Umstrittene Netflix-Serie "Insatiable" Völlig aus der Spur

In "Insatiable" avanciert eine Teenagerin von der gemobbten Dicken zur schlanken Schönheitswettbewerb-Kandidatin. Die Sexismuskritik an der Netflix-Serie fiel heftig aus. Ist sie auch berechtigt?

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Die erste Staffel war noch gar nicht abrufbar, da galt "Insatiable" schon als kontrovers. Die Netflix-Serie erzählt von der 17-jährigen Patty, die nach einer Kieferverletzung nichts essen kann und deshalb von der gehänselten Dicken zur Schönheitswettbewerb-Kandidatin wird. Der Serie wurde daraufhin ein Frauenbild vorgeworfen, bei dem nur die Dünne wertvoll ist und ein Recht auf Freunde, Selbstbestimmung und Liebe hat. Eine Onlinepetition, die den Streamingdienst aufforderte, "Insatiable" nicht online zu stellen, unterschrieben bislang 231.000 Menschen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte niemand mehr von "Insatiable" gesehen als eineinhalb Minuten Trailer. In denen wurde Patty zwar einerseits als dicke Leidende stereotypisiert, die erst nach dem Gewichtsverlust das eigene Schicksal in die Hand nimmt. Andererseits deutete sich auch an, dass ihre Selbstermächtigung nicht zwingend eine ist, die man sich für sich selbst wünscht.

Auch wegen dieser ärgerlichen Aufschreiautomatik hätte man sich gewünscht, dass "Insatiable" tatsächlich doch die smarte Satire auf Schönheitswahn wäre, als die "Netflix" sie bewarb. Problem aber: Man kann auch nach 250 Minuten niemandem aufrichtig raten, die Serie zu gucken. Wobei das nicht so sehr mit gefährlichen Schönheitsidealen zu tun hat: "Insatiable" ist einfach so schlecht, dass am Ende ohnehin jede Haltung in unfreiwilligem Screwball-Anarchismus untergeht.

Patty rhababert zwar manchmal von der "Magie des Dünnseins" und zügelt sich, wenn sie aus alter Gewohnheit doch wieder zur Chipstüte greift. Aber es bleibt rätselhaft, was sie im Kern ausmacht. Als Dicke (wo sie sich plötzlich mit Prügeln gegen die Diskriminierung wehrt) genauso wie als Dünne. Weil sie mal aufmüpfig agiert, mal gemeingefährlich, mal aufrichtig, dann wieder manipulativ, ist völlig unklar, wie sie eigentlich gemeint ist. Zählt Charakter auch dann mehr als Aussehen, wenn man gar keinen hat? Mit Sicherheit weiß man die ganze Zeit nur, dass man auf keinen Fall so sein will wie sie.

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Serie "Insatiable": Plötzlich Prinzessin?

Die anderen Figuren sind ähnlich. Innerlich flach, äußerlich überdreht: Da ist die Ehefrau von Pattys Misswahlen-Coach, die die eigene Trailerparkherkunft negiert und ihre drei Neffen als "Crack-Babys" bezeichnet, aber sich - richtig schön White Trash halt - vor den Augen ihrer Upperclassnachbarn mit der Schwester prügelt.

Da ist auch die schwarze, selbstbewusste, dicke Queere. Sie wird als Nebenfigur darauf reduziert, ab und an weise Tipps für den Hauptcast zu geben. Sie werden tatsächlich dringend benötigt, verfolgen die Hauptfiguren doch am ehesten das sehr handlungstreibende, aber schnell ausgeleierte Prinzip, vor allem an die eigenen Interessen zu denken. Sehr häufig werfen alle ihrem Gegenüber vor, nur an sich zu denken, um dann selbst so richtig breit über dessen Gefühle zu trampeln.

Völlig aus der Spur geraten

Dazu kommt ein Plotfüllhorn, das dicht getaktet abseitige Twists über die Zuschauer ausschüttet. Schon nach wenigen Folgen kann man lauter irre Sätze sagen, die denen ähneln, mit denen man früher Vorabendserien zusammengefasst hat - nur, dass die verbotene Liebe hier völlig aus der Spur geraten ist: "Das ist die böse Mutter von Dixie, sie hat behauptet, dass Bob ein Pädophiler ist und so seine Karriere als Misswahl-Coach beendet. In Wirklichkeit aber hat sie selbst mit dessen Sohn geschlafen. Jetzt sitzt sie deshalb im Gefängnis und hat was mit ihrer Zelleninsassin, damit die sie sich in Pattys Handy einhackt." Das ist ärgerlicher Quark, der Pädophilie verharmlost - und bringt auf den Punkt, wie gedankenlos hier Spektakel betrieben wird.

Ganz selten nur scheint bei "Insatiable" die Chance auf, mit Stereotypen klug zu spielen, statt sie lieblos hinzuwerfen und dann zu gucken, was passiert. Etwa bei Pattys Misswahlen-Coach Bob, der sich jeden Morgen "wie ein Krieger" mit Make-Up und Toupet ausstaffiert - eine ganz interessante Männerfigur.

Ist "Insatiable" also doch wie ein feistes Mac'n'Cheese, das gerade noch den Anstand wahrt, weil es mit Parmesan statt mit orangem Tubencheddar verfeinert wurde? Vielleicht.

Vielleicht ist ein Charakter wie Bob aber auch nur das jazzende Glutamat in einer Soße, die über eine Geschmacklosigkeit gerade noch solange irgendwie hinwegtröstet, bis es längst zu spät ist. "Anstatt meine Träume zu leben, habe ich sie gegessen", sagt Patty irgendwann in einer von X seltsamen Rhetorikvolten. Nach 250 Minuten "Insatiable" sind die Nudeln alle, der Bauch ist viel zu schwer und man kann nicht fassen, was das hier gerade war. Satt aber ist man nicht.


Die erste Staffel "Insatiable" ist bei Netflix abrufbar.

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insgesamt 13 Beiträge
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Shismar 14.08.2018
1. Erste Folge war meine letzte Folge.
Zuviel Quatsch und zu dick aufgetragen. Ich dachte, das sei auch der ersten Folge geschuldet, die ja zunächst mal die Bühne bereiten und die Figuren einführen muss. Der Kritik zufolge geht es dann aber in dem Stil weiter. Aber tatsächlich hatte ich schon nach Anschauen der ersten Folge entschieden: Nichts für mich.
frankunderwood 14.08.2018
2. Regt euch ab!
Wie man sein eigenes Weltbild oder sich selbst durch eine TV-Serie in Gefahr sieht, ist mir ein Rätsel. Die Aufregung ist heuchlerisch, weil es nur das fehlende Selbstvertrauen der Kritiker offenbart und keine wirkliche Kritik an der Serie ist. Ich bin der Meinung, dass weder Dicke noch Schlanke stolz auf sich sein können nachdem sie den Fernseher abgeschaltet haben. Insatiable nimmt die fetten Schweine, sozial prekäre und die Hungerhaken mit zu viel Make Up gleichermaßen aufs Korn. Mir gefällte, ich habe herzhaft gelacht und fühle mich großartig unterhalten. Weiter so Netflix!?
asentreu 14.08.2018
3. Sehe ich anders
Die Serie ist verdammt gut: böse bis zur Schmerzgrenze, manchmal ein bissl klamaukig und einfach komplett pc-befreit. Einfach gute, fiese Unterhaltung. Einfach antesten, wenn man nicht gesinnungsversteinert ist.
Erythronium2 14.08.2018
4.
Amerikanische Komödien sind nun mal nicht jedermanns Sache. Bei der hochgelobten Serie "Big Bang Theory" kam ich nicht über die ersten fünf Minuten hinaus, weil ich Witze mit begleitenden unsichtbaren Lachern albern finde. Die Schauspieler bei "Insatiable" fand ich gar nicht so übel und habe mir eine ganze Reihe von Folgen. Aber die Gags sind halt oft ziemlich primitiv ausgefallen. Schade!
Aberlour A ' Bunadh 14.08.2018
5. Na ja
Ich muss zugeben, dass ich hier nur den Trailer gesehen habe. Sieht verdächtig nach Unterschichtenfernsehen für schlichte Gemüter aus. Dagegen scheinen die "Eisprinzen" wie oscar-prämiertes Kulturgut für Hochgebildete.
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