ARD-Reportage über Somalia 20 Gewehre, eine Kamera

Für die riskante Reportage "Im Land der Piraten" hat sich ein ARD-Team in die Piratenhochburgen von Somalia vorgewagt. Der Film zeichnet das düstere Porträt eines gescheiterten Staates, in dem nur noch mit zwei Dingen gehandelt wird: Menschenleben und Militärgerät.

SWR

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Recherche unter Waffen, geht das? Der Kriegs- und Krisenreporter Ashwin Raman hat 20 Männer engagiert, behängt mit MG und Patronengurten, aufgeputscht von der in Somalia weit verbreiteten Droge Kath. In fünf Fahrzeugen fahren er und seine Bodyguards von der Piratenstadt Galkayo nach Hobyo an der Küste des vom Bürgerkrieg aufgeriebenen Landes.

Auf dem Weg schießen seine Beschützer ein Erinnerungsfoto, Raman lächelt gequält in die Kamera, wie ein Gefangener. Wohl fühlt er sich inmitten seiner Begleiter offensichtlich nicht. Nach dem Ende seines Somalia-Trips erfährt er, dass seine sogenannten Bodyguards auch als Geiselnehmer arbeiten.

Noch einmal: Recherche unter Waffen, geht das? Schaut man sich die ARD-Reportage "Im Land der Piraten" an, muss man die Frage bejahen. Unter dem fragwürdigen Schutz seiner Begleiter gelingt es Filmemacher Raman, Eindrücke aus der Region an der somalischen Küste zusammenzutragen, aus der es sonst fast keinerlei journalistischen Bilder gibt. Auf dem Meer vor Somalia patrouillieren Schiffe der Operation Atalanta, einer multinationalen Mission der EU. Sie sollen den Schiffsverkehr schützen, der Küstenstreifen selbst aber ist in der Hand der Piraten.

3000 Kilometer rechtsfreie Küste

Wie schon in seinem aufwühlenden Afghanistan-Porträt "So nah am Tod" gibt Raman nicht vor, die Lage vor Ort überblicken zu können. Ist die Piraterie ein Auswuchs internationalen organisierten Verbrechens? Oder tobt da, wie es einmal im Film heißt, "ein Krieg der Armen gegen sich selbst"? Die Frage wird nicht beantwortet, aber Hinweise für letztere Lesart gibt es reichlich. Einmal folgt der ARD-Mann Einheimischen, die ihm angespülte Giftfässer und verendete, verstümmelte Fische zeigen. Das Horn von Afrika gilt längst als eine der größten Giftmülldeponien der Welt. An Fischerei ist nicht mehr zu denken, Piraterie erscheint als einzige mögliche Alternative.

In einer anderen Szene sieht man, wie ein maskierter Pirat mit MG mitleidlos vor einer Gruppe eingeschüchterter Gefangener von einem vietnamesischen Schiff Aufstellung nimmt: "Ja, das sind arme Fischer wie wir", erklärt er in die Kamera, "aber sie sind hier hergekommen, um unser Meer leerzufischen." Drei Millionen Dollar Lösegeld fordert der Maskierte für seine Gefangenen. Kaum anzunehmen, dass jemand zahlt.

Auch die Männer aus Indien, Ghana und dem Jemen, die auf einem Chemietanker vor der Küste Somalias vegetieren, haben inzwischen die Hoffnung auf Rettung aufgegeben. Seit zwei Jahren sind sie auf dem Schiff gefangen, langsam rosten die Behälter mit den giftigen Substanzen durch, ein verzweifelter Seemann zeigt auf die braunen Stellen. Etwa 40 Schiffe und mehr als tausend Geiseln dümpeln auf diese Weise vor Somalia vor sich hin.

Eine Geisterzone ist das Meer am Horn von Afrika. 3000 Kilometer Küste, fast unkontrollierbar für die internationale Gemeinschaft. Die deutsche Fregatte "Lübeck", eingebunden in die Operation Atalanta, versucht es trotzdem. Reporter Raman ist dabei, als Trawler inspiziert werden. Die Macht der deutschen Marine ist beschränkt: Wenn keine deutschen Schiffe oder Personen involviert sind, dürfen sie den mutmaßlichen Piraten zwar die Gewehre abnehmen, müssen sie dann aber ziehen lassen.

Eine folgenlose Intervention: Der Nachschub an Militärgerät ist in Somalia immer gewährleistet. Wo Reporter Raman hingeht, wird ihm Kampfmaterial angeboten. Seine dubiosen Leibwächter wollen ihm am Anfang einen alten koreanischen Revolver andienen. Am Ende taucht ein zwielichtiger Einheimischer bei Raman auf, der sich als "Außenminister" der Region vorstellt und ihm abstruserweise eine Sonar-Boje zur Unterwasseraufklärung anbietet. 2000 Dollar soll sie kosten, sie stammt offensichtlich aus Nato-Beständen.

Eindrücklicher als in der ARD-Doku kann man den Status Somalias als "failed state", als gescheiterter Staat, wohl nicht darstellen. Wie soll man ein Land befrieden, in dem fast ausschließlich mit Menschenleben und Waffen gehandelt wird?


"Im Land der Piraten", Montag, 22.45 Uhr, ARD



insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
vhe 27.08.2012
1. Befrieden?
Zitat von sysopSWRFür die riskante Reportage "Im Land der Piraten" hat sich ein ARD-Team in die Piratenhochburgen von Somalia vorgewagt. Der Film zeichnet das düstere Porträt eines gescheiterten Staates, in dem nur noch mit zwei Dingen gehandelt wird: Menschenleben und Militärgerät. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,852260,00.html
Normalerweise indem sich die Nachbarlaender Teile einverleiben. Waeren also im wesentlichen Äthiopien und Kenia. Vorwand waere auch da, Fluechtlinge, Waffenschmuggel, Piraterie, Grenzprobleme und arme, unterdrueckte Zivilisten. Jetzt muessen die sich nur trauen. "Für immer" festgelegte Grenzen funktioniert ja nicht mal in Europa und die da unten haben's echt nötiger als wir.
AFH 27.08.2012
2. .
Zitat von vheNormalerweise indem sich die Nachbarlaender Teile einverleiben. Waeren also im wesentlichen Äthiopien und Kenia. Vorwand waere auch da, Fluechtlinge, Waffenschmuggel, Piraterie, Grenzprobleme und arme, unterdrueckte Zivilisten. Jetzt muessen die sich nur trauen. "Für immer" festgelegte Grenzen funktioniert ja nicht mal in Europa und die da unten haben's echt nötiger als wir.
An alle, die den Staat aus ihrem Leben verjagen wollen: So sieht euer Traumland aus solltet ihr Erfolg haben.
Teile1977 27.08.2012
3. Böse USA
Zitat von vheNormalerweise indem sich die Nachbarlaender Teile einverleiben. Waeren also im wesentlichen Äthiopien und Kenia. Vorwand waere auch da, Fluechtlinge, Waffenschmuggel, Piraterie, Grenzprobleme und arme, unterdrueckte Zivilisten. Jetzt muessen die sich nur trauen. "Für immer" festgelegte Grenzen funktioniert ja nicht mal in Europa und die da unten haben's echt nötiger als wir.
Da würde sofort das Forum überschwemmt werden von "Experten" die wissen das das ganze nur von den Amerikanern initiiert wurde um an das Öl zu kommen. der Iran würde intervenieren um den Glaubensbrüdern zu helfen und das Massaker an der Bevölkerung würde losgehen. Politik ist nicht einfach :-(
zazzel 27.08.2012
4. Schwarz/weiß
Zitat von AFHAn alle, die den Staat aus ihrem Leben verjagen wollen: So sieht euer Traumland aus solltet ihr Erfolg haben.
Genau, denn es gibt kein Mittelding zwischen Nanny-Staat und Anarchie. Ein Staat, der sich im wesentlichen darauf beschränkt, Sicherheit und Herrschaft des Rechts zu gewährleisten, ist schlicht unvorstellbar. Genug der Ironie.
Christ 32 27.08.2012
5. wenig glaubhaft
ich hab ein Teil der Reportage gesehen und vieles was die Piraten als quasi Entschuldigung für Ihr Tun aufgetischt haben war wenig glaubhaft. Ersten war angeblich alles verseucht ohne das irgendjemand das irgendwie näher erläutern konnte. Und dann ist die ganze verseuchte Region auch noch komplett leergefischt. logischerweise wird dort das eine oder andere illegal verklappt und genauso werden dort auch fremde Fischer fischen. Aber das dies in so großen Ausmaß geschieht das die Fischer und Bauern der Region als Nebenjob Pirat werden müssen würde ich mal unter sozialromantisches Gutmenschengeschwätz abtun. Die werden Piraten weil sie nie Fischer oder Bauern waren und als Pirat viel Geld verdienen können.
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