ARD-Drama über Susanne Klatten Der Fünf-Millionen-Euro-Sex

Kontrolle und Kontrollverlust: "In der Falle" erzählt von der Erpressung der Milliardenerbin Susanne Klatten. Kolportage? Keineswegs. Dank Claudia Michelsen wird der ARD-Film zum subtilen Porträt einer Frau am Rande der Selbstaufgabe.

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NDR/ Alexander Fischerkoesen

Es sieht aus wie in einem schlechten Film, und das Schlimme ist, die Frau weiß es selbst. Sie schleicht sich ins Hotelzimmer, der Liebhaber hat schon den Champagner kommen lassen und schließt behutsam die schweren Vorhänge vor dem Fenster. Der Blick der Frau fällt erschrocken auf das Bett, auf dem die Decke erwartungsfroh hochgeklappt wurde. Mitte 40, abgeschleppt in eine Luxusabsteige: Ich, das Klischee.

Dabei vermeidet Simone Carstensen-Kleebach (Claudia Michelsen) doch eigentlich alle Klischees vom Luxusweibchen. Sie ist milliardenschwere Erbin, leitet noch immer die Geschicke des Familienunternehmens. Ein analytischer, nüchterner, strebsamer Mensch. Das Maximum an Glamour bei Carstensen-Kleebach ist ein Wellnessurlaub auf Norderney; tagsüber Saunen und Strandwandern, abends auf dem Bett am Laptop noch Bilanzen studieren und Pflichtanrufe beim freundlichen Ehemann (Bernhard Schütz) absolvieren, dazu gibt es grünen Tee.

Und dann kommt er: Leon Vandenne (Michael Rotschopf), belgischer Galerist, zehn Jahre jünger, die braune Haartolle stets aufreizend vor dem Will-dich-Blick. Lässt seinen Drachen auf Norderney steigen, tanzt nachts auf der Hotelterrasse mit der Milliardenerbin, hat auf Tagesausflügen immer eine gut gekühlte Flasche Weißwein dabei. Und schickt seinem Opfer am Ende, als es die Affäre beenden will, geheim geschossene Fotos der Affäre. Fünf Millionen soll sie zahlen, sonst geht er mit den Bildern an die Öffentlichkeit.

Madame Bovary der deutschen Hochfinanz

Die Geschichte des Fernsehfilms "In der Falle", der am Mittwochabend in der ARD Premiere feiert, dürfte bekannt vorkommen. Sie wurde inspiriert von der öffentlichen Figur Susanne Klatten, Quandt-Erbin und Großaktionärin bei BMW, reichste Frau Deutschlands und prominentestes Erpressungsopfer. Klatten wurde von einem Gigolo mit dem klingenden Namen Helg Sgarbi erst verführt und dann mit kompromittierenden Aufnahmen unter Druck gesetzt. Sie selbst machte das publik, indem sie Anzeige erstattete und damit den öffentlichen Rummel um die eigene Person in Kauf nahm.

Regisseurin und Drehbuchautorin Nina Grosse ("Der verlorene Sohn") macht bei der fiktionalen Verdichtung des realen Falles alles richtig. Ihr Film ist weder eine Spekulation über den verborgenen Trieb der Pflichtneurotikerin in grauer Wäsche noch eine Kolportage über die Enthemmungsmechanismen bei den oberen Zehntausend.

Stattdessen liefert Grosse in so expliziten wie exquisiten Bildern das Porträt einer Frau, die sich streckenweise durchaus genüsslich auf den Abgrund zubewegt; eine Reflexion über Hingabe gegen jedes bessere Wissen und Lust ohne verordnete Reue. Madame Bovary in der deutschen Hochfinanz. Gustave Flauberts Ehebruchsklassiker liegt hier ausgerechnet in der Wohnung des Verführers herum, als Lesezeichen dient ein Foto des amourösen Zielobjekts.

Dass diese vielleicht ein bisschen arg verweisfreudige Versuchsanordnung aufgeht, liegt vor allem an der Hauptdarstellerin Claudia Michelsen. Vielleicht ist Michelsen, 46, die beste deutsche Schauspielerin ihrer Generation, auf jeden Fall ist sie die einzige, die es versteht, Frauen am Rande der Selbstaufgabe zu spielen, ohne dass diese auch nur einen Augenblick lang wie willfährige Dummchen wirken.

Im Gegenteil: Von Connie Walters Stasi-Opfer-verfällt-Stasi-Täter-Drama "12 heißt: Ich liebe Dich" über Sabine Derflingers frivolen Inselzauber "42plus" bis zu Brigitte Berteles "Grenzgang" über die sexuellen Verlockungen der Provinz - Michelsens Charaktere scheinen die erotischen Grenzverschiebungen und moralischen Erosionen stets erstaunt selbst zur Kenntnis zu nehmen. Bin ich das? Ja, das bin ich wirklich.

Und das trägt nun eben auch über ihre Klatten-Interpretation. Da beobachtet jemand den eigenen Absturz, da gibt sich jemand einer abgedroschenen Verführung hin, obwohl doch vollkommen durchschaubar ist, dass es eben eine abgedroschene Verführung ist. Michelsen liefert mit ihrer Darstellung ein Meisterwerk der Ambivalenz: Wir sehen eine Frau, die auch im Kontrollverlust die Kontrolle wahrt.


"In der Falle", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD



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insgesamt 22 Beiträge
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tigranes 10.11.2015
1. Michelsen - der stille Star
Würde mich nicht wundern, wenn Suanne Klatten am Mittwoch den Fernseher einschaltet und ihrem alter ego zuschaut. Noch weniger verwunderlich wäre es, wenn sie aus dem Gefühl der Bewunderung heraus Michelsen zu sich einlüde und mit ihr über die Rolle und das Leben spräche. Es wäre ein emotionales, aufwühlendes Gespräch. Und Michelsen, davon bin ich überzeugt, würde davon kein Sterbenswörtchen an den Boulevard weiterleiten.
spiegelfrauchen 10.11.2015
2. Die Seele , das Herz , der Körper
der Frau waren bedürftig und allein . Geborgenheit , warmherzige Zuwendung und exklusive Leidenschaft kann eben nicht kaufen . Diese Multi.........was auch immer Frauen sind trotz allem nur Frauen , die nach Liebe suchen . Einfach irgendwie arm .
archi47 10.11.2015
3. Er erzählt ein Verlangen,
das wohl auch der Einsamkeit geschuldet ist, die sich in Beziehungen entwickeln können. Ob es kulturelle Divergenzen, Gefühle oder einfach nur physisch/psychische Nähe ist, nichts hält auf Dauer engen ursprünglichen Ansprüchen an eine Beziehung stand, wenn sie zu hoch waren. Gerade wenn man alles hat, kaufen kann man Zärtlichkeit und Zuneigung schlußendlich auf Dauer nicht. Es ist schon nach dem Augenblick, dann ist dieser schon Vergangenheit. Es ist eben danach nur dann etwas gewonnen, wenn sich Intellekte begegnen, die sich gegenseitig dauerhaft was geben können. Ohne "Kopfkino", und dem guten Gedanken, auch wenn man sich ferne ist, ist das Leben arm. Es bedarf dazu nicht der "Exklusivität" einer Ehe. Und - man muß sich zuerst selbst mögen, damit man anderen was geben kann...
leserin_20151115 10.11.2015
4. Wo bleibt die Gleichbehandlung von Mann und Frau?
"einer Frau am Rande der Selbstaufgabe"? Würden Sie das bei einem Mann nach einer Affäre ebenso schreiben? Ich finde Frau Klatten eine extrem starke und mutige Frau. Diese Aspekte fehlen mir hier.
archi47 10.11.2015
5. klingt wie ein Empfehlungsschreiben
Zitat von tigranesWürde mich nicht wundern, wenn Suanne Klatten am Mittwoch den Fernseher einschaltet und ihrem alter ego zuschaut. Noch weniger verwunderlich wäre es, wenn sie aus dem Gefühl der Bewunderung heraus Michelsen zu sich einlüde und mit ihr über die Rolle und das Leben spräche. Es wäre ein emotionales, aufwühlendes Gespräch. Und Michelsen, davon bin ich überzeugt, würde davon kein Sterbenswörtchen an den Boulevard weiterleiten.
Ich denke aber nicht, daß kluge Menschen eine Fehler ein zweites Mal begehen. Insoweit sollte man sich vom Boulevard in jeder Form dabei eher fern halten...
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