Insel-Western im ZDF Ein Friese kriegt die Krise

"High Noon" an der Nordsee: In "Mörder auf Amrum" legt sich ein Hilfssheriff mit der Russenmafia an. Dem ZDF gelingt damit ein hervorragender Krimi - und eine weitere fiktionale Fördermaßnahme, um abgelegene Winkel Deutschlands auf die Fernsehlandkarte zu bringen.

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Tod im Priel: So blutig ist das Friesland
Der Bestatter ist pleite. Auf Amrum lässt sich mit Beerdigungen einfach nichts verdienen. "Weil sich", so der Totengräber, "Touristen ja nur überführen lassen, nicht beerdigen." Der Korn tut ein Übriges, um sein Geschäft zu ruinieren. Deshalb ist Alkoholiker und Friedhofsmann Riemann (Hermann Beyer) auch der einzige, der sich nicht ängstlich in sein Reetdachhaus verkriecht, als auf der Insel ein kleiner Trupp der Russenmafia einfällt: Endlich ist mal was los, endlich ist mal was zu verdienen.

Und Polizeimeister Vogt (Hinnerk Schönemann) freut sich wirklich über jeden Mann, der ihm im Kampf gegen Auftragskiller Kerensky (Roeland Wiesnekker) zur Seite steht. Der ist mit seinen Leuten nach Amrum gekommen, um hier eine vom BKA versteckte Zeugin aus dem Weg zu schaffen. Erst werden die Beamten des Schutzprogramms getötet, dann der Vorgesetzte des Inselpolizisten. Zum Showdown steht Vogt fast ganz alleine dar. Die Freunde lassen sich verleugnen, nur Bestatter Riemann gibt ihm mit Schnapsflasche und Schrotflinte Rückendeckung.

"High Noon" an der Nordsee: Der ZDF-Krimi "Mörder auf Amrum" ist eine so komische wie karge Friesen-Variation auf Fred Zinnemanns berühmten Western geworden. Wie einst Gary Cooper sieht auch Schönemann in der Rolle des Gesetzeshüters die Solidargemeinschaft gefährlich bröckeln. Wie Cooper muss auch er als eigentlich betulicher Dorfsheriff beim Töten Tempo entwickeln. Den nötigen Zorn für das blutige Unterfangen entwickelt der Fischkopp durch die Beleidigungen seiner Heimat Amrum, mit der ihn Duellant Kerensky am Handy herausfordert. Das klingt bei Vogt an seinen arroganten Gegner gerichtet dann so: "Sie sind ne arme Sau - und Sie haben keinen Blick für Landschaften."

Die Redakteure des Montagskrimis im ZDF indes besitzen diesen Blick für Landschaften. Für ihre Filme lenken sie die Aufmerksamkeit der Zuschauer häufig in abgelegene Winkel des Landes, wo man Mord und Totschlag nicht unbedingt für regelmäßige Tagesordnungspunkte hält. Sehr löblich - nur an den wenig variierenden Titeln muss die Redaktion wirklich noch mal arbeiten.

Bauer liebt Gummipuppe

Ob Schleswig, Stralsund oder jüngst das Wendland ( "Ein Dorf sieht Mord") - auf den ersten Blick wenig brisant erscheinende Regionen werden beim Zweiten als Krimi-Setting präsentiert und auf die Fernsehlandkarte gebracht. Fiktionale Strukturförderung darf man das wohl nennen: Auf einmal erschließen sich dem Beobachter Provinzen und Urlaubsparadiese ganz neu.

So eben auch in "Mörder auf Amrum", bei dem die Priele am Strand zum Ertränken genutzt werden und sich der Himmel über dem Meer bedrohlich schwarz zusammenzieht. Die Rigorosität in der Darstellung des Tötens haben die Macher offensichtlich aus den Western von Anthony Mann ("Nackte Gewalt"), die Panoramaaufnahmen orientieren sich an denen von John Ford ("Der schwarze Falke"). Trotz solch weihevoller Verweise an die Großmeister des Genres stellt sich über Strecken eine groteske Komik im friesischen Soziogramm ein. Etwa durch eine voyeuristische Postbeamtin (die 2009 verstorbene Barbara Rudnik in ihrer letzten Rolle) oder einen in eine Gummipuppe verliebten Bauern.

Schon vor drei Jahren hatten Regisseur Markus Imboden und Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt mit Hauptdarsteller Schönemann in Schleswig-Holstein einen Provinzwestern für das ZDF gedreht: Auch in "Mörderische Erpressung" feudelte Schönemann als Hilfssheriff erst in freundlicher Einfalt die Polizeistation, um schließlich kriminalistisch ganz groß reine zu machen. In der zweiten norddeutschen Neo-Western-Variante entwickelt das eingespielte Team nun bei allen ironischen Brechungen einen für die Primetime erstaunlich blutigen Beschützer-Thriller.

Lassen Sie sich nicht von Hinnerk Schönemanns freundlicher Provinzler-Visage täuschen: Der Friese in der Krise, er ist zu allem fähig.


"Mörder auf Amrum", Montag 20.15 Uhr, ZDF



insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
suum.cuique 11.01.2010
1. Gez
Mittlerweile ist dem ZDF auch kein Thema zu bloede/unrealistisch um es ueber den Bildschirm flimmern zu lassen. Und dafuer zahlen die Leute in Deutschland auch noch GEZ. Klar, und alle rennen mit Knarre rum...
seine_unermesslichkeit 11.01.2010
2. ...
Zitat von sysop"High Noon" an der Nordsee: In "Mörder auf Amrum" legt sich ein Hilfssheriff mit der Russenmafia an. Dem ZDF gelingt damit ein hervorragender Krimi - und eine weitere fiktionale Fördermaßnahme, um abgelegene Winkel Deutschlands auf die Fernsehlandkarte zu bringen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,671154,00.html
Na, da dürfen wir ja gespannt sein. Auf dem deutschen Eiland werden die Deutschen es den Russen hoffentlich so richtig besorgen!
Methusalixchen 11.01.2010
3. die erwähnten Gräben ...
... haben mit dem Geschirrspülmittel noch nicht mal den Namen gemein, denn sie heißen "Priele" mit zwei "e" ;-))
dieweltsehen 11.01.2010
4. Landkarte des Fernsehens
Egal, wie man über Qualität der Fernsehproduktionen denkt, so finde ich es immer schön, Ecken von Deutschland und der Welt 'nebenbei' etwas kennenzulernen. Mich interessiert der Zusammenhang von Orten mit Medienprodukten wie Filmen und Romanen und wie daraus Klischees und Bilder von Orten entstehen, an denen man noch nie gewesen ist. Daher habe ich meine Diplomarbeit diesem Thema gewidmet. Dabei ist ein Webatlas (http://www.dieweltsehen.de) entstanden, in man nachsehen kann, welche Filme/Romane in welchen Städten spielen oder gedreht wurden. Ganz spannend zu sehen, wo James Bond schon überall war ... ;)
dieweltsehen 11.01.2010
5. Landkarte des Fernsehens
Egal, wie man über Qualität der Fernsehproduktionen denkt, so finde ich es immer schön, Ecken von Deutschland und der Welt 'nebenbei' etwas kennenzulernen. Mich interessiert der Zusammenhang von Orten mit Medienprodukten wie Filmen und Romanen und wie daraus Klischees und Bilder von Orten entstehen, an denen man noch nie gewesen ist. Daher habe ich meine Diplomarbeit diesem Thema gewidmet. Dabei ist ein Webatlas (http://www.dieweltsehen.de) entstanden, in man nachsehen kann, welche Filme/Romane in welchen Städten spielen oder gedreht wurden. Ganz spannend zu sehen, wo James Bond schon überall war ... ;)
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