Internet-Debatte bei Illner Wo Nazis lauern und Weisheit wartet

Hitler, Kinderschänder, Datenräuber: "Wie gefährlich ist das Internet?", fragte Maybrit Illner und hoffte auf eine brisante Debatte. Doch die Gäste konnten mit den Klischees erfreulich wenig anfangen - selbst vermeintliche Online-Kritiker wie FAZ-Herausgeber Schirrmacher bejubelten die Weisheit des Webs.

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Moderatorin Illner: Für den Google-Sprecher wurde es ungemütlich
ZDF

Moderatorin Illner: Für den Google-Sprecher wurde es ungemütlich


Über folgende Themen wird in deutschen Talkshows eher selten gesprochen: "Todesmaschine, Umweltzerstörer, Lärmbelästigung - wie gefährlich ist das Auto?" Oder: "Umfrageterror, Drohanrufe, Vereinzelung - wie gefährlich ist das Telefon?" Und trotzdem lautete das Thema der Sendung von Maybrit Illner am Donnerstagabend: "Ausgespäht und abgezockt - wie gefährlich ist das Internet?"

Es geht also offenbar doch.

Das Internet ist das zweifellos komplexeste Kommunikationswerkzeug in der Geschichte der Menschheit. Seine Auswirkungen auf unser aller Leben in gut einer Stunde mal eben durchzusprechen, ist eine verwegene Idee. Die Illner-Redaktion hielt sie trotzdem für gut.

Es diskutierten: Verbraucherschutzministerin, Google- und Facebook-Kritikerin Ilse Aigner (CSU); Google-Sprecher Kay Oberbeck; Frank Schirrmacher, FAZ-Mitherausgeber und Bestsellerautor; Constanze Kurz, Informatikerin, Mitglied des Chaos Computer Clubs. Und Andrea Kiewel, Mutter zweier Kinder und Moderatorin des "ZDF-Fernsehgartens", einer Fernsehsendung für Senioren, und damit in den Augen des ZDF offenbar so etwas wie eine personifizierte Stimme des Volkes. Für einen späten Zwischenruf hatte man noch Ibrahim Evsan, Gründer der Web-Plattform Sevenload, eingeladen (von Illner beharrlich mit "Esvan" angesprochen). Der beklagte, es gebe hierzulande in Wirtschaft und Politik nicht genug Interesse für das neue Medium, deshalb drohe Deutschland, den Anschluss zu verlieren.

Selbsterfundene SMS-Sprache

Gesprochen wurde dann über: Pornografie, Weisheit, Andrea Kiewels selbsterfundene SMS-Sprache, die Geschäftsbedingungen von Facebook, Multitasking, den Handygebrauch der Tochter von Google-Sprecher Oberbeck, Öffentlichkeit in totalitären Systemen, deutsche Wirtschaftspolitik, das Video, das die Tötung von Zivilisten durch US-Soldaten im Irak zeigt, die Medienkrise, Datenschutz, staatliche Überwachung, Google Buzz, die Vorhersagekraft der modernen Wissenschaft, die Segnungen der Meditation. Und noch viel mehr.

Das Konzept der Sendung bestand offenbar darin, mit verteilten Rollen alle Debatten, die als Folge der Weltveränderungsmaschine Internet aufkommen, im Schnellvorlauf einmal durchzuspielen - was erwartungsgemäß misslang. Eine allzu holzschnittartige Vorgabe scheiterte an im Schnitt allzu differenziert argumentierenden Gästen.

Erfolgreich war man dagegen vermutlich in anderer Hinsicht. So dürfte das ZDF-Stammpublikum nach Sicht der Sendung annehmen, dass das, was die jungen Leute da machen mit diesem Internet, ganz schön gefährlich ist - auch wenn man es jetzt immer noch nicht besser versteht. Auf der anderen Seite ist es gelungen, die twitternde Netzgemeinde, die immer ganz aufmerksam hinschaut, wenn es um "ihr" Thema geht, auf die Palme zu bringen. Das war sogar messbar. In Spitzenzeiten gingen zig Tweets pro Minute zur Sendung ein. Die überwiegende Mehrzahl äußerte sich empört. "Nach der Sendung sehe ich die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens viel düsterer als die Zukunft des Internets" war der bei Twitter meistwiederholte Kommentar. Dabei gab es eigentlich nicht einmal Grund zur Aufregung.

Google schlicht nicht benutzen

Auch, weil sich nicht alle Teilnehmer so recht an die ihnen zugedachten Rollen halten wollten. Frank Schirrmacher etwa, der mit "Payback" ein Buch geschrieben hat, das von vielen fälschlicherweise als Fundamentalkritik am Netz an sich interpretiert wird, wollte nicht den Internetverächter geben. Schirrmachers Deutung seines eigenen Buches wandelt sich von Situation zu Situation - diesmal schwelgte er geradezu, sprach davon, dass das Netz eine "unfassbare Quelle von Wissen, Kenntnissen, sogar Weisheit" sei, "ein Segen". Natürlich gebe es aber auch "eine andere Seite": konzentrationszerstörendes Multitasking, die wachsende Macht der Datenkonzerne wie Google und Facebook und die - Schirrmachers Meinung zufolge - wachsende Vorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens.

Neben ihm saß Constanze Kurz vom Chaos Computer Club. Die ist nicht nur designiertes Mitglied der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft", sondern derzeit auch sonst im Dauereinsatz, vom Verfassungsgericht bis hin zu Kamingesprächen mit der Union. Die Hackerin und der Herausgeber waren, was manchen Zuschauer vielleicht überraschte, häufig einer Meinung. Schirrmacher hat sie vor paar Wochen als FAZ-Kolumnistin engagiert.

Überhaupt herrschte eine geradezu verblüffende Einigkeit in der Runde, trotz, oder vielleicht wegen des atemberaubenden Tempos, in dem es von einem Thema zum nächsten ging.

Einzig für Google-Sprecher Oberbeck wurde es zwischendurch ein bisschen ungemütlich: Schirrmacher, Kurz und Verbraucherministern Ilse Aigner (CSU) setzten ihm zu, warfen Datenschutzfragen auf - Kurz erklärte sogar, sie benutze Google schlicht nicht, es gebe ja Alternativen.

"Mein Kampf" herunterladen

Aber Illners berechtigter Frage, in welcher Form Daten aus unterschiedlichen Diensten über einzelne Google-Nutzer kombiniert, miteinander verknüpft werden, wich Oberbeck dann doch elegant und ungestraft aus, sprach stattdessen von "Medienkompetenz" und "Transparenz und Kontrolle" für den Nutzer. Andrea Kiewel sprang ihm bei: Suchmaschinen seien doch ein Segen, "es wäre ein Fehler, zu sagen, so was darf es nicht geben". Was natürlich auch keiner in der Runde getan hatte.

So richtig traute sich keiner aus der Deckung - außer Illners Redaktion, die in Einspielfilmen bemüht war, jedes Angstklischee über das Netz mit schön drastischen Bildern zu illustrieren. Man könne da "Mein Kampf" herunterladen, Kinderpornografie gebe es an jeder Ecke, Terroristen und Neonazis auch.

Da war die Runde selbst ungleich bedächtiger und vernünftiger - und damit eigentlich auch ziemlich langweilig. Vielleicht sollte man das ja am Ende als gutes Zeichen werten, vielleicht sind solche Abende ein kleiner Schritt von vielen in eine Zukunft, in der man auch hierzulande so wenig über "Das Internet" diskutiert wie über "Das Auto" oder "Das Telefon".

Vielleicht aber auch nicht: Das ZDF jedenfalls scheint sich zunehmend auf das Drehen des ganz großen Rades zu verlegen, wenn auch womöglich in die falsche Richtung. Im Anschluss an Illners Sendung ging es dort weiter mit Markus Lanz und dem Thema "Wiedergeburt".



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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frubi 09.04.2010
1. Google ein Segen - Kiewel eine Qual.
Zitat von sysopHitler, Kinderschänder, Datenräuber: "Wie gefährlich ist das Internet?", fragte Maybrit Illner und hoffte auf eine brisante Debatte. Doch die Gäste konnten mit den Klischees erfreulich wenig anfangen - selbst vermeintliche Online-Kritiker wie FAZ-Herausgeber Schirrmacher bejubelten die Weisheit des Webs. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,688007,00.html
Mein Gott. Wer lädt solche Nasen wie die WW-Sondergesandte Kiewel ein? Aigner, Kunz und Illner haben die "Frauenrunde" bereichert aber Kiewel hat mit ein paar Sätzen alles eingerissen. Volkes Stimme? Eher nicht. Ansonsten war es eigentlich eine gute Sendung. Das Google einen charmanten Pressemenschen schickt war absehbar. Ein bisschen mehr Druck hätte er ruhig vertragen können. Keiner hat allerdings angemerkt, wie gefährlich ein eventuelles Zusammenspiel zwischen Unternehmen wie Google und einem Staat sein kann. Google sitzt immerhin in den USA und die USA machen sich die Gesetze wie es ihnen gerade passt. Wenn der Staat an die Daten von Google kommen würde um damit die Menschen zu überwachen, dann könnte das ziemlich fatale Folgen haben. Frau Aigner hat es, glaube ich, ganz kurz angesprochen.
ich_bins, 09.04.2010
2. Kein Titel
Nazi- und Terror-Seiten findet man nur, wenn man gezielt danach sucht. Kinderporno habe ich in den letzten 20 Jahren noch nicht gefunden, man stolpert auch nicht zufällig drüber. Und "Mein Kampf" kann man in England in jedem besseren Buchladen kaufen. Was also soll die Aufregung? Ach so. Es ging dem Rentnersender mal wieder nur darum, die Sendezeit zu füllen und den "Kritikern an allem" nach dem Mund zu reden. Warum wird das nicht gleich gesagt?
1postBenutzer 09.04.2010
3. Guter Bericht von Spiegel, schlechter vom ZDF
Ich dachte bloß die ganze Zeit: Der Google Typ lacht sich doch danach ins Fäustchen.. Wem immernoch nicht klar ist das die ganzen Dienste im Internet *nicht kostenlos* sind, sondern man mit seinen Informationen bezahlt, braucht bei so einer Diskussion eigentlich nicht mit dabei zu sein. Und die Zwischeneinblendung "Wie gefährlich ist das Internet" war ja wohl total lächerlich. Klar kann ich mir Mein Kampf und was weiß ich nicht ohne Probleme besorgen, aber da reichen nicht ganz "wenige Klicks" aus. All die Probleme die das Internet heute hat kann man nicht durch "technische Barrieren" lösen - dafür ist es einfach zu Weltübergreifend und jedes Ziel ist erreichbar, wenn auch über Umwege. Nur Aufklärung hilft. Das einzige Möglichkeit den riesigen Datenkraken den Hahn langsam abzudrehen wäre durch Korrumpierung der bestehenden Daten. Momentan können die doch alle davon ausgehen das vielleicht 90% der Daten (wenn nicht mehr) auch korrekt sind. Wie wärs? Fake Google, Twitter, MySpace, Facebook, StudiVZ etc. Accounts die stetig durch Bots betrieben werden und nicht von anderen Menschen unterscheidbar wären? Freiwillig hören die großen Datensammler doch nicht auf mit Speichern - aber wenn die hälfte davon wertlos ist?... Warum kann ich nicht die meißten Dienste Anonym nutzen? Warum darf ich auch hier bei Spiegel nicht anonym posten? Ist ja nicht so als ob das nicht durch starke Captcha Technologie nicht möglich wäre...
Chinasky, 09.04.2010
4. Anscheinend nix verpaßt
Hatte gestern abends noch überlegt, ob ich nicht mal via Zattoo reinschalten sollte in die Sendung. Mich dann aber entschieden, lieber die Zeit in informativeren Fach-Foren online zu verbringen. Denn daß in einer Talk-Show im ZDF nix Substantielles zum Thema zu erfahren sein werde, war abzusehen. Tja - den SPON-Artikel überflogen und mich bestätigt gefühlt. Kritisiert werden sollten aber nicht einzelne dieser Illner&-Co-Sendungen, sondern das gesamte Format. Egal, zu welchem Thema diese Sendungen laufen - wenn man halbwegs selbst in der Materie drin steckt, kann man sicher sein, daß einem beim Angucken solcher Talk-Runden die Haare zu Berge stehen, entweder weil sachlicher Unsinn oder unerträglich langweiliger Stumpfsin darin ausgebreitet werden. Insbesondere, da der "Promi"-Faktor bei der Auswahl der Gäste regelmäßig schwerer zu wiegen scheint als deren Kompetenz. Wo immer in den öffentlich-rechtlichen Anstalten das Web auch nur ansatzweise thematisiert wird, darf man sich z.B. sicher sein, daß Herr Schirrmacher gleich um die Ecke kommt - um nur mal ein Beispiel zu bringen.
marks & spencer 09.04.2010
5. re
Es wundert mich, dass sich diese Blabla-Sendung überhaupt noch jemand anguckt.
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