"Neo Magazin Royale" Mitlachen, aber nicht zu laut!

Das "Neo Magazin Royale" ist müde und geht in die Sommerpause. Warum das schade ist und trotzdem ein Glück, dass es Jan Böhmermann gibt - auch wenn er langweilt.

Jan Böhmermann
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Jan Böhmermann

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Mal wieder "Neo Magazin Royale" geschaut, letzte Sendung vor der Sommerpause ("#witzefrei", hihi), und während man auf den nächsten Witz wartet, also wirklich lange wartet und wartet auf etwas, das einen zum Lachen bringt, während die Gedanken allmählich wegdriften, weil Böhmermann immer kurz vorm Losprusten ist, den offenbar wirklich guten Witz aber weiter und weiter für sich behält, da fragt man sich irgendwann: Was soll das?

Der einleitende Monolog handelt von Trump in Quebec, Campino in Dresden und dem tragischen Torhüter von Liverpool ("Es ist 'ne Gehirnerschütterung! Überhaupt meine Lieblingsausrede für die Zukunft!"). Es geht um den ersten deutschen ISS-Kommandanten ("Nicht zu verwechseln mit Deso Dogg, das ist der erste deutsche IS-Kommandant"), wobei auch der sich anbietende Gag mit dem SS-Kommandant nicht liegen gelassen wird, irgendwie: "Was denkt man wohl als Deutscher, wenn man von da oben auf die Erde runterschaut? Das hätte alles uns gehören können!"

Nachdem endlich der Rummel um den am See bestohlenen AfD-Fraktionsvorsitzenden mit der erwartbaren Schadenfreude angetan ist ("Der Diebstahl von Alexander Gaulands Badetasche ist ein Vogelschiss in der tausendjährigen Geschichte deutscher Eigentumsdelikte!"), hat Böhmermann sein Pulver komplett verschossen.

Über jeden Grimme-Preis-Verdacht erhaben

Was bleibt, das ist der Schauwert eines Moderators, der sich quantenmechanischer Tricks bemüht. Er ist nie "so schlecht, dass er schon wieder gut ist". Er ist gut und schlecht zugleich. Kommt der Witz nicht an, war das Nicht-Ankommen geplant. Ist ein Satz ironisch lesbar, handelt es sich im Gegenteil um einen ernsten politischen Kommentar - und umgekehrt. Irgendwer wird schon eingeweiht sein, im Zweifelsfall sein Sidekick. Also besser mitlachen, aber nicht zu laut. Wer weiß!

So dieselt denn auch die einhunderachtzehnte Sendung harmlos vor sich hin, mit einer lahmen Parodie auf "Die Höhle der Löwen" sowie allerlei referenzreichen Einspielern und pfiffigen Anspielungen, die den summenden Grundton der richtigen Gesinnung erzeugen. Es zieht sich, witzfrei und über jeden Grimme-Preis-Verdacht erhaben. Vielleicht hat sich die Kreativität des Teams für dieses Halbjahr auch bereits in der Produktion von "Dr. Böhmermanns Struwwelpeter" erschöpft; die vergleichsweise aufwendige und prominent besetzte Parodie läuft am Freitagabend im ZDF-Hauptprogramm.

Szene aus "Dr. Böhmermanns Struwwelpeter"
ZDF/ Joseph Strauch

Szene aus "Dr. Böhmermanns Struwwelpeter"

Komisch und nicht komisch zugleich

Und doch drängt sich noch bei der uninspiriertesten Ausgabe des "Neo Magazin Royale" ein zweigeteilter Verdacht auf: "Da war doch was …?" Und: "Da kommt doch noch was!" Bei Böhmermann war immer etwas, das nach- und mitschwingt noch in seinen schwächsten Augenblicken, #Varufake, #Verafake, "Ich hab Polizei". Ziegen. Zugleich erweckt er den Eindruck, jederzeit wieder einen Prank aus dem Hut zaubern zu können, der die Medien oder die internationalen Verhältnisse erschüttert.

Es ist, was ihn vom Kabarett ebenso unterscheidet wie von der selbstzufriedenen "heute show", sogar von wesensverwandten Größen wie John Oliver in den USA, nicht komisch und komisch zugleich. Als nutzte er den fröhlichen Größenwahn, den sich nur das Uneigentliche und daher Unverbindliche leisten kann, und verwandele ihn mit seiner ganzen Wucht in Eigentlichkeit - in eine Staatskrise oder eine Rückeroberung öffentlicher Räume im Internet.

Zentrum für publizistische Schönheit

Anders als ein Harald Schmidt macht es sich Jan Böhmermann nicht im scharfsinnigen, aber folgenlosen Zynismus eines Harald Schmidt bequem. Und ist deswegen auch nicht halb so unterhaltsam, denn er will was - notfalls auch nur auf die Nerven gehen. Und das ist in einer Zeit, da man vom betäubenden Schweigen linker Intellektueller schon beinahe einen Tinnitus bekommt, schon einiges wert.

Die Sendung selbst ist nur ein andauernder Trommelwirbel. Die Aktion ist der Tusch. Und der kommt tatsächlich irgendwann. Wenn nicht in dieser, dann in der nächsten Folge. Ob man nun Zweck und Mittel heiligt oder nicht. 2018 gelang Böhmermann und seinem Team mit "Reconquista Internet", dem Heraufbeschwören einer Troll-Armee der Guten - ja, was eigentlich? Gute Hyperunterhaltung für Millennials?

Wenn solche publizistischen Strategien, Eulenspiegeleien, die ins Politische ausgreifen, in einer Tradition stehen, dann in keiner, die man aus dem Fernsehen kennt. Eher erinnern seine Interventionen an Christoph Schlingensief. Oder an die Aktionen des "Zentrums für politische Schönheit", das, ohne mit der Wimper zu zucken, Alexander Gauland ebenfalls die Badetasche klauen und darüber ein Manifest veröffentlichen würde. Böhmermann würde sie klauen und darüber gackern. Wesentlich ist nur, dass es tatsächlich jemand macht.


"Dr. Böhmermanns Struwwelpeter", Freitag, 23.00 Uhr, ZDF



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
M.steitz 08.06.2018
1. Ich mag Neo Magazin
nach dem lesen dachte ich, da hat der Autor ein persönliches Problem mit der Figur Jan Böhmermann. Nach weiteren 5 Minuten regen Grübelns mit nachdenklichem schrägen Blick an die Wand, jo stimmt so. Auf den Punkt gebracht.
dasfred 08.06.2018
2. Der Unerwartbare
Böhmermann ist zutiefst menschlich. Ein freundlicher junger Mann, der nicht berechenbar ist. Jede Neo Magazin Royal Sendung ist anders und lebt vom gesamten Team. Sein Vortragsstil ist abwechslungsreich und damit eben auch nichts für einen Einheitsgeschmack. Ich mag es wenn mir jemand rüberbringt, dass er sich auch über sich selbst lustig machen kann. Wenn er dabei auch die Freude am Spiel zeigt, obwohl er immer wieder massiv kritisiert wird. Er gehört zu den wenigen Menschen, die sich auch im Alter noch eine kindliche Freude bewahren können und diese auch rüberbringen. Ich mag, dass Böhmermann nicht berechenbar ist. Er überrascht mal gut, mal trift er mein Komik Zentrum nicht, aber er bietet immer die Hoffnung auf das Neue, das Unerwartete. Auch der witzigste Freund hat seine ernste Seite und die versteckt er nicht. Er lässt auch sein Team neben sich glänzen, ohne alle Aufmerksamkeit nur auf sich zu ziehen.
aysnvaust 08.06.2018
3. Ich selber bin ja nicht so sehr...
...der Mensch, der sich den Sendetermin für "Böhmermann" irgendwo notiert hat. Will sagen: Ich habe Anfangs ein paar Folgen gesehen, dann aber ziemlich bald herausgefunden, dass das nix für mich ist - einfach zu langweilig und zu gewollt. Diesen nun mit einem John Oliver gleichzusetzen, halte ich allerdings für äusserst gewagt - besagter Oliver spielt ja doch in einer ganz anderen Liga. Ist dem Autor wahrscheinlich entgangen, genauso wie die Tatsache, dass die von Böhmermann verübten Eulenspiegeleien sehr wohl Vorbilder in der Fernsehlandschaft haben - unter anderem und insbesondere übrigens in besagtem John Oliver. Ich erspare mir hier eine Aufzählung, empfehle dem Autor allerdings "Last Week Tonight" auf Youtube zu abonnieren, falls er diese Wissenslücke auffüllen möchte.
chaiselongue 08.06.2018
4. Guter Artikel
Lesenswert. Ein paar gute Erklärungsansätze. Den Diebstahl zu befürworten ist jedoch vollkommen absurd und macht den schönen Artikel zunichte. Schade.
sre18629 08.06.2018
5.
"Die Sendung selbst ist nur ein andauernder Trommelwirbel. Die Aktion ist der Tusch" Das trifft die Essenz vom Neo Magazin Royal ziemlich gut. 80% der Show sind eher durchschnittlich bis schlecht, aber die Höhepunkte sind besser als alles was es sonst so im Moment im deutschen Fernsehen gibt. Generell finde ich, dass Böhmermans Podcast Fest und Flauschig im schnitt aber besser als seine Show ist.
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