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06. April 2018, 10:36 Uhr

"Neo Magazin Royale"

Böhmermann macht den Carrell

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Lass dich überraschen 2.0: Jan Böhmermanns "Prism is a Dancer"-Format empfiehlt sich mit gutmütiger Wühl- und Überraschungsarbeit für die große Fernsehbühne. Das wäre doch mal eine Samstagabendshow!

Man täuscht sich ja manchmal in Menschen. Dass es aber ausgerechnet Jan Böhmermann (bei dem man doch eigentlich immer darauf wartet, wessen Arm er als Nächstes packen und zur "Brennnessel" wringen wird) gelingen würde, mit einer Fernsehsendung dieses eigentlich längst zu Tode reminiszierte Frotteegefühl der Kindheitssamstagabende derart wohlig nachzubauen, damit war nicht unbedingt zu rechnen.

Zwar hatte Jan Böhmermann 2016 schon mal eine "Wetten, dass..?"-Hommage inszeniert, halb Replika, halb abgedrehte Hommage. Die "Prism is a Dancer"-Spezialsendung seines "Neo Magazin Royale" jetzt war jedoch nur noch überraschend süßes Softbonbon, ganz flachsfrei wirklich für den großen Showbühnensendeplatz - als absolut zeitgemäße Interpretation des Rudi Carell'schen Verblüffungs-und Beschereformats.

Bei ihm war man seinerzeit noch darauf angewiesen, dass ein wohlmeinender Schwippschwager dem Sender in einem rührenden Brief schrieb, wie gerne Tante Hildegard doch einmal in einem Heißluftballon über Buxtehude schweben würde. Bei Böhmermann macht die digitale Plappersucht diese Mittelsmenschen angenehmerweise überflüssig - eben "Lass dich überwachen" statt "Lass dich überraschen".

Als wiederkehrendes Format in regulären "Neo Magazin Royale"-Ausgaben weckte "Prism is a Dancer", quasi benannt nach dem Spitzelprogramm der US-Überwachungsbehörde NSA, beim Zuschauen eher den "Oh Schreck, ist mein Facebook-Profil etwa offen?"-Reflex, die digitale Entsprechung zu "Mist, hab ich den Herd angelassen?", wenn Menschen aus dem Studiopublikum mit vermutlich selbst längst vergessenen, von Böhmermanns ambitionierten Stöberterriern wieder ausgegrabenen digitalen Spuren und vor Jahren abgesetzten Häufchen konfrontiert wurden. In der 90-minütigen Spezialsendung wird der große Spitzelbruder dagegen zur gütigen Schenkemutter, die uns besser kennt, als wir uns selbst, unsere geheimsten, irgendwann mal flüchtig nebenbei geäußerten Wünsche registriert und erfüllt.

Mit spitzen Fingern in unseren digitalen Unterhosenschubladen

Natürlich muss sie dafür auch manchmal ein bisschen mit spitzen Fingern in unseren digitalen Unterhosenschubladen und dem Dreckwäscheknäuel wühlen. Eine Zuschauerin muss kurz mal öffentlich erklären, warum sie den Verdauungsschmuddelfilm "2 Girls 1 Cup" gleich zweimal hintereinander angeschaut hat (allerdings musste das Rechercheteam dafür nicht ihre Streamingstatistiken hacken, sie hatte das freimütig selbst auf Twitter geteilt), aber das war auch schon der einzige leicht unbehagliche Moment der Sendung.

Das Grundgefühl der Sendung ist eine gutmütige Wohligkeit mit großer Detailliebe: alles nett, alles niedlich, was da so ausgegraben wurde. Für kleinliche Beschwerdepostings wegen falscher Bauteile im Überraschungsei oder die Vorliebe für die Fleischwurst einer bestimmten Metzgerei muss man sich nun wirklich nicht schämen.

Die Menschen werden zwar ungewollt ins Showlicht gezogen, aber es passiert ihnen nichts Schlimmes: Eine Hobbysängerin, die vergeblich in einem Musikerforum eine Band suchte, darf noch in der Sendung mit Alligatoah und Deichkind-Porky auftreten. Für eine begeisterte Konzertbesucherin, die mit ihren 1,60 Metern dabei oft schlechte Bühnensicht hat und das einmal in einem Onlinefragebogen beklagte, wird eigens eine Crowd aus noch kleineren Menschen ins Studio gekarrt, damit sie einmal als Größte bei freier Sicht Cro zujubeln kann.

Selbst als ein Hobby-TV-Kritiker zur Abwechslung einmal selbst kritisiert wird, fällt das zahm und niedlich aus - weil Menderes Bagci extraputzig seinen Satzbau analysiert und ihm zur Weiterentwicklung Fontane-Lektüre empfiehlt, vielleicht der flauschigste Moment der Sendung.

Die lustigsten Szenen verstecken sich dagegen im Abspann: Zwei vermeintliche Bilderbuchstreber, deren Onlinespuren hauptsächlich Jugend-forscht-Einreichungen und Engagement für mehr Mülleimer an Bonner Bushaltestellen hergaben, dürfen mit Busendamen und Schnaps in einer kleinen Bilderdoku "Hangover"-würdige Szenen nachstellen. Ein schönes Ende, das dem gemolkenen Netz auch wieder etwas zurückgibt - ein schönes Sortiment kompromittierender Fotos, die googelnde Personalchefs in ein paar Jahren eventuell kurz stutzen lassen.

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