Til Schweiger über den "Tatort": "Drei Tote in den ersten Minuten, eine Revolution"

"Tatort" mit Til Schweiger: Stirb langsam an der Waterkant Fotos
NDR

Til Schweiger läuft heiß. Im neuen Hamburger "Tatort" eifert er seinem Idol Bruce Willis nach und tritt eine Tür nach der anderen ein. Im Streitgespräch verteidigt er vollmundig seinen Haudraufermittler - und wirft der ARD vor, viel zu geizig mit ihrem Krimi-Flaggschiff zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Glückwunsch, Herr Schweiger. Nachdem Sie zu einem der mächtigsten Männer des deutschen Kinos aufgestiegen sind, machen Sie sich jetzt auch noch in der ARD breit.

Schweiger: Was soll denn das heißen?

SPIEGEL ONLINE: Ihr erster "Tatort", der nächste Woche im Ersten läuft, ist weniger ein "Tatort" als ein typischer Schweiger-Film.

Schweiger: Bitte? Der "Tatort" ist vor allem ein Film des großartigen Regisseurs Christian Alvart, dem ich mich als Schauspieler gerne anvertraut habe.

SPIEGEL ONLINE: Wir sehen den "Tatort" eher als Aufguss Ihrer Kinofilme "Schutzengel" und "Kokowääh".

Schweiger: Das ist zwar Ihr sehr gutes Recht, aber wie kommen Sie auf eine solche Behauptung?

SPIEGEL ONLINE: Nick Tschiller, der von Ihnen verkörperte Kommissar, ballert sich durch die Handlung wie Ihre Figur in "Schutzengel" und wird zugleich von den Nöten eines alleinerziehenden Vaters geplagt wie Ihre Figur in "Kokowääh". Frappierende Ähnlichkeiten, oder?

Schweiger: Kann sein. Wo Til Schweiger draufsteht, ist auch Til Schweiger drin. Natürlich habe ich die Figur des Nick Tschiller mitentwickelt, natürlich steckt in ihr meine Sicht aufs Leben, meine Ideen eines starken Charakters. Und natürlich habe ich einige Schauspieler mit ins Boot geholt, mit denen ich schon häufiger zusammengespielt habe, etwa Fahri Yardim, der meinen Partner spielt, oder Tim Wilde, der mein Vorgesetzter ist. Zwei großartige Schauspieler. Was soll daran falsch sein?

SPIEGEL ONLINE: Als der NDR bekanntgab, dass Sie TV-Kommissar werden, versprach man uns, dass wir überrascht sein würden. Wir hatten gehofft, dass es eine Brechung des ewigen Schweiger-Stenzes geben würde.

Schweiger: Schweiger-Stenz? Lustig. Ich weiß auch nicht, wer Ihnen wann, wie, was versprochen hat, ich jedenfalls habe lediglich gesagt, bei uns geht die Post ab. Und das tut es! Und zwar ordentlich! Von Bruce Willis würden Sie doch auch nicht erwarten, dass er in so einem Format seine Rolle als zögerndes, von Zweifeln geplagtes Weichei anlegt.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist "Die Hard" die richtige Referenz für einen "Tatort"?

Schweiger: Natürlich nicht, aber ich finde, uns ist mit unserem "Tatort" im deutschen Fernsehen etwas völlig Neuartiges geglückt. Wir haben mit dem Erzählmuster gebrochen. In der Regel gibt es am Anfang eine Leiche, dann wird ermittelt, wer war der Täter? Bei uns gibt es gleich zu Anfang drei Tote. In einem Akt der Selbstverteidigung erschießt Tschiller eine Bande von Mädchenhändlern. Drei Tote in den ersten Minuten, das ist eine Revolution. Ich als Zuschauer will so etwas sehen. In der Rolle des Tschillers bin ich fast immer in Bewegung. Das war mir wichtig. Ganz ehrlich, ich hatte keine Lust, in irgendeinem Revier am Computer Nummernschilder abzugleichen.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen treten Sie eine Tür nach der anderen ein.

Schweiger: Manchmal klopfe ich auch an.

Fotostrecke

9  Bilder
Til Schweiger: Vom Manta-Fahrer zum "Tatort"-Star
SPIEGEL ONLINE: NDR-Fernsehspielchef Christian Granderath, der das Projekt mit vorangetrieben hat, nennt den Hamburger "Tatort" gutes Popcorn-TV und verweist als Inspiration auf die "Lethal Weapon"-Reihe mit Mel Gibson.

Schweiger: Popcorn klingt für mich fast wie eine Entschuldigung, "Lethal Weapon" ist viel humoriger als unser "Tatort". Wir wollten einen harten, düsteren "Tatort" - bei dem man gerne auch mal schmunzeln darf.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb gibt es bei Ihnen ja auch eine hohe Leichendichte. Um eine Gruppe minderjähriger osteuropäischer Zwangsprostituierter zu retten, legt Tschiller fast jeden um, der ihm in die Quere kommt. Aber ist es nicht nachlässig, dass das Töten hier überhaupt nicht problematisiert wird?

Schweiger: Es gibt eine Szene, wo durchaus deutlich wird, welche Belastung das Töten für Tschiller bedeutet. Er sitzt vor der Staatsanwältin, die ihn wegen seiner unkonventionellen Ermittlungsmethoden vorgeladen hat. Er sagt, dass er sehr wohl ein Problem mit dem Töten hat, aber dass das eben allein sein Problem sei, das er mit niemandem zu besprechen habe.

SPIEGEL ONLINE: Reden ist nicht? Ein Schweiger legt sich nicht auf die Couch?

Schweiger: Ganz nebenbei: Schweiger spielt Tschiller - nicht mehr. Eine starke Figur braucht aber ein Geheimnis. Sehr wahrscheinlich, dass wir das Thema Töten und welche Spuren es bei Tschiller hinterlassen hat, noch mal in einer weiteren Folge aufgreifen und vertiefen. Ich mag bloß nicht dieses Rumpsychologisieren an TV-Kommissaren. Fast jeder muss heutzutage ein besonders schweres Leid tragen, um sich von den anderen abzusetzen. Hier ein Suizidgefährdeter, dort ein Alkoholiker, dort ein Kranker. Soll ich jetzt einen draufsetzen und Tschiller als Bulimiker anlegen?

SPIEGEL ONLINE: Schauen Sie den "Tatort" eigentlich auch privat?

Schweiger: Eher selten. Wenn ich mal ein bisschen Zeit habe, gehe ich ins Kino - Originalversion. Wenn ich mal ein ganzes Wochenende frei habe - was selten vorkommt - schaue ich mir eine ganze Staffel einer US-Serie an, und zwar am Stück.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb nicht vorhergesehen, was für einen Trubel Ihre Forderung auslösen würde, den legendären "Tatort"-Vorspann abzuschaffen?

Schweiger: Nein, da war ich ehrlich überrascht. Aber das war übrigens auch keine Forderung. Ich wurde nach einer Preisverleihung in heiterer Stimmung gefragt, ob es irgendwas gäbe, was ich beim "Tatort" anders machen würde. Da habe ich dann gesagt, eventuell könnte man mal den Vorspann updaten. Und dann gibt es diese riesige Welle. Dasselbe passierte, als der NDR vermeldete, dass wir den Rollennamen von Tschauder in Tschiller ändern. Mein Gott, das war zu der Zeit, als bekannt wurde, dass ganz "zufällig" die NSU-Akten beim Verfassungsschutz geschreddert worden sind. Und worüber diskutiert ganz Deutschland - oder zumindest die Medien? Über den Rollennamen eines "Tatort"-Kommissars.

SPIEGEL ONLINE: Und wie war das Arbeiten für eine öffentlich-rechtliche Anstalt? Wenn Sie als Autor, Schauspieler, Regisseur und Produzent Ihre Kinofilme drehen, steht Ihnen ja ein sehr viel höheres Budget zu Verfügung.

Schweiger: Das Budget, das die ARD normalerweise für einen "Tatort" veranschlagt, ist tatsächlich ein Problem. Am Anfang der Planungen stand die Überlegung, dass ich eventuell selbst Regie führen könnte. Ich habe es mir aber nicht zugetraut, weil ich diesen extrem engen finanziellen Rahmen beim Fernsehen noch nicht gut genug kenne. Ich habe keine Ahnung, wie man mit 22 Drehtagen und 1,3 Millionen Euro einen starken Neunzigminüter drehen soll.

SPIEGEL ONLINE: Wobei es bei Ihrem "Tatort" 24 Tage und ein paar Euro mehr waren, oder?

Schweiger: Ja, aber es gibt auch einige andere "Tatorte", denen etwas mehr Geld zur Verfügung steht. Dem Hannoveraner zum Beispiel. Das ist innerhalb der Reihe nichts Ungewöhnliches. Aber ganz ehrlich: Die paar Euro mehr bringen es auch nicht. Umso begeisterter bin ich darüber, was Regisseur Christian Alvart mit diesem "Tatort" gelungen ist: ein extrem moderner, großartig fotografierter Thriller.

SPIEGEL ONLINE: Naja, das Finale ist schon ziemlich trashig inszeniert.

Schweiger: Wie bitte?

SPIEGEL ONLINE: Gegen Ende gibt es diese Flucht auf die halbfertige Elbphilarmonie. Man hat das Gefühl, das sollte ein Bigger-than-Life-Moment werden. Leider supscht das Ganze in die Mittelmäßigkeit ab. Die Lichtverhältnisse am Tag des Drehs waren wohl eine Katastrophe.

Schweiger: Die Szene, von der Sie reden, passiert zwar nicht am Ende - unser Ende ist sensationell - aber es stimmt, dass an dem Drehtag von der Szene, die Sie beschreiben, Hamburg im Nebel versunken ist. Das war scheiße. Trotzdem funktioniert die Szene. Geiler wäre es natürlich gewesen, der NDR hätte gesagt, komm her, das ist uns so wichtig, der erste Til-Schweiger-"Tatort", da legen wir Kohle drauf und drehen das noch mal - ohne Nebel.

SPIEGEL ONLINE: Achtung, wir reden hier über Gebührengelder, Sie machen sich gerade sehr unbeliebt.

Schweiger: Bin ich gewohnt. Der "Tatort" ist das Schaufenster der ARD. Es ist die Tür zu einem jungen Publikum. Vielleicht flieg' ich jetzt gleich wieder raus, aber eins muss ich loswerden: Die haben so viel Kohle, da sollten sie ihr Flaggschiff besser ausstatten - nicht nur meinen, sondern alle "Tatorte"!


"Tatort: Willkommen in Hamburg", Sonntag, 10. März, 20.15 Uhr, ARD

Das Interview führte Christian Buß

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 190 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. hmmm...
connaught 28.02.2013
... warum werde ich die ganze Zeit in diesem Interview das Gefühl nicht los, das der Interviewende nur auf dem Interviewten einhackt und mal schaut wie er reagiert, als hätte eben jeder Interviewte irgendwas sehr sehr böses gemacht.
2. Mehr Geld für alle Tatorte?
established 28.02.2013
...einverstanden! Und dafür weniger Glückseligkeits-Geschunkel zu albernen Liedern.
3. Tatort wird leider immer unrealistischer
krautrockfreak 28.02.2013
Volle Action, extrem effekthascherische Szenen (Zeitlupe, über- oder entsättigte Farben, seltsame Geräusche...), in jedem zweiten Tatort Ermittler oder Vorgesetzte, die in den Fall verwickelt sind etc. etc. - es wird immer affiger und unrealistischer. Jeder "normale" Kommissar muss Minderwertigkeitskomplexe kriegen, wenn er Tatort sieht. Was da alles los ist, was da alles passiert.... Ne liebe ARD, manchmal ist weniger mehr und wo soll das enden?
4. Flaggschiff
kdshp 28.02.2013
Zitat von sysopNDRTil Schweiger läuft heiß. Im neuen Hamburger "Tatort" eifert er seinem Idol Bruce Willis nach und tritt eine Tür nach der anderen ein. Im Streitgespräch verteidigt er vollmundig seinen Haudrauf-Ermittler - und wirft der ARD vor, viel zu geizig mit ihrem Krimi-Flaggschiff zu sein. http://www.spiegel.de/kultur/tv/interview-mit-til-schweiger-ueber-seinen-hamburger-tatort-a-885140.html
Außer "boom bang crash" hat dieser tatort ja nicht viel zu bieten gehabt. Schon nach 25mmin habe ich umgeschaltet und besseres gefunden.
5. Bitte !
gg63 28.02.2013
Zitat von sysopNDRTil Schweiger läuft heiß. Im neuen Hamburger "Tatort" eifert er seinem Idol Bruce Willis nach und tritt eine Tür nach der anderen ein. Im Streitgespräch verteidigt er vollmundig seinen Haudrauf-Ermittler - und wirft der ARD vor, viel zu geizig mit ihrem Krimi-Flaggschiff zu sein. http://www.spiegel.de/kultur/tv/interview-mit-til-schweiger-ueber-seinen-hamburger-tatort-a-885140.html
liebe ARD, tut uns das nicht an, keine " Qualität" ala Hollywood. Und Herr Schwaiger, wenn man wo neu anfängt, bitte etwas zurückhaltender. Die Taortreihe benötigt SIE nicht, danke.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Til Schweiger
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 190 Kommentare
Zur Person
Til Schweiger, Jahrgang 1963, ist Deutschlands umsatzstärkster Regisseur und Hauptdarsteller. Kinofilme wie "Keinohrhasen" oder jüngst "Kokowääh 2" erreichen stets ein Millionenpublikum. Sein Kinodebüt gab er 1992 in "Manta Manta", bevor er als Jo Zenker in der "Lindenstraße" seine TV- Karriere begann. Nachdem er die vergangenen zehn Jahre vor allem fürs Kino arbeitete, u.a. auch in den USA, markiert der "Tatort" nun seine mit Spannung erwartete Rückkehr ins Fernsehen.