"Neo Magazin Royale" Dieser Wahlkampf schafft sie alle - sogar Jan Böhmermann

Aus der Sommerpause in den Winterschlaf: Bei seinem "Neo Magazin"-Comeback befallen Jan Böhmermann Merkel-Stillstand und Schulz-Phlegma. Ein dramatischer Fall von Wahlkampfmüdigkeit.

Jan Böhmermann
ZDF/ Ben Knabe

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Wo ist das Kommando 24. September? Wann kommt der Aufstand, der das Land aus der Wahlkampflethargie aufschreckt? Wo ist die Spaßguerilla, die wenigstens die eine Pointe findet, die endlich den Debattenstau sprengen könnte? Die Hoffnung ruhte bis Donnerstagabend ganz auf Jan Böhmermann, der die erste Ausgabe vom "Neo Magazin Royale" der Saison 2017/2018 mit einem opulent produzierten Film eröffnete, gebaut wie der Trailer zu einem RAF-Politthriller.

"Deutschland im Herbst", raunt es düster. "Ein gelähmtes Land", raunt es noch düsterer. Doch dann die unbestimmte Hoffnung: "Da draußen passiert was." Eine Gruppe junger Leute sitzt konspirativ zusammen, plant den Aufstand gegen die Vorhersehbarkeit, gegen den Merkel-Stillstand und das Schulz-Phlegma.

Die Kanzlerin soll entführt werden. Aber: "Die hat doch Flüchtlinge aufgenommen. Ich finde die eigentlich ganz gut." Ein anderes Argument wider eine Aktion gegen Merkel: "Die ist im Moment echt in einer schwierigen Situation." Dann eben den Schäuble, schlägt einer vor. Geht nicht wegen des Unterschlupfs: "Spinnst du, die Wohnung ist nicht barrierefrei." Und so geht es noch ein bisschen weiter, keine Idee zündet, keine Pointe geht auf.

Ansprache direkt von der Claus-Strunz-Akademie

Der Aufstand ist abgesagt, der Humor hat frei bekommen. Dabei hatte Jan Böhmermann doch schon zwei Tage zuvor mit einem Lockvideo so große Hoffnungen gemacht, dass er die Stimmung im Land drehen oder doch zumindest durch eine Aktion die absolute Berechenbarkeit des Wahlkampfverlaufs durchbrechen könnte.

Er meldete sich mit einer Ansprache direkt "von der Claus-Strunz-Akademie" und verkündete, zukünftig die Qualität vom "Neo Magazin Royale" in der neuen Qualitätsmaßeinheit Strunz zu messen. "Ein Strunz sind zehn Ruges, 40 Mikichs, bzw. 2,5 Plasbergs, falls Sie noch in D-Mark rechnen." Außerdem versprach er den Fake des Jahres zu entlarven: "Wer steckt wirklich hinter Alice Weidel?"

Strunz, der Mann, der mit seinem unfassbaren Populismus-Talk bei Sat.1 für Entsetzen sorgte. Weidel, der dank immer neuen Enthüllungen das Image einer Vorzeige-Deutschtrulla verlustig gegangen ist. Die beiden einzigen Aufreger der letzten Tage waren also schon vor dem eigentlichen Saisonauftakt verbraucht. So ging es mit der ersten Ausgabe vom "Neo Magazin" von der Sommerpause direkt in den Winterschlaf. Jan Böhmermann kann nichts dafür, es gibt jenseits der ritualisierten AfD-Tabubrüche einfach nichts mehr, was die Menschen bewegt, aufwühlt oder wenigstens amüsiert. Der Wahlkampf ist ein langer zäher Fluss.

Das fiel nur umso mehr auf, als sich der Moderator schließlich verzweifelt ins Internet begab, wo es immer einige lustige Aussetzer zu sehen gibt. Upps, die Politpannenshow. Man machte sich über Jörg Thadeusz lustig, der die Kanzlerin bei einer Parteiveranstaltung interviewte und verwechselte die korpulente Glatze mit Altmeier, Divine und einem Bond-Bösewicht namens, wir lachen uns kaputt, Fettfinger. Man freute sich noch mal über Schulz bei einem erbarmungswürdig hilflosen Facebook-Flirt. Man labte sich noch einmal an Bushido, wie er bei dem Internetformat "Straßenwahl" minutenlang ins Leere starrte, während die AfD-Frau Beatrix von Storch ihre Parolen runterspulte.

Wenn selbst Jan Böhmermann nichts zum Wahlkampf einfällt, sollten wir den Fernseher bis zum 24. September auslassen. Für seine Sendung kriegt er höchstens einen Strunz, allerhöchstens 4 Plasbergs. Definitiv zu wenig, um am nächsten Donnerstag noch mal einzuschalten.

insgesamt 6 Beiträge
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pascht 15.09.2017
1. Tiger als Bettvorleger ... gestrandet
Man sollte Jan Böhmermann mit seinem Intellekt mehr pointierte Einlagen zutrauen. So wie er im vorigen Sommer 2016 gestartet ist, konnte man auch diesen Eindruck haben. Allerdings musste man die traurige Erfahrung machen, mehr und mehr einen Gestrandeten zu erleben. Gestrandet am Ufer der eigenen überheblichen Ansprüche, denn all zu oft verwechselt er "Pointe" mit "Zynismus" und "Verachtung", die Würde andere in die Lächerlichkeit zu ziehen. Nein, das ist bestimmt kein Humor von hohem geistigem Niveau.
kpdsu 15.09.2017
2.
Ist das wie beim Tatort? Dann muss das ja echt gut gewesen sein. Wenn ich Zeit habe schaue ich auf jeden mal rein. Außerdem wusste ich gar nicht, dass Wahlkampf ist. Nur Die PARTEI kämpft um jede Stimme. Auch zynisch. Aber 2017 ist nicht viel anderes übrig...
rosenrot367 15.09.2017
3. Nicht witzig
.....also, um ganz ehrlich zu sein: wer erwatet den wirklich, dass Böhmermann witzig sein soll? Der war noch nie, ist auch nicht und wird auch in Zukunft nicht lustig sein. Seine Masche, andere Menschen zu verunglimpfen, Skandale zu provozieren und sich wichtig zu machen zündet vielleicht ein- oder zweimal. Dann ist der Ofen aus - und das ist gut so!
deka88 15.09.2017
4. Doch witzig
....also, um wirklich ganz ehrlich zu sein: Ich fande, finde und werde ihn in Zukunft sicherlich auch witzig finden! Ok vllt ist er nicht super witzig, aber zumindest unterhaltsamer als der ganze Rest im deutschen TV! Und der beste Witz über die IAA wurde im Artikel noch nicht einmal erwähntk, Schande!
busytraveller 15.09.2017
5. Der sich im Wege Stehende.
Um witzig zu sein, muss man gut beobachten können und darf sich nicht zu wichtig nehmen. Auch sollte man Personen, die man mit Satire aufspießt, nicht verachten. Da steht Böhmermann sich leider oft selbst im Wege.
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