Böhmermanns Rückkehr Weniger Bart wagen

Es wurde ein Gewese um seine TV-Rückkehr gemacht - als wäre er vier Jahre weg gewesen, dabei waren es nur vier Wochen. Erwartet wurde ein Feuerwerk, mit #verafake gelang Jan Böhmermann immerhin ein Enthüllungsknaller.

Jan Böhmermann im "Neo Magazin Royale"
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Jan Böhmermann im "Neo Magazin Royale"

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Er war noch gar nicht zurück, da war er schon wieder da. Schöner Zufall oder Scoop? Im Bundestag debattierten die Abgeordneten über die Streichung des sogenannten Majestätsbeleidigungsparagrafen 103 genau an jenem Tag, den Jan Böhmermann nach einer längeren theatralen Pause für die Rückkehr seiner Sendung "Neo Magazin Royale" ins Internet und Fernsehen anvisiert hatte.

Aber dass er für seine Show ein solches Warm-Up bekäme, konnte nun wirklich keiner vorhersehen: Der CDU-Hinterbänkler Detelf Seif rezitierte in der Sitzung noch einmal vollumfänglich Böhmermanns Erdogan-Schmähgedicht, phonetisch um Akkuratesse bemüht, vielleicht die Worte "Gelöt", "Schwanz" und "Schrumpelklöten" ein wenig überakzentuierend. Der Mann hatte nun mal einen Auftrag: Seif glaubte festgestellt zu haben, dass viele Menschen, die über das Gedicht reden, es in Wirklichkeit gar nicht kennen. Seine Bitte an den Plenarsaal: "Lassen Sie das in Gänze mal auf sich wirken!"

Die mit parlamentarischer Erregungspose formulierte Antwort Böhmermanns folgte flugs auf Twitter: "Ich beantrage hiermit die Aufhebung der Immunität des CDU-Abgeordneten Detlef Seif wegen Verstoßes gg. §103 StGB."

Elder Statesman und Erlöser mit Brechstange

Zeitgleich verschickte das Nachrichtenmagazin "heute plus" ein Mini-Interview über Twitter und YouTube, in dem sich der Moderator wie eine Mischung aus Graf von Montechristo, George Clooney und Til Schweiger inszenierte. War er nur vier Wochen vom Bildschirm weg oder vier Jahre unschuldig in einem gottverlassenen Kerker eingeschlossen?

Der Bart im "heute-plus"-Interview schien jedenfalls voller, die Tolle grauer, der Tonfall salbungsvoller. Ein Auftritt zwischen Verfolgter Unschuld, Elder Statesman und Erlöser mit Brechstange; die, Hallelujah, frohe Botschaft lautete: "Ich bin derjenige, der die Tür auftritt, und die Leute müssen gucken, was hinter der Tür ist. Mein Job ist das Sondereinsatzkommando, ich trete die Tür ein, nach mir kommt die Polizei, und guckt was in den Raum drin ist." Was für ein Aufritt. Bei Twitter und YouTube.

Bei ZDFneo war später vom Sondereinsatzkommando mit Brechstange dann nicht mehr so viel zu spüren. War Böhmermann am Mittwochnachmittag offiziell noch nicht zurück und doch schon überall, so war er beim "Neo Magazin Royale" zwar endlich zurück. Aber dann irgendwie auch schon wieder weg, zumindest gedanklich. Eine Sendung wie auf Autopilot; jedenfalls in großen Teilen.

"Mit Gags habe ich schlechte Erfahrung gemacht, meist verstoßen Gags gegen die Menschenwürde", erklärt Böhmermann am Anfang mit gespielt verdrossenem Gesicht. Deshalb hebt er die Hände immer wieder zur Ich-bin-nicht-schuld-Geste in die Höhe und zitiert von Zuschauern eingesendete Witze. Die niveauvolleren klingen so: "Was ist der Unterschied zwischen Rassismus und Chinesen? Rassismus hat viele Gesichter." 103 Euro gibt es dafür, die man laut Böhmermann in Rechtskosten verballern kann. Kaum anzunehmen, dass einer der Witze Prozesse nach sich zieht.

Großer Auftritt für "Team Royaleraff"

Dann werden auf einmal Ausschnitte aus der Demütigungs-Soap "Schwiegertochter gesucht" auf RTL gezeigt und man bekommt ein wenig Angst, dass sich Böhmermann mit diesen Samples der Menschenverachtung an Stefan Raabs ironischem Zitatvoyeurismus aus der "TV Total"-Zeit orientiert hat, weil er hier so ausgiebig Material aus Vera Int-Veens zynischer Sendung recyclet. Was ja auch nur zynisch wäre.

Doch das Ganze ist nur die Einleitung zu einem Projekt, das tatsächlich als kleiner Scoop zu werten ist: "Team Royaleraff". Böhmermanns Mannschaft imitiert und karikiert unter diesem Titel die Techniken des Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff von RTL - um Missstände bei RTL aufzudecken. Bei "Schwiegertochter gesucht" wurden zwei Schauspieler mit versteckten Kameras eingeschleust, die aufdecken sollten, wie Int-Veens beim RTL-Publikum sehr beliebter Menschenzoo inszeniert wird.

So musste Böhmermanns falscher "Schwiegersohn" einen Vertrag unterschreiben, der ihm für bis zu 30 Drehtage lediglich 150 Euro Aufwandsentschädigung einbrachte. Der sich grenzdebil gebende Schauspieler wurde von den RTL-Leuten sogar noch dazu angehalten, besonders demütigende Dinge zu tun und aufzusagen. Gleich zu Anfnag der Zusammenarbeit musste er, irrer geht es nicht, eine eidesstattliche Erklärung unterschreiben, dass er nicht geistig behindert sei.

Eine technisch gelungene, moralisch einwandfreie Enthüllung aus den unteren Sektionen des Privatfernsehens - die einen allerdings nicht wirklich vom Glauben an Vera Int-Veen und RTL abfallen lässt, schließlich gerieten Moderatorin und Sender schon 2011 mit ihrer Denunzianten-Soap "Mietprellern auf der Spur" ins Visier der Landesmedienanstalten; bei den Aufnahmen war eine Treibjagd auf einen hier tatsächlich behinderten Menschen veranstaltet worden.

So besitzt #verafake bei weitem nicht solche Sprengkraft wie #varoufake. Hier werden keine Gewissheiten durchgerüttelt. Dass die über Monate geplante Undercover-Aktion gerade jetzt fertig produziert worden war, ist jedoch eine schöne Fügung, ohne sie hätte Böhmermann komplett blank dagestanden.

Denn sein Gast Gregor Gysi entpuppt sich schließlich als eher nicht so lustig. Und auch nur als beschränkt provokant. Dabei wird er doch so schön eingeführt. Da erklärt Sidekick William Cohn im schönsten Serienchecker-Idiom: "Die neue Staffel von 'Bundestag' gefällt mir gar nicht, ohne ihn funktioniert die Serie nicht mehr."

Und mit ihm funktioniert Böhmermann nicht. "Sie müssen schweigen", sagt Gysi. Das tut Böhmermann dann auch. Er schweigt sogar seeehr ausführlich. Der Rinderzüchter und Jurist Gysi erklärt dann erstmal das Rinderzüchten ("Ich kann künstlich besamen") und darauf die Juristerei rund um Böhmi und Angie. Letzteres ebenfalls seeehr ausführlich.

Kurz: Die Witze waren schlecht, #verafake war gut. Aber die Gäste müssen jetzt mal endgültig weg. Und der Bart ab. Wir wollen wieder weniger von Montechristo, der verfolgten Unschuld, und mehr vom Böhmermann.

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Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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air plane 13.05.2016
1. Böhmermann
Das Schmägedicht - ok, das war Post-Post-Moderne, um-die-Ecke-Metaebene. Aber in derselben Sendung lässt er ein 7-jähriges Mädchen in einem Sketch "du Fot*e" sagen; das geht gar nicht, das disqualifiziert ihn als Mensch. So etwas tut man einfach nicht, Metaebene hin oder her. Man lässt kleine Mädchen nicht "du Fot*e" sagen, Punkt.
tomatenzahn 13.05.2016
2.
"Wir wollen wieder weniger von Montechristo, der verfolgten Unschuld, und mehr vom Böhmermann." - Mit "wir" meint der Autor des Textes sich selbst. "Sonst hätte Böhmermann wirklich komplett blank dagestanden." - Woher will der Autor das wissen? Eine kritische Auseinandersetzung mit der Sendung sehr gern, dieses selbstzufriedene Rumgeblubbere hingegegen lässt den Leser allein irritiert zurück.
Nice2know 13.05.2016
3. Gähn!
Wie lange müssen wir uns noch die Böhmermann-Meldungen gefallen lassen? Gibt es wirklich nichts Wichtigeres als das? Für mich ist er lediglich jemand, der hinter einem hohen Zaun stehend, andere Leute bepöbelt und bespuckt und sich ganz schnell aus dem Staub macht, sobald es ein wenig brenzlig wird. Achso: Ich will den Mann damit nicht beleidigen. Ist alles nur Satire.
Fuscipes 13.05.2016
4.
Böhmermanns besternte Ernte. Der Nasenbär, der holt sich munter, einen nach dem andern.
laribum 13.05.2016
5. Über Geschmack kann man ja streiten...
Aber: Hat der Autor die Sendung überhaupt gesehen? Es wirkt eher so als wäre der Text schon längst vor der eigentlichen Sendung "fertig" gewesen. Anschließend wurden hier und da ein paar Dinge "aktualisiert", wirklich rund ist der Text deswegen noch lange nicht Außerdem heißt es "Schwiegertochter gesucht", nicht "Schwiegermutter gesucht".
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