Info-Offensive der ARD: Quote machen mit Lidl, McDonald's, H&M

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Das Erste auf dem Verbraucherschutz-Trip: Mit der Reihe "Marken-Check" über Lidl oder McDonald's fährt die ARD Top-Quoten ein. Trotzdem will der Programmchef seinem Publikum lieber nicht zu viele konfrontative Reportagen zur Primetime zumuten. Eine Entscheidung gegen die Zuschauer.

Verbraucherschutz-Dokus im Ersten: Billigheimer im Visier Fotos
WDR

Es röhrt das Kamel, es faucht der Tiger, es jubiliert das Herz des Tierfreundes. Wer bislang am Montag zur besten Sendezeit nach der "Tagesschau" das Erste einschaltete, wurde in die schönsten Naturwelten zwischen der Sahara und dem Himalaja entführt. Die Aufnahmen dieser Produktionen waren oft sensationell, die Kommentare zuweilen poetisch, doch ach: Fern erschien die deutsche Wirklichkeit.

Dabei hatte ARD-Programmdirektor Volker Herres doch versprochen, die große Programmreform vor einem halben Jahr auch dafür zu nutzen, mehr gesellschaftsrelevante Dokumentationen zu zeigen. Fünf Talkshows laufen seit August im Ersten; Mutmaßungen, darunter könnten Info-Formate leiden, trat er stets energisch entgegen. Im Gegenteil, man habe demnächst sogar noch mehr Platz für brisante Dokus und Reportagen. Kritiker versuchte Herres mit komplizierten Rechenmodellen von seiner Info-Offensive zu überzeugen. Wenn man dann am Montag zur Primetime die ARD einschaltete, liefen dort dann doch nur Naturaufnahmen.

Damit ist jetzt kurzzeitig Schluss. Momentan sendet das Erste zur Primetime am Montag Reportagen, die die Zuschauer kritisch mit jenen Konzernen konfrontiert, bei denen der Großteil von ihnen sein Geld lässt: Erst knöpfte man sich in der Reihe "Marken-Check" den Discounter Lidl vor, dann den Fast-Food-Konzern McDonald's, am nächsten Montag geht es um den Textilriesen H&M. Die Informationen waren zum Teil zwar nur mäßig brisant, setzten beim Zielpublikum aber offensichtlich Reflektionen übers eigene Konsumverhalten in Gang. Das Ergebnis: sensationelle 6,3 Millionen Menschen schauten beim "Lidl-Check" zu, 5,2 Millionen beim "McDonalds-Check". Besonders erfreulich für die ARD: der hohe Anteil an jungen Zuschauern. Beim McDonald's-Bashing waren es 2,2 Millionen 14- bis 49-Jährige, das entspricht einem Marktanteil von 16,7 Prozent. So viele Zuschauer erreicht das Erste sonst nur höchst selten in dieser Altersgruppe.

Plasberg bekommt eine Quoten-Rampe

ARD-Programmchef Herres ist über den Publikumserfolg selbst ganz hin und weg: "Erwartet habe ich es nicht", gibt er auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu. "Aber gehofft schon. Wenn man den Statistiken Glauben schenken darf, kaufen 80 Prozent der Deutschen bei Discountern. Hier geht es also um 'Alltag', um gelebte Erfahrung. Es ist die persönliche Betroffenheit des Publikums, die zieht."

Als angenehmer Nebeneffekt des Quotenerfolgs stellt sich nun auch eine Aufwertung für den Talk-Gastgeber Frank Plasberg ein. In direkter Folge auf den neuen ARD-Liebling Günther Jauch am Sonntag litt er auf dem Montagprogrammplatz am meisten unter der Talk-Rochade. Die "Marken-Checks" entpuppen sich da als ideale Rampe für seine eigene Sendung - sowohl inhaltlich als auch das Publikumsinteresse betreffend.

Am Montag fuhr er mit einer Diskussion zur deutschen Burger-Kultur extrem hohe Quoten ein, gerade auch bei den jungen Zuschauern. Plasberg gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Auf dem alten Sendeplatz am Mittwoch um 21.45 Uhr hat das ja auch schon mit Top-Quoten bestens funktioniert: erst der brisante TV-Film, dann die journalistische Weiterführung bei 'Hart aber fair'. Da knüpfen wir jetzt gerne montags an."

Schade für Plasberg, dass es sich bei der Verbraucherschutz-Initiative der ARD offensichtlich nur um einen kurzen Info-Frühling handelt; zu einer ständigen Einrichtung sollen die "Marken-Checks" oder ähnliche Formate in der Montagsprimetime jedenfalls nicht werden. Auf diesem Programmplatz präsentiert man nach dem Willen von Volker Herres auch weiterhin betörende Bilderbögen für den Naturfreund.

Konfrontation ja - aber bitte nicht zur Primetime

Brisante Formate sollen vor allem zu anderer Zeit laufen - dann aber reichlich. "Unter dem Label 'Die Story'", so Herres, "senden wir montags um 22.45 Uhr politisch hoch relevante Themen: in Kürze etwa eine Dokumentation über Wladimir Putin vor den russischen Präsidentschaftswahlen. Oder über das Phänomen Facebook vor dessen Börsengang. Oder über die Macht der 'Bild'-Zeitung".

Dem "Bild"-Film wird allerdings der Ruch anhaften, lediglich eine Retourkutsche für die Berichterstattung des Springer-Blattes zur Gebührendebatte zu sein. Davon abgesehen: Im vergangenen Jahr hat die ARD tatsächlich mit einer Reihe pointierter Reportagen aus der Reihe "ARD-exclusiv", die auf Konfrontationskurs mit Politik und Industrie gingen, öffentlich-rechtliches Fernsehen in seiner besten Form geliefert. Herres verspricht, dass es eine Fortsetzung dieser extrem unbequemen Reportage-Reihe geben soll. Offensichtlich hat das Erste eine Menge Potential für starke konfrontative Dokus - allerdings nicht so viele richtig starke konfrontative Sendeplätze.

Oder vielleicht doch? An vier Werktagen laufen auf der 20.15-Uhr-Schiene ausschließlich fiktionale Formate, könnte man da nicht irgendwo zwischen der Nonnen-Soap "Um Himmels Willen" am Dienstag und dem Badelatschen-Schmonzes "Das Traumhotel" am Freitag in der Primetime ein kleines Plätzchen für ein Info-Format finden? Wie wäre es zum Beispiel, wenn man sich einfach von den B-Krimis, die den Donnerstagabend verstopfen, freimachte?

Da dämpft der Programmdirektor lieber schnell allzu hohe Erwartungen: "Nun haben wir ja die Primetime bereits am Montag ein Stück weit für härtere Information geöffnet", so Herres. "Aber auch Fiktionales und Unterhaltungssendungen brauchen gute Sendeplätze. Großflächige Veränderungen sind nicht geplant."

Ab übernächster Woche ist dann also erst mal wieder alles wie gehabt in der ARD-Primetime am Montag. Dann röhrt wieder das Kamel.


"Der H&M-Check", Montag, 23. Januar, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 43 Beiträge
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1. ...
nixkapital 17.01.2012
Zitat von sysopDas Erste auf dem Verbraucherschutz-Trip: Mit der Reihe "Marken-Check" über Lidl oder McDonald's*fährt die ARD Top-Quoten ein. Trotzdem will*der Programmchef*seinem Publikum*lieber nicht zu viele konfrontative Reportagen zur Primetime zumuten. Eine Entscheidung gegen*die Zuschauer. Info-Offensive*der ARD: Quote machen mit Lidl, McDonald's, H&M - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,809345,00.html)
...ich habe immer noch nicht verstanden, warum die Öffentlich-Rechtlichen auf die Quote starren, wie das Kaninchen auf die Schlange. Die könnten sich doch von der Zielgruppen-Anbiederung zwecks Werbegeld-Akquise freimachen und abseits von Dschungelcamp & Co gutes Fernsehen machen
2. schwach
eldani 17.01.2012
Zitat von sysopDas Erste auf dem Verbraucherschutz-Trip: Mit der Reihe "Marken-Check" über Lidl oder McDonald's*fährt die ARD Top-Quoten ein. Trotzdem will*der Programmchef*seinem Publikum*lieber nicht zu viele konfrontative Reportagen zur Primetime zumuten. Eine Entscheidung gegen*die Zuschauer. Info-Offensive*der ARD: Quote machen mit Lidl, McDonald's, H&M - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,809345,00.html)
die Sendung über McDoof war absolut schwach. Sie strotze vor Binsenwahrheiten und dämlichen Plattitüden. Im Kern zwar stimmig, aber ansonsten echt platt. Und ein Nischenkonkurrent wie "Joes Champs" (oder wie der hiess) ist nun wirklich an Dämlichkeit nicht zu überbieten. Soll der geneigte Zuschauer wirklich 600 km fahren, um das zu prüfen?
3.
g0r3 17.01.2012
Zitat von nixkapital...ich habe immer noch nicht verstanden, warum die Öffentlich-Rechtlichen auf die Quote starren, wie das Kaninchen auf die Schlange. Die könnten sich doch von der Zielgruppen-Anbiederung zwecks Werbegeld-Akquise freimachen und abseits von Dschungelcamp & Co gutes Fernsehen machen
Naja, die Sinnhaftigkeit eines ÖR-Rundfunks, den niemand sieht/hört, ist wohl zu bezweifeln. Außerdem traue ich den Menschen dort locker soviel Ehrgeiz zu, dass sie Sendungen machen und bringen wollen, die dem Zuschauer gefällt.
4. Kompliment
Herzbubi 17.01.2012
Zitat von sysopDas Erste auf dem Verbraucherschutz-Trip: Mit der Reihe "Marken-Check" über Lidl oder McDonald's*fährt die ARD Top-Quoten ein. Trotzdem will*der Programmchef*seinem Publikum*lieber nicht zu viele konfrontative Reportagen zur Primetime zumuten. Eine Entscheidung gegen*die Zuschauer. Info-Offensive*der ARD: Quote machen mit Lidl, McDonald's, H&M - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,809345,00.html)
Sicher sind die Dokus noch steigerungsfähig. Aber ich bewundere die Journalisten für ihren Mut zu der kritischer Berichterstattung. Schlieslich sind das ja auch ihre Werbekunden. Aber da hat das Erste ja wohl auch mehr Freiheiten.
5. Rechtschreibung
EricSch 17.01.2012
Das Wort "Reflektionen" gibt es nicht!
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