Bildungsoffensive bei Böhmermann Faust, die Pottsau

Ein Shitstorm auf unsere Dichter und Denker: Jan Böhmermann zerlegt in einem Literatur-Special vom "Neo Magazin Royale" Goethe, Fontane und Kafka. Mega-Ekel mit Meta-Ebene.

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Ist doch klar, dass Goethe heimlich von einem Smartphone geträumt hat. Von einem Ding, durch dessen Hilfe man mit dem einen Auge die relevanten Aussagen von Romanen und Tragödien zu scannen imstande ist, während man mit dem anderen den Weibern hinterhergaffen kann. Denn, schreibt er ja selbst in "Faust": "Die Kunst ist lang / Und kurz ist unser Leben." Das Drama Goethes Titelheld ist, dass der sich einen Wolf dichten muss, während er eigentlich nur an Gretchens Schlüpfer will. Faust, die Pottsau.

So bringt es jedenfalls Jan Böhmermann in seiner Spezialausgabe des "Neo Magazin Royale" auf den Punkt, mit der er seine Zuschauer in die großen Fernsehferien entlässt. Die Sondersendung ist eine Art Bildungsoffensive für Twitter-Blödiane, ein Shitstorm auf unsere Dichter und Denker, aber auch eine feministische Keule gegen männliches Genie-Gehabe und 250 Jahre literarisch verbrämte Ferkeleien.

Solcher Demontagen unverdächtig präsentiert sich Böhmermann am Anfang mit Teekanne und Cord-Sakko. Er mimt den Deutschlehrer, der seine Klassiker kennt und liebt und der den Videowagen wie ein Serviertischchen reinrollen lässt, um vier davon in 10-Minuten-Häppchen zu präsentieren, sehr unappetitlichen Häppchen. Süffig und säftelnd werden die Werke zerlegt.

Altherrenfantasie und Parabelgeschwurbel

"Effi Briest"? In der Böhmermann-Lesart ist der Roman nichts anderes als eine als Gesellschaftskritik getarnte Altherrenfantasie, für die sich die Protagonistin Hunderte Male vergewaltigen lassen muss, während Autor Theodor Fontane sich in umständlichen Umschreibungen ergeht.

"Die Physiker"? Ein einziges Parabelgeschwurbel, bei dem Friedrich Dürrenmatt inmitten all seiner Zeit- und Endzeitverweise den Überblick über seine Figuren verloren hat. Das "Neo"-Team hat die Adaption des 1961 entstandenen Stückes als eine angesäuselte Mixtur aus Edgar-Wallace-Film und "Mad Men"-Besäufnis angelegt; die Männer kippen hier unentwegt Schnäpse, während sie Frauen in Kitteln auf den Po hauen.

Und "Faust"? Eben nur das Werk eines alternden Akademikers, der seine Lust auf zu junge Frauen poetisch zu bemänteln versucht. Oder wie der von Böhmermanns Leuten ins Filmchen geschriebene Zeitgenosse Friedrich Schiller den Plot vom Stück des Freundes und Konkurrenten anzweifelt: "Einer Minderjährigen ein Betäubungsmittel zuzustecken, um ungestört mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben, fällt das noch unter Sturm und Drang?"

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ZDFneo-Show: Böhmermann letzte Stunde

Böhmermann holzt sich durch den Literaturkanon, erzählt und hinterfragt deutsche Bildungsgeschichte mit den Mitteln von YouTube. Etwa wenn er die misogynen Aspekte des Ehe-Dramas zwischen Effi Briest und ihrem Mann Geert von Innstetten aufzeigt, indem er ihn die berühmte Hassrede von Pietro Lombardi an dessen Ehefrau Sarah Engels nachsprechen lässt: "Du bist die Schlampe, ich bin ein normaler Mensch." Mega-Ekel mit Meta-Ebene.

Oder auch nicht. Zugegeben, nicht jede Szene geht auf. Wie aus den höheren Etagen des ZDF zu vernehmen ist, will man in der nächsten Zeit mit Böhmermann weiter an seinem Format arbeiten. Die Ausschläge nach oben findet man beim Sender schön, die nach unten stören. Tatsächlich gab es in der letzten Saison einige sensationelle Folgen und auch einige ziemlich langweilige. Beim ZDF wünscht man sich, dass die Sendung insgesamt eine Berechenbarkeit wie die "heute show" erreicht.

Aber ist das wirklich erstrebenswert? Das Deutschstunden-Extra offenbart nun nämlich noch einmal, dass das "Neo Magazin Royale" eben alles auf einmal ist: Trash und Hochkultur, Sketchparade und Kulturkritik, extrem nervige Blödelei und ganz, ganz große Kunst.

Den Höhepunkt der Sendung stellt die Adaption von Franz Kafkas "Die Verwandlung" dar, in der das Böhmermann-Team David Cronenbergs Metamorphosenkino und RTL-II-Dokusoaps zusammenbringt. Kafkas Irrsinn, atemberaubend auf den Punkt gebracht. Ein Filmchen, das ab sofort bitte jeder Deutschlehrer in seinem Videowagen bereithält.


"Neo Magazin Royale: Letzte Stunde" (Wiederholung), Freitag, 23.55 Uhr, ZDF

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siebenachtneun 23.06.2017
1.
Es war grandios gemacht. Die Werke auf ca. 10 Minuten gekürzt, wobei ich bei Effi Briest das Ende etwas vermisste. Einige Sachen fielen erst beim zweiten Sehen auf und sicherlich fallen mir beim nochmaligen Sehen noch andere Dinge auf. Vier Schullektürenklassiker die gleichzeitig auch noch so erzählt wurden, wie es ein Schüler vielleicht tun würde, wie zum Beispiel eine Anspilung auf die Contergan Opfer, die überhaupt nichts mit der Sache zu tun hatte, aber weil man als Schüler immer alles in die jewilige Zeit mit einbringt, kommt es einfach vor, ohne reinzupassen. Dazu noch Photoshop-Phillipp, der den Schüler spielt und endlich mal Text hat. Andere Schauspieler, wie Kostja Ullmann, Katharina Thalbach, Bettina Lamprecht usw. Selbst der flache Witz mit Marcus Kavka und Franz Kafka passt rein. So viel Spaß hatte ich noch nie in der letzten Stunde vor den Ferien.
muratt 23.06.2017
2. Freiheit muss auch seine Grenzen haben!!!
Was soll denn daran bitte ganz große Kunst sein?! Was kommt dann in Zukunft? Jesus Christus mit irgendwelchen Sex-Phantasien? Was dieser Mann veranstaltet (oder besser gesagt seine Chef's) ist die erweiterte Dimension der "Entseelung des Volkes". Goethe hatte ganz bestimmt keine Gedanken wie die heute bedauerlicherweise in sexistischem Gedankengut verarmten Deutschen. Ich als Deutschtürke will dass eine Partei wie die AfD unser Land wieder auf die richtige Spur führt,und nicht dass sowas schon das ZDF mit Applaus ausstrahlt. Über die Sendung "Naked Attraction" bei einem Privatsender will ich lieber gar nichts sagen. Das ist schon die erstrebte Spitze so wie es ausschaut. Schade dem Volk
...dazwischen 23.06.2017
3.
Böhmermann... was soll man sagen? Halt ein Satiriker und sicher muss man sich mit den "Großen Deutschen Dichtern und Denkern" und anderen Künstz kritisch auseinandersetzen ohne sie hoch zu loben aber SO? Für mich nur wieder ein weiters "Herumtrampeln" auf den alten Klassikern zugunsten moderner, nicht europäischer, nicht (angeblich) sexisterscher, diskriminiernder Literatur oder Kunst. Der Linksliberale (vermeintliche) Mainstream wird für meinen Geschmack sowieso in allen Onlinemedien zu stark gehypt.
bmvjr 23.06.2017
4. Der Betrachter
ist es, der den Unterschied macht, der Leser, der Zuhoerer. Nur weil Herr Boehmermann, und der sicher nicht allein, womoeglich in jedem Besenstil ein Phallusobjekt entdeckt und in jahrhundertealten Meistergemaelden oder Statuen Homoerotik unterstellt, sowie die poetische Auslassung eines klassischen Gedichtes ueber z.B. Schoenheit und Anziehungskraft auf Ausgeburten primitiv brutaler sexueller Gier reduziert, ist dem noch lange nicht so. Das sagt vielmehr etwas ueber Boehmermann als ueber den Schoepfer des durch ihn gepruegelten Werkes aus. Dies ist aber voellig in Ordnung, denn die Interpretation eines jeden Werkes, ob Kunst oder nicht, ist einem jeden Individuum vorbehalten - Geschmackssache sozusagen. Und genau so sollte man auch die im Fernsehen der Oeffentlichkeit zugaenglich gemachte Interpretation Boehmermann's gelassen hinnehmen. Die Gedanken sind frei, alle, auch die obstrusen.
reflexxion 23.06.2017
5. Das war halt Böhmermann
Die einzelnen Bearbeitungen waren sehr unterschiedlich in der Qualität. Am besten fand ich noch Effi Briest. Ansonsten muss man sagen, wir sind halt im Sommerloch - draußenh war dann auch ein wunderschönbes Gewitter - das war unterhaltsamer.
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