Böhmermann in US-Talkshow "Late Night" *beep* Hitler

Jan Böhmermann ist als erster deutscher Comedian in der US-Talkshow "Late Night" aufgetreten. Charmant war er, aber nicht wirklich lustig - was auch an der politischen Stimmung lag.

NBC/ NBCU/ Getty Images

Von , New York


Humor und Satire leben von der Sprache. Synchronisierte US-Sitcoms sind, im Gegensatz zum O-Ton, oft nur albern. Andersrum schlittert deutscher Humor auf Englisch leicht ins Peinliche: Der Witz ist "lost in translation".

Vor dem Problem stand jetzt auch Jan Böhmermann, als er in der Nacht zum Dienstag als erster deutscher Comedian in der US-Talkshow "Late Night" vorbeischaute. Er wolle sich einen Kindheitstraum erfüllen, bat er - und zwar einmal etwas so Unanständiges im amerikanischen Fernsehen sagen, dass die Regie seine Worte mit dem legendären *beep* zensieren würde.

Nur zu, ermutigte ihn der Moderator Seth Meyers. Schließlich wird die Sendung ja schon sechs Stunden vor der Ausstrahlung aufgezeichnet.

Fotostrecke

5  Bilder
Böhmermann bei "Late Night": Später mit Böhmi

Was Böhmermann dann sagte, erfuhren die US-Zuschauer also tatsächlich nicht: Zwei *beeps*, vermutlich "fucks", gefolgt von einem "*beep* Hitler".

Es war ein einstudierter Gag, über den das Studiopublikum lachte, doch nicht schockiert war. Zumal der vorherige Gast, die 70-jährige Film- und Broadway-Comedienne Andrea Martin, gerade einen ebenfalls mit "fuck" gespickten Rap hingelegt hatte. Da kam der höfliche Deutsche nicht ran.

Trump, die Anti-Muse

Deutscher Humor ist so eine Sache, vor allem der von Böhmermann, und erst recht ins Englische übertragen. Und so blieb ihm - bei allem Charme, den er versprühte - nichts übrig, als sich aufs alte Klischee von seinem humorlosen Heimatland zu retten: "Comedy haben sie erst vor zwei Jahren legalisiert."

"Late Night" - ein Vorbild für Böhmermanns "Neo Magazin Royale" - ist eine ikonische Show. David Letterman, den Böhmermann als sein Idol bezeichnet hat, begann hier seine Karriere. Die jetzige Reinkarnation unter Meyers, der nebenan in Studio 8H bei "Saturday Night Live" groß wurde, ist Quotensieger auf dem Nachteulen-Platz um 00.35 Uhr, mit rund 1,5 Millionen Zuschauern.

Erst recht unter Donald Trump. Meyers hat in dem US-Präsidenten, den er schärfer, bissiger angeht als die meisten anderen Talker, seine Anti-Muse gefunden. Was dem Böhmermann sein Erdogan, ist dem Meyers sein Trump.

Also plauderten sie über Trump. Was die Deutschen von dem hielten? "Da muss ich sehr diplomatisch sein", wand sich Böhmermann, immerhin könne Trump "mit dem nächsten Tweet einen Weltkrieg" anzetteln. "Ich will nicht sagen, dass euer Präsident ein Idiot ist, aber es scheint so...… Hier höre ich mal auf."

Schmal und zerzaust bei der "Times"

Das ist die Krux von Humor in Zeiten von Trump: Die Realität ist viel bizarrer als jede Satire. Die ollen Frotzeleien - über sein Haar, seinen Teint, seine Ignoranz, seine mit Tesa angeklebte rote Krawatte - werden dem nicht mehr gerecht. Die nationale Stimmung verdüstert sich täglich, es geht nicht mehr um Boulevardschlagzeilen, sondern um Leben und Tod. Das erfordert mehr als Tollerei.

Damit kämpfte selbst Meyers. Trump zog sich wie ein Virus durch die komplette Sendung, bis einem das Lachen im Hals stecken blieb. Als Böhmermann endlich dran war, als allerletzter Gast, für exakt fünf Minuten und 40 Sekunden, hatte er kaum eine Chance, noch zu punkten. Nicht mal mit seiner Erleichterung darüber, Trump habe Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch kürzlich wenigstens nicht an die *beep* gegrapscht.

Trotzdem wirkte er angenehmer und ausgeschlafener als am Freitag, als er der "New York Times" ein Video-Interview gab und von der Schmähgedicht-Affäre sprach, die "ein paar Wochen lang hart" gewesen sei. Schmal und zerzaust war er da, auch wenn das halbstündige "Times"-Interview mehr Substanz hatte als der "Late Night"-Auftritt.

Am Ende lud er Seth Meyers in seine Sendung nach Deutschland ein. "Aber du musst Deutsch lernen", warnte er ihn. "Eine sehr harte Sprache." Vor allem, was den Spaß angeht.

Mehr zum Thema


insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
regenwurm 25.04.2017
1. Den armen Amerikanern bleibt auch nichts erspart
Als ob Trump nicht schon schlimm genug wäre. Dass der Geronto-Sender ZDF sich mit Krawall-Klamauk à la Böhmermann ein jugendliches Image verpassen will, ist ja quoten-technisch noch nachvollziehbar. Aber muss man ausgerechnet ihn als ersten Vertreter der deutschen "Humor"-Schaffenden in eine amerikanische Late-Night lassen? Ich fürchte, das Stereotyp der humorfreien Zone Deutschland hat sich so mal wieder eindrucksvoll bestätigt.
urbanism 25.04.2017
2. war Herr Böhmermann schon einmal lustig?
Böhmermann ist auch in seiner Sendung auf ZDF Neo nicht lustig. Ich weiß gar nicht warum Herr Böhmermann in den sogenannten seriösen Fachkreisen wie Grimme und Co, so hochgejubelt wird. Herr Böhmermann provoziert nicht mehr und nicht weniger. Lustig sind Leute wie Michael Mittermeier oder Michael Herbig!!
kommentator911 25.04.2017
3.
- also wie immer. "Comedy haben sie erst vor zwei Jahren legalisiert." - Nein, 'Comedy' gibt es mindestens seit Heinz Erhardt, nur war der lustig.
MrSnoot 25.04.2017
4.
---Zitat--- Charmant war er, aber nicht wirklich lustig ---Zitatende--- War wohl niemand da, der ihm Witze soufflierte.
mucki007 25.04.2017
5. Oh je
Die Amerikaner haben ohnehin schon ein verschobenes Bild von Deutschland und uns Deutschen. Jetzt sehen sie auch noch Böhmermann als Vertreter unserer Comedy-Szene. Kein Wunder, dass jetzt noch mehr Militär von Akerika zu uns geschickt wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.