, kann man heute sehr isoliert in einem jungen Team dastehen. Man wird vielleicht respektiert, ist aber oft sehr allein."

Diese Isolation ist zum Teil durchaus gewollt - und wird bei Graf ja durch eine exzellente Vernetzung mit einigen ausgewählten TV-Redaktionen und einigen ausgewählten Kreativen kompensiert.

Der Regisseur, den Herausgeber Johannes Sievert für sein Buch gleich in einer ganzen Reihe thematisch strukturierter Werkstattgespräche befragt hat, ist ein wunderbarer Erzähler. Zorn und Verachtung sind bei ihm in jeder Zeile genauso präsent wie Zärtlichkeit und Hochachtung. Es gibt diesen verführerischen Graf-Sound, in dem Filmgeschichte und deutsches Fernsehen wunderbar zusammengehen, bei dem "Derrick" in einem Atemzug mit dem Thriller-Meisterwerk "Der eiskalte Engel" genannt wird.

Der Mann mag vielleicht ein Set-Diktator sein, beim Sinnieren über seine Arbeit und seine Einflüsse ist ihm das Hierarchische fremd. So schwebt man mit ihm in den Interviews durch obskurste Kinogeschichtsecken, bleibt in den längst vergessenen oder unausgeleuchteten Winkeln deutschen Filmschaffens hängen - alles mit Bezug auf sein aktuelles Projekt.

Einmal erinnert sich Graf, wie sein Drehbuchautor Rolf Basedow, der einst wie er die Münchner Filmhochschule besuchte und der für "Im Angesicht des Verbrechens" mehrere Jahre im Berliner Rotlichtmilieu recherchierte, in jungen Jahren als Cutter eine Theorie des "antikolonialistischen Schnitts" entwickelte und in seinen eigenen Arbeiten durchzusetzen versuchte. Das sei das Gegenteil zu jener konventionellen Fernsehdramaturgie, die Graf angewidert als "Plotpointgehacke" verdammt - und hat jetzt in dem über Strecken multiperspektivischen Verbrechenssittenbild "Im Angesicht des Verbrechens" seine späten Spuren hinterlassen.

Über fast 200 Seiten ziehen sich die tatsächlich niemals langweiligen Polemiken und Liebeserklärungen von Dominik Graf. Ein Lesevergnügen für alle Fans der Serie, das dafür sorgt, dass Johannes Sieverts Buch eine der Serie angemessene Epik ausstrahlt. Schade nur, dass einer nicht zu Wort kommt: der Produzent Marc Conrad, der das Projekt schon mit Drehbuchautor Rolf Basedow angetrieben hatte, als Graf noch gar nicht an Bord gewesen war, und dessen Firma durch den aufreibenden Dreh baden gegangen ist.

Höllentor oder Himmelspforte? Für Conrad, den großen Verlierer dieser Jahrzehntserie, gibt es darauf wohl nur eine Antwort.


"Im Angesicht des Verbrechens" : als Doppelfolgen jeweils freitags um 21.45 Uhr, ARD; Johannes Sievert (Hg.): "Im Angesicht des Verbrechens", 392 Seiten, Alexander Verlag Berlin, 24,90 Euro (Erscheint am 1. November)



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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
dalles 22.10.2010
1. Buchpreis
Das Buch ist bei einschlägigen Internetbuchhandlungen zu Preisen zwischen 24,90 und 29,90 ausgewiesen. Also etwas teurer als im Artikel angegeben.
takeo_ischi 22.10.2010
2. Kleiner Tipp
Zitat von dallesDas Buch ist bei einschlägigen Internetbuchhandlungen zu Preisen zwischen 24,90 und 29,90 ausgewiesen. Also etwas teurer als im Artikel angegeben.
Bei hugendubel.de können sie z.B. noch als Schnäppchen vorbestellen.
Bernd.Brincken 22.10.2010
3. Russland-(N)Ostalgie
Die Serie war ja schon auf Arte zu sehen. Von der Machart her gut, wenn auch jederzeit als deutsch erkennbar. Aber: Die Russenmafia als Kern der Geschichte ist einfach nostalgisch, da werden ganz alte und plumpe Vorurteile bedient und noch einmal dramaturgisch aufgehübscht: Prostitution, Korruption, Folter und Mord. Dies kommt dann mit dem Gestus des Dokumentarischen daher. Das ist im Jahre 20 nach der Wende einfach nicht mehr zeitgemäß; bzw. muss man sich fragen (vgl. Kinder und Hunde in der Werbung): Kann man Aufmerksamkeit nur durch so (billige, grobe) Plots bekommen?
MaxGrabowski 22.10.2010
4. Wie schon mal gesagt
Kamera war Scheisse! Ansonten interessante Story, die aber zu Teilen schlecht umgesetzt war, wie schon erwähnt: http://forum.spiegel.de/showthread.php?p=5494409#post5494409 Habe selbst die Herren 'Yuri & Sergej' im Auto sitzend per Laptop, die Schlangenbader Str. WLAN-scannend im S-Klasse-Mercer sitzend gesehen. Wie auch andern Tags ängstliche junge Damen mit Rucksack schnell rein- und wieder raushuschend. Die wollten sicher mal nur ne Runde WOW-spielen! Aber nebenbei: Die russ. Nutten in den 90ern waren der Hammer in Berlin! Gruß an Olena und Angelika! Heute gibt's nur noch belämmerte Rumäninnen. Wird Zeit, daß die Ostanatolen ihre Weiber freigeben, damit se was lernen!
hatem1 22.10.2010
5. Überschätzt
Habe die Serie komplett auf arte gesehen. Ja, es gibt großartige Momente. Und man schaut in die russische Seele, zumindest das, was wir uns darunter vorstellen. Aber dann gibt es auch hölzerne Dialoge und, sorry, schlecht gespielte Sequenzen. Und die Serie wirkt, als spiele sie im Berlin der 90er Jahre. Aber nicht heute. Die OK in Berlin heute, das sind im Wesentlichen die libanesischen Großfamilien, aber die sind natürlich nicht so sentimental zu filmen und Frauen haben da schon gar nichts zu suchen. Ich finde die Serie überschätzt und kann nicht erkennen, was daran nun so großartig ist, dass eine renommierte Produktionsfirma über die Klinge springen musste. Da war wohl das Ego von Herrn Graf so riesig, dass alles andere keine Rolle mehr spielte. Was die Quoten betrifft, prophezeihe ich einen fetten Reinfall. Ich werde mir heute abend die DVD "Die Katze" einlegen. Damals war Graf noch gut...
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