Medienstar Böhmermann Clown mit Haltung

Jan Böhmermann war eine der interessantesten Personen im Medienjahr 2013. Erst wurde der Ex-Sidekick von Harald Schmidt und Charlotte Roche von allen gehasst, dann gehypt. Schließlich beschloss man, dass er die Rettung für das schlaue deutsche Fernsehen ist. Eine Nahaufnahme.

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Tja, sagt Jan Böhmermann. Pech gehabt. Er sei voll mit Adrenalin. Gerade ist Böhmermann Rollschuh gelaufen. Er hat eine bunte Leggings angezogen und mit Ross Antony ein Musical-Lied gesungen. Dazwischen hat er eine Dose Energy-Brause getrunken.

Die Hoffnung war, dass Böhmermann nach der Aufzeichnung seiner neuen Sendung "Neo Magazin" etwas müde sein könnte. Aber er ist an diesem Winterabend in Köln-Ehrenfeld ziemlich aufgedreht.

Am Buffet schaufelt Böhmermann sich erst mal eine Portion Kohlrouladen auf den Teller. Es soll jetzt um die Frage gehen, weshalb dieser Mann im Jahr 2013 so ausdauernd als Rettung des klugen deutschen Fernsehens gefeiert wurde. Und ob das nicht wahnsinnig übertrieben ist. Er könne gleichzeitig essen und reden, kein Problem, sagt Böhmermann.

Angefangen hat die Begeisterung schon im Jahr 2012. Mit der Retro-Talkshow "Roche & Böhmermann" auf ZDF Kultur. Seitdem wird Böhmermann als "eines der größten Moderatorentalente" und "Ausnahmeerscheinung" bejubelt.

Jan Böhmermann ist 32 Jahre alt. Er ist das ewige Talent, das nun den Durchbruch geschafft hat. Noch passen die wichtigen Details aber in Twitter-taugliche 140-Zeichen: Kindheit in Bremen, Polizisten-Sohn, Schülerzeitung, Lokalzeitung, ARD-Volontariat, Radio, Harald-Schmidt-Sidekick, "R&B"-Talk, "Neo Magazin".

"Wollte nie intelligentes Fernsehen machen"

Böhmermann trägt seinen Teller vom Studio in einen Besprechungsraum. An der Tür hängt ein "Nicht stören"-Schild, woran sich aber niemand halten wird. Seit Herbst macht er jetzt donnerstags eine Show bei ZDFneo. Klassische Late-Night-Struktur: Stand-up, Studioaktion, Stargast. Eine Mischung aus Wochenrückblick und die Off-Kommentierung des Hipster-Lebens. Das ist manchmal sehr komisch.

Inhaltlich bewegt Böhmermann sich exakt auf der Grenze zwischen Gesellschaftskritik und dem Angebot von "BildPlus". Von seinem Spott betroffen ist eigentlich jeder um die dreißig, der regelmäßig sein Facebook-Profil aktualisiert. Aber reicht das schon, um als intellektueller Komiker das Fernsehen zu retten? Böse könnte man sagen: Böhmermann ist so etwas wie der Hofnarr für Menschen in den Medien. Besonders Journalisten finden ihn super. Sie räumen ihm die Medienseiten frei und stellen gern buddymäßige Fragen. Es ist deshalb schwer zu sagen, wie populär Böhmermann gerade wirklich ist.

Er selbst spricht pflichtschuldig von einem Missverständnis: "Der Anspruch war nie intelligentes Fernsehen zu machen. Ich will bloß unterhalten", sagt er. Aber wenn Böhmermann in der Rubrik "Prism is a dancer" das Studiopublikum damit konfrontiert, was er über sie im Internet herausgefunden hat, dann ist das eben auch schlau. Und das weiß er.

Spannend an Böhmermann ist, dass ihm in Wirklichkeit nichts egal ist. Seine Abneigung für die Promotion von Talk-Gästen etwa, kann er nur schlecht überspielen. Das bekam neulich Geiger David Garrett zu spüren. Eine kurzfristige Absage von Alice Schwarzer hat ihn persönlich geärgert. Die "Emma"-Herausgeberin kam nicht zum "Neo Magazin", ging aber zu Maischberger. Einen "Bitchmove" nannte Böhmermann das vor der Kamera, dahinter "unprofessionell". "In der Unterhaltungsbranche mangelt es an den einfachsten Tugenden." Sagt ausgerechnet Böhmermann, will man hinzufügen.

Wie ein Zwinker-Smiley in echt

Aber die Bühnenfigur Böhmermann ist von der Privatperson sorgfältig zu trennen. Böhmermann sitzt jetzt da und tut sich schwer, das zu erklären: Die Fernseh- und Radioperson sei eine Showfigur, die spielen will: "Sie kann nett und böse sein. Dann wieder nett, wenn es niemand erwartet." Die schönste Überraschung bei der Privatperson Böhmermann ist, dass er kein zynisches Bild von der Welt hat.

Gelegentlich ist das zu beobachten. Im Interview mit der Trash-Talk-Moderatorin Britt Hagedorn kippte Böhmermann mal komplett aus der Rolle: Ohne Ironie erklärte er Hagedorn, wie sehr er ihren Umgang mit Gästen hassen würde.

Dazu passt, dass Böhmermann seit Jahren Schöffe am Amtsgericht Köln ist. Mit einem Berufsrichter urteilt er dort über Straftaten. Von Betrug bis zu sexuellem Missbrauch. "Ich war der Meinung, das müssen auch Menschen aus dem Berufsleben machen und nicht immer nur frustrierte Hausfrauen und alte Nazis", sagt er in er in den Räumlichkeiten seiner Produktionsfirma.

Die beste Pointe von Böhmermann ist vielleicht, dass er ein ziemlich moralischer Mensch ist.

Daneben moderiert er immer noch im Radio. Dort wird deutlich, dass er auch noch eine ganze Menge handwerklichen Quark macht: arg improvisierte Moderationen, belanglose Gespräche, vergeigte Gags. Er kokettiert gern damit, unvorbereitet zu sein. Aber durch seine Ironie perlt die Kritik daran völlig ab. Böhmermann ist freundlich und professionell. Er spricht wahnsinnig schnell. Um zu wissen, ob er mit einer Antwort fertig ist, ertappt man sich dabei, wie man wartet, dass er sein Lächeln anknipst. Er ist manchmal wie ein Zwinker-Smiley in echt.

Um zu begreifen, weshalb die Böhmermann trotzdem etwas Besonderes ist, muss man auf die Brüche seiner Karriere schauen: Der Radiosender 1Live hat ihn rausgeschmissen, genau wie HR3. Bei Radio Bremen wurde er zweimal suspendiert. Der stellvertretende Hörfunkdirektor des WDR, Jochen Rausch, riet ihm angeblich, sich beruflich neu zu orientieren. Alles nur, weil Böhmermann nicht bereit war, die ewigen Werbe-Jingles zu wiederholen, sagt er.

Niemand schaut so miesepetrig Fernsehen

Dass Böhmermann Fernsehen tatsächlich anders denkt, ist auch in dem Kölner Hinterhof zu spüren, wo er das "Neo Magazin" aufzeichnet. Böhmermann hat ein Team um sich versammelt, das keine TV-Erfahrung hat. Niemand würde so miesepetrig Fernsehen schauen, sagt Böhmermann: "Die mögen nichts."

Dafür geben sie sich aber Mühe: Es sind Computer-Nerds, Hipster, viele sind ehemaligen Studenten der Kölner Kunsthochschule. Zu jeder Sendung trägt das Team Anzüge. Die "Bildundtonfabrik" sieht damit zwar eher aus wie eine Konfirmationsfeier, aber immerhin glauben die Leute an etwas.

Hinzu kommt, dass Böhmermann als einer der ersten verstanden hat, dass seine erweiterte Bühne das Internet ist. "Und die darf man nicht den mittelmäßigen Redakteuren und Praktikanten überlassen", sagt er.

Bei YouTube sehen Hunderttausende seine Videos, bei Twitter hat er über 60.000 Follower. Schon jetzt zählen Klicks mehr als die Quote. "Das Internet ist unsere Quelle. Hier findet unser inhaltlicher Diskurs statt. Dort wollen wir präsent sein", sagt er. Böhmermann ist für viele damit zum Experten geworden. Er wird zur Zukunft des Fernsehens befragt. Er soll die Zukunft des Journalismus voraussagen. Den öffentlich-rechtlichen Jugendkanal bewerten. Das Digitalfernsehen erklären. Vielleicht mögen Journalisten ihn, weil sie sich seine Antworten selbst nicht trauen würden.

Böhmermann ist kein Social-Media-Experte, kein Intellektueller, kein Twitter-König. Böhmermann kann fehlerfrei ein Smartphone bedienen. Er kann gleichzeitig essen und reden. Vielleicht ist Böhmermann nur der König der Kohlrouladen. Aber er ist ein Clown mit Haltung.

Für eine Sendung, die weniger Quote als die Wiederholung von "Alf" hat, wird es trotzdem schwer. "Aber alle Elemente funktionieren", sagt Böhmermann. Es sei wie ein Paar Schuhe, die er nur noch richtig einlaufen muss. Auch im Jahr 2014 wird das "Neo Magazin" fortgesetzt, 20 neue Folgen soll es geben. Irgendwann will er damit ins Hauptprogramm. Böhmermann holt tief Luft und sagt: "Vielleicht ist das aber auch einfach nur eine coole Idee." Dann knipst er sein Lächeln an.

"Neo Magazin", Silvester, 18.30 Uhr, ZDFneo

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cola79 31.12.2013
1. Genitalblödler
Böhmermann ist der Liebling der Medien, dann kann er nicht der Liebling der Zuschauer sein. Sein Repertoire beschränkt sich auf Genitalwitze (wirklich, 13-jährige Gymnasiasten mögen das total lustig finden, aber irgendwann kommt man doch in die Pubertät, und dann nervt sowas), das in zunehmender Frequenz-was damit kompensiert werden soll, oder überspielt, mag man sich selber denken. Ansonsten liefert er die Basics, diese aber auch nur in "bemühter" Qualität, das können viele viel viel besser. Das Problem des Fernsehens ist, dass es nur noch für sich selber sendet. Samstagsabendshows, bzw. das, was als solche angeboten wird, haben heutzutage bisweilen gerade einmal eine Million Zuschauer, dies auch noch hochgerechnet. Bedeutet, 79 Millionen gucken das überhaupt nicht. Wenn man alle Zahlen zusammenrechnet, dann gucken vielleicht noch 10 Millionen Leute Fernsehen, der Rest macht irgendwas anderes. Böhmermann wird von den Medien geliebt, weil er ist, wie die Medien. Er weiß nix, er will nix, und er kann auch nichts wirklich gut. Eigentlich ist ihm so ziemlich alles egal, Hauptsache, er macht Schlagzeilen, und wenn es nur auf Twitter ist-auch sowas, was die Medien lieben, aber kaum ein Bürger nutzt. Die Flucht ins Internet, sie ist eine deutsche Wahnidee, ausländische Sender wissen, es bringt nichts, mit dem Zuschauer zu chatten, das Fernsehen ist nicht sein Buddy. Da helfen noch noch qualitativ hochwertige Serien und Filme, mit provinziellem oder experimentellem Trash sendet man nur noch ins Nichts. Das Böhmermanns Team Fernsehen überhaupt nicht mag, das merkt man leider auch. Frage bleibt, warum machen sie dann welches? Fernsehen spielt keine Rolle mehr, deshalb wäre es für die Revolution zu spät. Zwischen Fernsehköchen, Pseudopolittalks und Realityspackos kann niemand überleben.
townsville 31.12.2013
2.
Wer ist das und was ist das fuer ein Magazin? auch nach der Lektüre des Artikels bin ich inhaltlich genauso weit wie vorher, was die Substanz dieses "Stars"angeht...
munsterm 31.12.2013
3. Fehlerkorrektur
Gleich im ersten Satz ist der erste Fehler, er war nämlich eine der interessantesten Personen. Und Smiley ist auch kein weiblicher Begriff. Liest bei Ihnen irgendwer eigentlich die Artikel gegen, bevor sie veröffentlich werden?
f4t4lb3rt 31.12.2013
4.
Schade, dass es die Sendung Roche & Böhmermann nicht mehr gibt..!
kahabe 31.12.2013
5. Es passt auch:
Zitat von townsvilleWer ist das und was ist das fuer ein Magazin? auch nach der Lektüre des Artikels bin ich inhaltlich genauso weit wie vorher, was die Substanz dieses "Stars"angeht...
Die Medien sind die Botschaft. (Herbert Marshall McLuhan, Medienwissentschaftler, 1911 - 1980)
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