Böhmermann und "Neo Magazin Royale" Yeah, haha

"Neo Magazin Royale" ist zurück. Die Gags sind so schlecht, dass sie woanders verworfen worden wären, die Lache des Moderators scheppert automatenhaft, der beste Nicht-Moment dauert fünf Sekunden. Und so soll das weitergehen?

Jan Böhmermann
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Im Grunde ist eine Fernsehsendung von knapp 45 Minuten auch nichts anderes als ein Tweet mit 280 Zeichen. Eine gute Idee genügt, dann läuft's. Vor der Rückkehr vom "Neo Magazin Royale" aus der Winterpause lag brodelnd in der Mikrowelle der Gerüchteküche, Bela B. Felsenheimer von den Ärzten werde womöglich "on air" verkünden, wie es mit der Gruppe weitergeht. Neues Album? Auflösung? Gute Idee. Bleiben Sie dran!

Das Dranbleiben war zunächst nicht so leicht, folgte das "Neo Magazin Royale" doch wieder dem Rezept, das Naheliegende mit ironischen Vorzeichen zu versehen und ins Absurde zu steigern. So kehrte Jan Böhmermann im Vorspann von der Tournee des Rundfunk-Tanzorchesters Ehrenfeld als das zurück, was man sich in Mainz womöglich unter "Rockstar" vorstellt - so richtig mit Kokain und Pelzkragen und der Zertrümmerung von Gitarren. Yeah, haha.

Der Eröffnungsmonolog streifte Themen der vergangenen paar Wochen. Die SPD ist in Umfragen wieder zweitstärkste Kraft? Gewiss, und "ausgerechnet haben das 107 Lungenärzte". Das 100-jährige Jubiläum der Weimarer Republik wurde rhythmisch beklatscht, als wäre das ein militaristisches Weihefest gewesen - und nicht eher sein Gegenteil.

Running Gags und automatenhaftes Lachen

Erwähnt wurden ferner der fröhliche Rassismus eines Fruchtsaft-Abfüllers sowie das Übergewicht von Donald Trump, der jetzt "eine Mauer um seinen Kühlschrank bauen" wolle und sowieso, hihi, gaaanz kleine Hände habe. Demnächst käme dann Marie Kondo, "zum Magen aufräumen". Es folgte die Nachfrage, ob denn der ZDF-Zuschauer wohl Netflix kennt.

Mag sein, dass Jan Böhmermann für den klassischen Zuschauer noch immer so etwas wie ein Major Tom des digitalen Kosmos ist; in dieser Rolle übernahm er zuletzt auch den Twitter-Account der vergleichbar ehrwürdigen und entsprechend behutsamen "Zeit". Im auch schon sechsten Jahr seit Bestehen des "Neo Magazin Royale" lassen sich daraus kaum mehr Funken schlagen. Der Running Gag ist inzwischen so fußlahm wie der erwartbar wohlfeile "Hashtag der Woche": #heidihaltsmaul. Desgleichen hat schon Roger Willemsen gesagt. Und besser, weil härter.

Nicht einmal die Aufregung um das "Framing Manual" der ARD gab mehr her als den Scherz, beim ZDF habe man "den ganzen Fernsehgarten umgegraben", ohne Vergleichbares zu finden. Je müder die Pointen (oder lustloser ihre gezielte Vermeidung), umso härter und freudloser begackerte der Moderator sich selbst. War dieses Lachen eigentlich schon immer so automatenhaft? Müsste man mal in der Mediathek stöbern.

Das Aufkreuzen von Bela B. war denn auch eine echte Erlösung. Der Musiker stellte seinen Debütroman "Scharnow" vor, über den Böhmermann sich nur flüchtig hatte informieren lassen - verschenkte Sendezeit. Mit dem durchgeknallten Buch hätte man mehr anfangen können, als es auf den Tisch zu legen.

Als der Gast erklärte, echte Menschen zum Vorbild genommen zu haben, wofür er sich werde entschuldigen müssen, kommt es zwar zu keiner echten Idee, aber doch zu einem interessanten Moment. Böhmermann: "Fährt man da nicht drüber hinweg und nimmt dann den Schmerz, den man bei anderen Leuten auslöst, gleich wieder als Energie fürs nächste Buch?", worauf Bela B. einwirft: "So macht Charlotte Roche das die ganze Zeit, oder?" Böhmermann: "Wer?" Freudloses Automatenlachen.

Die eine gute Idee: Fünf Sekunden nichts

Endlich und mit Anlauf dann die entscheidende Frage, die eigentlich keine ist und auf die man auch keine Antwort erwartet, auf die aber doch die ganze Sendung zulief. Böhmermann: "Löst ihr euch auf?" Bela B. hebt zu einer Antwort an, holt vielsagend Luft, …und der Stream stockt. Das Bild hängt sich auf. Das ZDF-Logo pulsiert, wie es der klassische Zuschauer nicht kennt, den Internet-Nutzer aber gerne in den Wahnsinn treibt. Als der Stream nach fünf verwirrenden Sekunden wieder "läuft", ist die Katze aus dem Sack. Das Publikum simuliert Aufruhr, Böhmermann tut betroffen und kündigt, "um wieder runterzukommen", ein dummes Spielchen an.

Und das war sie dann, die eine gute Idee. Ein Spiel mit der Erwartung, die dann unter Antäuschung einer technischen Unzulänglichkeit gebrochen wird, die Einführung des taktischen Glitch als Element der Fernsehunterhaltung.

Eine Idee, wie sie gewiss auch anderswo erdacht werden könnte, dort aber mit Sicherheit als zu "weird" verworfen würde - beim "Neo Magazin Royale" wird sie ausgeführt. Fünf großartige Sekunden, in denen nichts passierte. Die restlichen 2652 Sekunden aber könnte man nach 136 Folgen allmählich mal überdenken.



insgesamt 56 Beiträge
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Little_Nemo 22.02.2019
1. Ach Gott, wie soll es nur weitergehen?
Nun ja, ich fand es jetzt so unlustig nicht, habe aber auch schon bessere Folgen gesehen. Die Nummer mit dem hängenden Stream ist übrigens auch mittlerweile schon sowas wie ein Running Gag beim Neo Magazin. Das gab es sogar schonmal bevor es royal wurde, wenn ich mich recht erinnere. Und wurde auch schon mehrmals von "Mann, Sieber" kopiert. Aber ich habe den starken Eindruck, dass Herr Frank seine ganz persönlichen Gründe hat, wenn er hier so harsch verreißt. Jeder hat wohl mal 'nen schlechten Tag.
lollo76 22.02.2019
2. Also (Geschmacksache!)
Ich fand die Show heut top, lustig und schnell mit vielen Anspielungen (daher schwer zu folgen?), sowie Bö und Bela B erfrischend, auch witzig. Und laut. Der Autor fand sie blöd. So what (tf)!
Bodenseeher 22.02.2019
3. Ja, schade,
aber ist das nicht schon (sehr viel) länger so? Jan Böhmermann wirkt angestrengt, verkrampft, lustlos und wenig authentisch. Die Witze sind flach und vorhersehbar. Jetzt ist er auf dem Niveau von seinen „sidekick“ Ralf Kabelka angekommen, den ich schon immer schlecht fand und angestrengt, verkrampft usw. Jan Böhmermann fand ich mal richtig gut (wann war das noch mal?) aber ich fand auch Harald Schmidt mal richtig gut (Schmidteinander & Feuerstein). Aber die Halbwertszeit von Schmidt war länger, Jan B. hat sich deutlich schneller abgekühlt. Nun denn, wieder eine Sendung mehr, die ich nicht mehr regelmäßig gucken muss.
reilo 22.02.2019
4. Tja, Herr Frank ....
alles eine Frage aus dem Auge des Betrachters ! Ich fand‘s gut, Ihr Auge schielt:-)
ulrich.dietsch 22.02.2019
5. Wie stets eine Nabelschau, nur besonders schlecht
Es ist nicht die erste Schau von Böhmermann, über die ich nicht lachen konnte. Aber diese war von ihrer Humor- und Lustlosigkeit schon ein besonderes Ereignis. Von Anfang bis Ende wieder nur ermüdende Selbstdarstellung , die Gags fade und uninspiriert. Dieser Mann ist einfach nicht witzig. Er sollte sich die heute show, drei nach neun oder Mann,Sieber ansehen, weniger den Zyniker Harald Schmidt (sein heimliches Vorbild), an den er aber auch bei Weitem nicht heranreicht !
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